Leinsee ~ Anne Reinecke

Wie singt Peter Fox so schön über das Haus am See? Meint er das Haus am Leinsee? Mal raus und ab zum Leinsee, dachte ich mir. Zusammen mit Karl Sund, dem Hauptprotagonisten von Anne Reinecke. Wir sind fast gleiches Alter, er kommt sympathisch rüber und ihm geht es finanziell überhaupt nicht schlecht. Er ist Künstler und ich belächele ihn ein wenig, da ich selbst mit Vakuumplastiken nicht wirklich etwas anfangen kann. Wie siehst du das? Bist du selbst mit künstlerischen Genen ausgestattet?

Unser Ausflug steht allerdings nicht wirklich unter einem guten Stern und vorerst soll es auch wenig Erholung am Leinsee geben. Raus aus der Hauptstadt, weg von der Freundin und rein in die traurige Welt. So richtig schlimm fühlt sich für Karl nicht an, was mir allerdings komplett die Beine wegziehen würde. Sein Vater August hat sich erhangen. Er hat nicht verkraften können, dass seine geliebte Ehefrau Ada an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt ist und dabei ist sie noch nicht einmal tot.

Erhangen – Schluss – Aus. Ada lebt allerdings weiter und Karl muss nun die Rolle von seinem Vater einnehmen und da sein. Er muss da sein, obwohl seine Eltern nicht wirklich für ihn da waren. Sie waren lebenslang ein Team und durch und durch gefangen in ihrer Künstlerwelt. Das Ehepaar brauchte nur ihre Ruhe, keine Freunde, keinen Sohn, einfach nur sich und das im Haus am Leinsee.

„Sie waren Ada und August, August und Ada, und das war größer als alles andere. Sie wollten voneinander lernen und miteinander arbeiten.“ (Seite 53)

Haus am Leinsee

Karl wollte nicht lange im Elternhaus bleiben, sondern zurück zu Freundin Mara nach Berlin. Seine Mutter hat allerdings andere Pläne – sie lebt einfach weiter, obwohl sie doch sterben sollte. Und nun? Karl nähert sich seiner Mutter, wie er sich ihr nicht nähern dürfte. Sie denkt, dass er ihr geliebter August ist. Karl lässt geschehen, was geschieht und noch eine Begegnung verändert ihn. Tanja schleicht wie eine verspielte Katze in sein Leben. Leichtfüßig, ohne viele Worte – das achtjährige Nachbarskind erobert sein Herz und Freundin Mara setzt ihm die Pistole auf die Brust.

Sein Ausflug an den Leinsee sollte ganz anders aussehen, doch als ihre Geduld sich dem Ende neigt, passiert es…

Leinsee ~ Anne Reinecke

„…war es eindeutig so, dass sie ihn küsste. Nicht sie küssten einander, nicht er küsste sie, sie küsste ihn. Und er ließ sich küssen und hielt die Hände im Schoß gefaltet.“ (Seite 149)

Was für ein lebendiger Roman (Diogenes Verlag). Ich muss sagen, dass ich das Haus am Leinsee regelrecht vor mir stehen sah. Anne Reinecke hat mich tief zwischen die Seiten geführt und mit ihren Worten lebendige Bilder gemalt. Ganz zart beginnt die Reise zum Leinsee. Harte Fakten und Geschehnisse erschlagen uns nicht, sondern schleichen eher heran. Ja, Reineckes besonderer Ton macht hier die Wörtermusik und lässt uns manche Stellen doppelt lesen, um wirklich glauben zu können. Es gibt so markante Ereignisse, die wir erst verinnerlichen müssen. Sieht der Roman äußerlich unschuldig aus, lässt er im Inneren das Gegenteil an die Oberfläche.

Bewegend und bunt

Anne Reinecke versteht ihr Handwerk und bedient sich einem farbenfrohen Kunstgriff. Jedes Kapitel hat eine eigene Farbe und ebendieser Farbton, dieser Anstrich, bringt zusätzliche Lebendigkeit. Ein locker und leichtes Lesevergnügen, was ihre melodisch-humorvollen Worte betrifft. Bitter und zart sind allerdings die Themen die sie anspricht. Menschlich sind die Charaktere, die unser Herz erobern und denen wir nicht böse sein können. Ein künstlerischer Roman mit künstlerischen, keinesfalls aber künstlichen Protagonisten, die in unser Leserleben Farbe bringen und uns aufhorchen lassen, auch ohne besondere Kunstkenntnisse zu besitzen. Verstörend und wahrlich schön zugleich.

Ein Regenbogen aus Worten der uns gefangen nimmt und am Ende facettenreich über dem Haus am Leinsee schillert. Bewegend und bunt!

Eure
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2 Comments on Ich war im Haus am Leinsee

    • Liebe Jule,
      ich halte mich immer streng dran, hier ist mir doch die Frist wirklich durchgerutscht und ich habe deswegen umgehend mit dem Verlag diesbezüglich kommuniziert. Dennoch Danke für den Hinweis. 😉

      Hast du das Buch gelesen? Magst du es? Ich bin auf deine Meinung gespannt.
      Viele Grüße – Bini

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