Super, und dir? ~ Kathrin Weßling

Es kommt eher selten vor, dass mir während des Lesens oder nach dem Lesen eines Buches ein Lied in den Kopf rauscht. Ich höre auch beim Lesen keine Musik, dabei mag ich Musik sehr. Und wenn ich das schon sage, gebe ich gern zu, dass ich der totale Radio/Chartshörer bin und einige Lieder x-Mal hintereinander höre, da ich nicht genug bekommen kann. Das ich dabei mein Umfeld gern vertreibe, kannst du dir sicher denken. 254 Seiten später schoss das Lied „Warum“ von Tic Tac Toe in meinen Kopf…

Und warum? – die Frage stelle ich mir, wenn ich an Marlene Beckmann denke. Marlene feiert Geburtstag, sie ist nun 31, aber auf was kann sie zurückblicken, was kann sie bald erwarten und was passiert eigentlich gerade eben? Da ist Ronny, der Gute, der liebe Apotheker, der Freund, der immer die passende Chemie dabei hat. Auf Ronny ist verlass. Da sind ihre Freunde die ebenfalls gern Party machen und gern eine volle Nase haben, um die Welt bunt zu sehen und richtig genießen zu können. Ihre Eltern sind getrennt – der Vater ist kaum noch in ihrem Leben spürbar, ihre Mutter trinkt ganz gerne und lebt in ihrer grauen Welt. Dafür hat sie aber einen wirklich lieben Freund. Er ist für sie da, er möchte mit ihr den dringend notwendigen Urlaub machen und er könnte ihr Ruhepohl nach dem stressigen Arbeitstag sein.

Aber: Marlene geht es gut – sie gibt im Job alles, sie arbeitet an sich, um weiterhin in der Firma bleiben zu können, um Karriere zu machen und um nicht austauschbar zu sein. Sie postet Bilder auf sämtlichen Sozial Media Kanälen und sammelt Herzen die ihr ein gutes Gefühl geben und immerhin kann sie auf die Frage, wie es ihr geht, immer mit „Super…“ antworten. Läuft doch! Wo liegt das Problem?

„Freundlich, professionell, klar. Das ist Marlene Beckmann. Keine Angst. Niemals Angst zeigen. Angst und Unsicherheit sind für Menschen, die nicht wissen, was sie tun. Ich aber weiß, was ich hier mache. Ich weiß es.“ (Seite 45)

Super, und dir?

Aber jetzt mal im Ernst. Wie geht es dir eigentlich? Bist du auch nur im Job und hast den typischen Erfolgsdruck in dir? Vielleicht musst du auch die Notbremse ziehen, um nicht in den fiesen Strudel zu kommen, in den Marlene gerutscht ist. Es wäre schade um dich und um mich vielleicht auch.

Super, und dir? ~ Kathrin Weßling

Als Marlene auf dem Zahnfleisch kriecht, keinen Urlaub bekommt und ihr Freund alleine nach Teneriffa reist, ist es vorbei. Marlene bleibt liegen und ich würde das ab und an gerne auch tun, dabei geht es mir nicht mal annähernd so wie ihr. Mein Umfeld besteht aus Freunden, die ich wirklich Freunde nennen kann, meine Familie ist in Takt und ich bekomme Halt, wenn ich ihn brauche.

Kathrin Weßling kommt hier mit einem Buch um die Ecke geschlendert, was schonungslos umhaut, wachrüttelt, bewegt und trifft. Ein Buch was so maßgeschneidert auf unsere Generation ist, was mich so derbe anspricht und genau in das Lebensfenster passt. Als ich in der Sonne den Roman begann, hatte ich danach den totalen Sonnenstich, denn ich konnte kaum pausieren. Die Sogkraft ist so groß, ich fühlte mich beim Lesen wie ein Junkie und hungerte danach zu wissen, wie es mit Marlene weitergeht. Und warum? Die Frage kam immer wieder in mir auf.

Klar habe ich gefühlt, dass alles auf einen richtig großen Arschtritt hinausläuft, aber ich musste den auch spüren. Zudem hatte ich keine Chance, Marlene alleine zu lassen. Trotzdem war ich machtlos und selbst im Zwiespalt, wie ich helfen kann, wie ich den Absturz verhindern kann. Ich hätte Marlene gerne geschüttelt, angeschrien, ihr diese Scheißchemie weggenommen und manchmal saß ich nur schwach da und fühlte mich von ihr genervt.

Harter, beklemmender Stoff – das möchte ich nicht weichreden und doch buchiger Stoff, der ganz dringend inhaliert werden sollte. Marlene fühlt sich so real an, dass ich fast schon bei ihr vor der Tür stand. Kathrin Weßling musste eine Protagonistin erschaffen, die authentisch ist, um ihre Leser zu treffen und das ist ihr gelungen. Sprachlich ganz genauso – locker, luftig, einfach real, so wie wir uns eben geben.

Genau nach der letzten Seite kam ich via Instagram mit Kathrin Weßling in Kontakt und fragte sie, wie es Marlene geht, was sie wohl gerade macht. „Sie schläft hoffentlich“ – antwortet Kathrin und befriedigte damit mein Inneres.

Eure
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