Die Mitte der Welt ~ Andreas Steinhöfel

„Die Mitte der Welt“ ist für Phil auf jeden Fall eine Bibliothek und diese befindet sich in seinem Zuhause namens Visible. Visible = sichtbar / und das für alle Bewohner der Stadt, auch Kleine Leute genannt. Unklar ist, wie viele Fenster und Zimmer das große Haus hat – klar ist allerdings wer darin wohnt. Phil, seine Zwillingsschwester Dianne und Mutter Glass. Die Stadtbewohner tuscheln über die merkwürdige Familie – den schwulen Phil, die sonderbare Dianne und die männerverschlingende Mutter die sich eher wie eine Jugendliche benimmt.

„Verrückt ist, dass Glass, Dianne und ich nicht nach den Regeln der Kleinen Leute leben, dass jeder von uns Grund genug hat, sich als Außenseiter zu empfinden, dass wir so viel mehr miteinander gemein haben als nur das Blut, das durch unsere Adern fließt, und dass es uns trotzdem unmöglich ist, miteinander zu reden.“ (Seite 270)

Glass bringt zwar ständig neue Männer mit, aber diese können noch längst nicht den fehlenden Vater ersetzen. Phil beschäftigt es sehr, wer sein Vater ist, doch seine Mutter gibt keine Informationen preis. Seine beste Freundin Kat bekommt Konkurrenz, als Nicholas neu an die Schule kommt. Phil verliebt sich und Nicholas ist keinesfalls abgeneigt. Aber ist es wirklich Liebe? Und was passiert noch?

Visible = sichtbar

War es das jetzt schon, Andreas Steinhöfel? Mal ehrlich – so richtig spannend und/oder gefühlvoll klingt das jetzt nicht. Oder was sagst du? Moment, klick mal noch nicht weiter, sondern lies, was ich zum Roman zu sagen habe, denn ich bin auf jeden Fall angetan. Wir schreiben jetzt das Jahr 2018 und das eigentliche Ersterscheinungsjahr ist 1998. Ich habe auch gestaunt und noch mehr, als ich gehört habe, dass es sogar schon eine Verfilmung gibt und dass das Buch schon viele kennen. Schon aus diesem Grund musste ich zur Neuauflage aus dem Hause Carlsen greifen und außerdem hat mich der Autor bereits mit „Anders“ begeistert.

Ich habe alles richtig gemacht, so meine Feststellung nach dem Lesen. Wie das geht? Du schlägst den Roman auf und lässt dich einfach in die fiktionale Geschichte fallen, ohne Fragen zu stellen. Einfach lesen und abtauchen auf eigenen Gefahr, ohne irgendwelche Analysen. Mir ist das bestens gelungen und Phil ist so ein netter Kerl, das er mir umgehend ans Herz gewachsen ist. Dianne ist da schon etwas spezieller und das die Mutter das absolute Highlight ist, kannst du dir ja denken.

Die Mitte der Welt ~ Andreas Steinhöfel

„Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest. Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. Sie lässt dich regenbogenfarbene Bonbons verteilen, lässt dich in roten Schuhen durch die Straßen tanzen und sie schreckt nicht davor zurück, dich nachts mit blutenden Händen Gräber in paradiesische Gärten hacken zu lassen. Liebe schlägt dir tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigene Art heilt sie auch deine Narben, vorausgesetzt, du vertraust ihr und gibst ihr die Zeit dazu.“ (Seite 450/451)

Andreas Steinhöfel schreibt besonders, seine Charaktere sind durchgehend besonders und auch alle Handlungen, die ganze Geschichte, ist besonders. Normalität findet im Roman „Die Mitte der Welt“ nicht statt. Das Buch möchte nicht in eine Schublade gesteckt und auch keinem Lesealter zugeordnet werden, darum betitel ich es einfach als den besonderen Roman der für deine besondere Lesezeit gedacht ist.

Eine ganz besondere Mitte

Mich hat das Buch in eine Art Lesestrudel gezogen. Ich konnte nicht wirklich auftauchen, ich bin mit Phil in der Gegenwart unterwegs gewesen, habe aber auch zurück geblickt. Viele Nebengeschichten bilden das Grundgerüst und nach und nach ergeben sich die Zusammenhänge und die Tatsachen kommen ans Licht. Ein breites Spektrum an Gefühlen begleitet und Leser. Wir schwanken – so mag ich es benennen. Wir lieben, wir hassen, wir gehören nicht richtig dazu, obwohl wir mittendrin sind und wir vertrauen genauso viel, wie wir misstrauen. Und ja, wir zweifeln und haben Angst und doch glauben wir und hoffen, erschrecken uns und zwischen Naivität und Selbstvertrauen liegt so viel Atemluft.

Autor Steinhöfel ist bekannt, besonders zu schreiben und seine Charaktere sind auffällig und trotzdem macht er diese auffälligen Besonderheiten die in unserer Gesellschaft als nicht normal angesehen werden, nicht zum Mittelpunkt des Buches. Er nimmt brisanten Themen ganz unauffällig die Luft und dieser Kniff macht seinen Roman aus.

Seine Protagonisten nehmen uns mit und erzählen uns ihre Geheimnisse, wachsen an unserer Seite und dann – les selbst…

Auch wenn ich Nachwörter nicht wirklich mag, da ich gern nach dem letzten Wort das Buch schließe, ist hier das Nachwort wohl die Krönung. Andreas Steinhöfel rückt auf den letzten Seiten namens „Die Wahrheit hinter der Fiktion“ seine Wort in ein ganz anderes Licht und öffnet uns Lesern noch eine zusätzliche Ebene, eine andere Mitte der Welt. STARK!

Eure
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2 comments on “Die Mitte der Welt ist eine Bibliothek?”

  1. Das klingt einmal mehr nach einem wirklich spannenden Buch, welches gelesen werden will. Ich denke, nach dem Bericht, wäre die Anschaffung definitiv wert. Oder aber zumindest die Notierung auf einer Liste, um es nicht gänzlich zu vergessen.

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