Die einzige Geschichte? Geschichten erzählen von Freude und Fleiß?

Eher nein, denn es geht um die Liebe. Verstaubt? Also hör mal, ganz bestimmt nicht. Traust du mir zu, dass ich dir hier und heute einen öden Liebesroman vorstelle? Weit gefehlt, sehr weit. Außerdem hätte der in London lebende Autor, Jahrgang 1946, bestimmt nicht 2011 den Man Booker Prize erhalten, wenn er nicht schreiben könnte. Oder?

Moment, ich überzeuge dich kurz mit einem Zitat:

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“ (Seite 11)

Das Zitat steht direkt am Anfang des Buches und die Worte haben mich stark bremsen lassen. Ich musste erstmal darüber nachdenken. Geht´s dir auch so? Gut, Stunden habe ich mich nicht aufhalten lassen, schließlich wollte ich wissen, was mich hinter diesem wahrlich interessanten Cover erwartet. Für mich sieht es so aus, als ob es anfangs zwei Geschichten gab – eine maschinell begonnen, die dann verworfen und mit der Hand weiter geschrieben wurde. Kommt das hin?

Mehr lieben – mehr leiden?

Die Frage kann ich nur stellen, weil ich aktuell erst auf Seite 110 und schon total begeistert bin. Knapp über 300 Seiten hat der Roman, der überhaupt nicht in Kapitel, sondern nur in kleine Abschnitte und drei Teile unterteilt ist. Kapitel hat er auch nicht nötig, da er ist so gemacht ist, dass Leseunterbrechungen im Grunde kaum möglich sind. Zumindest im ersten Teil, wie ich später merkte…

Die Art, wie Julian Barnes „Die einzige Geschichte“ (Kiwi) erzählt, ist so herzerfrischend komisch und spannend zu gleich, dass ich einige Stellen mehrmals und auch laut vorlesen musste. Der 19jährige Protagonist spricht direkt zu uns Lesern uns versucht die Wahrheit so gut wie möglich wieder zu geben. Er kramt in seinen Erinnerungen und spricht uns dabei immer wieder direkt an.

Paul Marko hat sich im Tennisklub in die 48-jährige Susan verliebt. Seine Eltern haben es doch so gewollt, dass er den Klub besucht, also können sie sich nicht beschweren, dass er jetzt mit der verheirateten Zweifach-Mutter zusammen sein will. Seine Liebe ist echt – ihre auch…?!

Die einzige Geschichte ~ Julian Barnes

Julian Barnes schreibt über die Liebe, über die eher ungewöhnliche Liebe, denn Susan könnte Pauls Mutter sein. Er schreibt aber gewöhnlich, schließlich ist die Liebe die Liebe und die Liebe hat kein Alter und ist immer richtig – richtig?

Liebe – Liebe – Liebe

Kannst du dich noch an deine erste große Liebe erinnern? Meist ist genau diese Liebe die Geschichte wert, da in dieser die meisten Erfahrungen, die schönsten und schmerzhaftsten ersten Momente gemacht werden.

Wie bereits geschrieben, habe ich den ersten Teil der Geschichte wie im Rausch gelesen. So unglaublich frisch und jung geschrieben, sehr real und plausibel und eben so, wie die erste Zeit in einer frischen Liebe ist. Der zweite Teil hat mich dann ganz schön ausgebremst und das ich den dritten Teil überhaupt noch gelesen habe, hat wohl daran gelegen, dass ich auf die große Wendung oder den großen Knall hoffte. Vergeblich und doch auch plausibel, denn Autor Barnes lässt uns die Liebe fühlen, wenn der Alltag einkehrt und auch wenn sie auseinander bricht. Clever!

Ganz grandios ist der raffinierte Erzählstil, den sich kein Leser entgehen lassen sollte. Es ist herrlich, wie Paul Marko uns Lesern erzählt, auf was er alles nicht eingehen wird, wie er über Sex redet und die Vergangenheit dabei aufarbeitet. Er spricht erst uns direkt an, um in den nächsten Abschnitten sich selbst über sich zu erzählen, um dann wenig später in die 3. Person Singular zu verfallen. Was für ein Kniff – passend zu den Phasen der Liebe, versteht sich.

Trotz wundervoller Sätze, trotz wirklicher Liebe, trotz einer ungewöhnlichen Geschichte, bin ich nicht komplett überzeugt. Mir ist vor allem Susan zu blass geblieben, zu lieblos, zu unaktiv in ihrer Rolle und am Ende hat sich Paul von einer neuen Seite gezeigt, die nach allem was war, einfach nicht plausibel ist. Ich habe nach dem grandiosen 1. Teil einfach mehr erwartet – mehr Tiefe, nicht nur die gefühlt einseitige Liebe in all ihren Facetten.

Verdammt schade!

Eure
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