Und auch so bitterkalt -
Und auch so bitterkalt – neue Aktion – Autoren fragen Leser

Leser fragen Autoren –kennt ihr, aber wie wäre es mal mit Autoren fragen Leser? Diese Idee machte sich blitzartig in meinem Kopf breit, als ich Lara Schützsacks Roman Und auch so bitterkalt (Fischer KJB) beendete und mein Gedankenkarussell einfach nicht anhielt.

Ich wollte wissen, wie andere Leserinnen über den Romaninhalt, über bestimmte Textstellen denken und das sofort, ohne Verzögerungen. Also ging das Buch kurzerhand auf Wanderschaft und die vier Mädels – Julia, Cindy, Stephanie und Lili – lasen das Werk ebenso schnell wie ich.

BÄHM! Ein wahnsinniger Einschlag in unsere Leserherzen, denn Lucinda hat sich in unser Herz gebohrt.

Und auch so bitterkalt - Leseeindrücke
Und auch so bitterkalt – Leseeindrücke

Lucinda. Sie ist schön, sie ist anders, sie ragt aus der Masse heraus, sie ist einzig, sie ist bewundernswert, sie ist lebenshungrig, sie ist stark, sie ist außergewöhnlich, sie ist unnahbar. Sie ist Lucinda. Sie hat Macht.

Lucinda ist krank, doch die Welt ist machtlos und keiner kommt an die Pubertierende heran. Lucinda ist ein Fixstern, sie leuchtet, sie blendet, sie hat ihr eigenes Universum.

Ihre Schwester Malina betet sie förmlich an, sie ist ihr hörig und würde nie ein Wort gegen ihr Idol richten. Malina kennt Lucindas Schritte, sie beobachtet sie, wenn sie mit Jungen im Keller verschwindet und auch sie trifft auf den Jungen namens Jarvis.

Malina ist ihrer Schwester zwar nah, aber nicht mehr so nah wie sie es einmal war. Lucinda beginnt zu bröckeln, zu fallen, genau wie die Steinengel am alten Wohnhaus…

Und auch so bitterkalt - Wanderweg
Und auch so bitterkalt – Wanderweg

Mein Fazit: Lara Schützsack hat mit ihrem Werk direkt mein Herz getroffen. Sie schreibt harten Stoff, eingehüllt in poetische Worte und ihre Protagonistin Lucinda balanciert auf einem dünnen Lebensseil. Nicht nur die Worte, auch die Gestaltung im Inneren (es gibt eine schwarze Seite und ein paar Ein-Satz-Seiten) trägt zur Tiefenwirkung bei. Der Roman hat sich in mir verankert, denn nie zuvor wurde wohl das Thema Magersucht in dieser Form beschrieben. Es schleicht sich an und schlägt dann zu. Wie die Autorin das Thema behandelt, wie sie das familiäre und das allgemeine Umfeld mit einbezieht und wie es auf Lucinda reagiert ist treffend, bewegend, erschütternd. Für mich ist Lucinda wie eine Welle. Kurz bevor ich sie ergreifen kann, zieht sie sich schon wieder zurück. Lucinda habe ich bewundert, bemitleidet, gehasst und doch hätte ich gern geholfen…

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Die Idee mit dem Wanderbuch hat für mich persönlich den Lesenagel auf den Kopf getroffen und meine Erwartungen wurden mehr als übertroffen. Ich bat alle vier Leserinnen darum, sich im Buch zu verewigen und das Buch mit ihren Worten noch mehr zu beleben. Das Ergebnis ist der Wahnsinn und eigentlich müsste jede Leserin es noch einmal bekommen, um die Worte der anderen Mädels lesen zu können. Ich habe jede einzelne Notiz verinnerlicht und mit meinen Empfindungen verglichen und nebenbei so viel über die Leserinnen gelernt. Wow. Es ist ein regelrechtes persönliches Lesetagebuch geworden. Zudem hat mir jede Leserin eine persönliche Karte beigelegt und alle 4 Fragen ausgiebig beantwortet. Alles wiederzugeben wäre zu viel, daher musste ich etwas kürzen und präsentiere euch hier die sogenannten Wortfiletstücken.

Und auch so bitterkalt - Julia Groß
Und auch so bitterkalt – Julia Groß

Frage 1: Wo liegt Tenebrien?

Julia: Tenebrien ist ein Zufluchtsort für alle, die ihren Platz in der „normalen“ Welt nicht finden können/gefunden haben. Ich denke in jedem schlummert ein persönlicher Ort Tenebrien, an den man sich zurück zieht, wenn man sich unverstanden oder nicht zugehörig fühlt – eine kleine Phantasiewelt, in der alles in Ordnung zu sein scheint.

Cindy: Tenebrien ist eine Wunschwelt, die man sich nach eigenen Gedanken, Ideen und Bedürfnissen selbst erbaut. Dort fühlt man sich geborgen, verstanden und wird akzeptiert wie man ist. Ich denke jeder hat sein eigenes Tenebrien und solange man so nicht den Bezug zur Realität verliert, ist dies auch eine positive Art und Weise sich selbst zu schützen und sich und seine Persönlichkeit aufzubauen, sich dort ein Stück weit besser kennen zu lernen.

Stephanie: Ich bin der Meinung, wir betreten Tenebrien, sobald wir unsere Augen schließen. Im Dunkel des Schlafs fallen wir in ein Land der Träume, in dem alles möglich ist. Tenebrien ist also ein Rückzugsort aus der realen Welt, hinein in eine Welt des Fantastischen.

Lili: Tenebrien, so stelle ich mir vor, liegt in uns selbst. Es ist en Ort, den wir alle mal brauchen. Zu dem wir gehen, wenn wir uns zurückziehen müssen/wollen. Wenn uns alles zu viel wird. Wenn wir unsere Ruhe haben wollen. Wenn alles dunkel in uns ist. Wenn uns die Worte ausgehen. Jeder hat sein eigenes Tenebrien, das er sich einrichtet.

Ich: Ich kann mich den Mädels nur anschließen und ich denke wir sprechen alle die gleiche Sprache – Tenebrien – ein Ort den jeder hat – ein persönlicher innerer Rückzugsort, eine Traumwelt.

Und auch so bitterkalt - Stephanie Manig
Und auch so bitterkalt – Cindy Roth

Frage 2: Wärst du gerne mit Lucinda befreundet?

Julia: Eine schwierige Frage. Einerseits ist sie eine reizvolle Person, ein Paradiesvogel. Immer am Limit, im Mittelpunkt, ein strahlender Stern. Anderseits düster, zu Grausamkeiten fähig, die andere Menschen in den Wahnsinn treiben. JEIN.

Cindy: Schwere Frage, da sich meine Meinung während des Lesens geändert hat. Aber wenn ich ehrlich bin, ich wäre nicht gern mit ihr befreundet.

Stephanie: Diese Frage kann ich getrost mit NEIN beantworten. Neben Lucinda hat man keine Chance. Die Welt scheint sich nur um sie zu drehen. Sie allein bestimmt die Regeln. Außerdem glaube ich nicht, dass sie an den Gefühlen ihrer Mitmenschen Anteil nimmt. Die  Regel von Geben und Nehmen wäre in diesem Falle wohl vollkommen außer Kraft gesetzt, da Lucinda nur nimmt: Aufmerksamkeit, Bewunderung – nein, eine Freundschaft mit einer derart egozentrischen Person wäre nichts für mich!

Lili: JEIN. Sie lebt nur nach ihren Regeln, lebt am Gefühlslimit, braucht Aufmerksamkeit und die Show, wie andere Leute die Luft zum Atmen. Dabei sehnt sie sich eigentlich nur nach Liebe und in den Arm genommen zu werden. Sie ist ein einziger Hilfeschrei, den man nur schwer verstehen kann. Es sei denn, man spricht „lucindaisch“. Eine Freundschaft mit Lucinda würde einer Achterbahnfahrt gleichen. Sie ist eine interessante und schillernde Persönlichkeit, di aber bedingt durch ihre Krankheit sehr verletzend ist. Man sollte psychisch sehr stabil sein um Lucinda und alles was damit zu tun hat, aufzufangen.

Ich: Freundschaft – NEIN! Wie auch meine Vorrednerinnen sagten, ist es schwer die Frage mit dem Wissen, dass Lucinda krank ist, zu beantworten, da jeder von uns Mitleid hat. Aber ohne an die Krankheit zu denken, sondern anhand ihrem Verhalten, ihres Charakters zu urteilen – NEIN!

Und auch so bitterkalt - Stephanie Manig
Und auch so bitterkalt – Stephanie Manig

Frage 3: Welche Platte würdest du Lucinda schenken?

Julia: Die Antwort fällt leicht, da mir im Laufe des Buches eine CD einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte. The Velvet Underground and Nico.

Cindy: Der Grund warum die Frage für mich nicht leicht zu beantworten ist, ist leicht zu erklären. Musik hat bei mir nicht so einen hohen Stellenwert in meinem Leben. Es ist von Tag zu Tag unterschiedlich wie ich auf bestimmte Lieder reagiere. Ich würde eine Platte auswählen, die zum Träumen und Relaxen einlädt. Ruhige Musik die helfen kann den Alltag ein wenig hinter sich zu lassen (also einem hilft die Reise ins eigenen Tenebrien zu starten). Ich würde, glaube ich, einen persönlichen Mix verschenken auf dem die Titel „Sound of silence“ (Simon & Garfunkel), „Seasons in the Sun“ (Terry Jacks), „Hotel California“ (Eagles), „Purple Rain“ (Prince), „November Rain“ (Guns´n´Roses), „Father and Son“ (Cat Stevens) und „Hard to say I´m sorry” (Chicago) zu hören sind.

Stephanie: Lucinda scheint ja mehr auf Musik älteren Datums zu stehen. Aus neuzeitlicher Sicht würde das Album „Innerquake“ von Phoebe Killdeer & The Short Straws zu ihr passen. Ich glaube, das könnte ihr gefallen.

Lili: Wahrscheinlich keine, denn man kann sich nur in die Nesseln setzen. Doch mir fällt „Millionen Legionen“ und „Krieger“ von Thomas D. ein. Und „Time to Wonder“ von Fury in the Slaugtherhouse. Und „Dad“ von K`S Choice. Und von den Toten Hosen „Wünsche dir was“.

Ich: Ich überlegte tagelang welche Platte ich ihr schenken würde. Einen Namen hab ich nicht, aber es sollte eine Platte von deutschen Bands sein – eine lebensbejahende Platte. Vielleicht eine von der Band „Wir sind Helden“.

Und auch so bitterkalt - Lili Hamann
Und auch so bitterkalt – Lili Hamann

Fazit von Julia: Das Buch hat meine Erwartungen absolut übertroffen, da es mit seiner Aktualität treffend Probleme der heutigen Gesellschaft, insbesondere der Jugend aufzeigt und uns auf eine sehr klare Art und Weise die Geschichte von Lucinda – einem psychisch kranken Mädchen und ihrer Familie aufzeigt. Hatte ich anhand des Buchtitels vielmehr einen Jugendthriller erwartet, traf das Gelesene jedoch viel tiefer, regt zum Nachdenken an über die Gesellschaft, falsche Idole, die den jungen Mädels vermittelt werden und über die Familie und Freunde, die mit solchen Schicksalen umgehen müssen und harte Kämpfe durchmachen. Wundervoll, tieftraurig und wahnsinnig berührend – danke für dieses Leseerlebnis.

Fazit von Cindy: Ein sehr emotionaler Jugendroman, der ein aktuelles Problem der heutigen Gesellschaft aufgreift und das Leben einer Familie mit einem psychisch kranken Kind wiedergibt. Hier treffen viele Gefühlsregungen zusammen: erschreckend, traurig, berührend, mitleidig, nachdenklich – kurz: sehr emotional.

Fazit von Stephanie: „Und auch so bitterkalt“ erzählt von einem äußerlich unangreifbaren, aber innerlich vereinsamten Mädchen. Ein gleichermaßen bezauberndes wie erschreckendes Buch.

Fazit von Lili: Es ist eine berührende Geschichte (wie sie sich wirklich abgespielt haben könnte) erzählt in einer Sprache, die nicht laut sein muss, um zu schreien. Das Thema ist sehr emotional und die Autorin lenkt dazu an, hinter die Kulissen zu schauen. Sie schafft es auch, dass man sich in alle Protagonisten reinversetzten kann. Auch produziert sie genau die richtige Stimmung.

Und auch so bitterkalt - Wortmarkierungen
Und auch so bitterkalt – Wortmarkierungen

DANKE!

Danke Lara Schützsack für diesen wichtigen Roman und DANKE an euch vier Mädels, dass ihr nicht nur gelesen, sondern eure Gedanken geteilt habt! DANKE auch für die Postkarten mit herzlichen Worten an uns Literatwos und danke Lili für den Wunschstern.

0 comments on “[Wanderbuch ~ Autoren fragen Leser] Und auch so bitterkalt von Lara Schützsack”

  1. Super Aktion! Das Buch hat mich umgehauen, es ist das erste, das dieses Thema WIRKLICH trifft, so ehrlich, authentisch und war. Jeder Betroffene wie Angehörige wird sich darin wieder finden und trotzdem steckt noch etwas ganz anderes dahinter. Mir fiel ständig der Satz „Poesie küsst Melancholie“ ein…

    Ich hab noch eine andere Antwort auf Frage 1: Tenebrien ist die Magersucht. Es ist diese Welt der Illusion, in der es Dunkel wunderschön und doch gefährlich ist. es ist eben diese Welt in die sich jene zurück ziehen, die hier nicht zurecht kommen

Vorhang auf für eure Worte...