Kein Teil der Welt ~ Stefanie De Velasco

Ich überlege jetzt schon eine ganze Weile, wie das damals in der Schule war. Meine Klassenkameradin und enge Freundin, wuchs, genau wie Autorin Stefanie De Velasco, in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas auf. Ihre Bibel und meine Bibel unterschieden sich. Sie feierte weder Geburtstage noch Weihnachten – aber sonst? Ist sie immer noch eine Zeugin?

Kein Teil der Welt

Ich kann mich nicht mehr erinnern, letztendlich ist und war es auch egal. Freundschaft ist Freundschaft, wir waren naive Kinder.

Bisher hatte ich nie das Bedürfnis ein Buch über die Zeugen Jehovas zu lesen, die Autorin weckte allerdings meine Neugierde. Stefanie de Velasco wuchs bei den Zeugen auf und verließ die Gemeinschaft im Alter von 15 Jahren – so steht es auf dem Buchumschlag. Sie weiß, wovon sie schreibt und nur aus diesem Grund näherte ich mich dem Inhalt und fand mich recht schnell an der Seite von Esther wieder, die in meinem Kopf die Autorin selbst ist.

Esthers Eltern leben für Jehova. Sie missionieren, sie sind Sonderpioniere, und sollen nun in einem Dorf einen Königreichsaal bauen. Auch Esther ist fest in der Glaubensgemeinschaft verankert und begleitet ihre Mutter, wenn sie verlorene Schafe retten geht und von Haustür zu Haustür unterwegs ist. Es werden Listen geführt, Interessenten erneut aufgesucht und Zusammenkünfte abgehalten, das ewige Leben wird angestrebt.

„Hör zu, wenn heute Harmagedon kommt, dann will ich, dass du das hier weißt. Ich will begraben werden, nicht verbrannt, und zwar mit dem Kopf nach unten, und meine Füße sollen rausschauen, wie Blumen mit dicken Stängeln.“ (Seite 209)

Jehova

Esther dient Jehova – ihre Freundin Sulamith dient Jehova nicht mehr und seitdem ist sie verschwunden…

Kein Teil der Welt ~ Stefanie De Velasco

Ich hätte nicht gedacht, dass das Lesen des Buches mein Instagram-Postfach so überquellen lässt. Viele persönliche Nachrichten habe ich bekommen – nicht nur die Frage, ob sich der Roman lohnt, viel mehr aber persönliche Worte zu eigenen Erfahrungen mit den Zeugen Jehovas. Und da waren schreckliche dabei – hauptsächlich Familientrennungen, Abwendung, Tod wg. nicht angenommener Bluttransfusion…

Als Weltmensch habe ich mich immer tiefer und tiefer zu den Zeugen Jehovas begeben, über das Harmagedon gelesen. An Esther Seite habe ich mich recht sicher gefühlt, eben weil sie nicht nur mitläuft, sondern das System, den strengen Glauben ihrer Eltern, infrage stellt. Sie ist skeptisch und hinterfragt, sie lässt sich nicht in ein Raster pressen. Zudem sucht sie ihre Freundin und merkt von Tag zu Tag, welchen Lebensweg sie einschlagen möchte.

Weltmenschen

Im Hinterkopf pochte bei mir die ganze Zeit die Information, dass Autorin Stefanie De Velasco aus ihrem alten Leben ausgebrochen ist. Das Buch mit diesem Wissen zu lesen, fühlt sich sonderbar an. Überhaupt hatte ich die ganze Zeit ein eher seltsames Gefühl. Das Lesen fühlte sich so verboten an, wie ein Biss in die rote Seite des Apfels.

Ich stellte mir oft Fragen die mit „Warum…? begannen, gleichzeitig flog ich lesend durch die Seiten, getrieben von der Neugierde und von der Suche nach Esthers Freundin Sulamith. Ich schüttelte viel den Kopf und konnte manche Worte einfach nicht akzeptieren. In mir baute sich eine Mauer aus Groll auf, trotz des Vorhabens, neutral zu bleiben.

Ich glaube, dass der Roman für Menschen wichtig ist, die in ihrem Umfeld Berührungspunkte mit den Zeugen Jehovas haben und zu keinem Sachbuch greifen wollen. Mir hat der Roman Welten geöffnet und seid dem Lesen habe ich das Gefühl, dass ich noch sensibilisierter bin, was die Wachtrum-Träger betrifft. Ob Dresden, Leipzig oder Berlin – derzeit stehen sie scheinbar überall.

Ob „Kein Teil der Welt“ (KiWi) auch ein Zeuge Jehovas lesen würde?

Eure
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