Zoran Drvenkar im Interview mit Literatwo

Am Buchmessesamstag war es endlich soweit, wir saßen dem letzten Engel gegenüber. Besser gesagt, dem Bestseller-Autor des Romans Der letzte Engel„, Zoran Drvenkar.

Wir freuten uns schon sehr auf dieses Interview, da uns, wir ihr wisst, so einige Fragen unter den Fingernägeln brannten. Zudem waren wir auf die Antwort zu unserer ersten Frage gespannt.

Auf der Frankfurter Buchmesse haben wir unsere Interviews mit einer Art Challenge gestartet. Auch für Zoran hatten wir eine Frage in petto, die er uns doch beantworten sollte.

Wir wollten also gleich zu Beginn von ihm wissen, welche sympathische Verlagsmitarbeiterin folgende Worte gesagt hat:

„Oh wie schön, ihr trefft den Zoran. Grüßt ihn ganz lieb von mir und sagt ihm, er ist ein wahrer Schatz.“

Zoran wusste es allerdings nicht, was die liebe Frau Bachar vom Fischerverlag ihm sicher nicht übel nehmen wird, da beide kurz vor unserem Interview fröhlich am Cbj Stand miteinander geplaudert haben.

Der Einstieg in dieses einfach lustige und interessante Gespräch war also gelungen, denn Zoran strahlte gleich noch mehr.

Literatwoisches Kreuzverhör mit dem letzten Engel – Zoran Drvenkar

Zoran, mit welchem Gefühl sitzt du heute hier am CBJ Jugendbuch-Verlagsstand, wo doch mehrere Szenen in deinem Roman aus unserer Sicht nicht für Kinder und junge Jugendliche geeignet sind? Selbst nach dem ersten, zweiten und dritten Lesen, waren wir immer noch der Meinung, dass diese zu brutal sind.

Ach… seufz… wisst ihr, ich könnte  auch draußen mit euch sitzen, auf einer Bank im Park. Der Verlag wollte dies machen, obwohl sie nicht wussten, was auf sie zukommt. Das heißt, der Verlag sitzt in München und sie kannten nur die Anfangsszenen, bspw. Motte der eine Mail bekommt. Der Verlag freute sich und dachte, super, was für ein spannender Jugendroman. Ja und dann habe ich mich hingesetzt und geschrieben und gemerkt, was ich da für ein Fass aufgemacht habe.

Wisst ihr, bei mir ist es so, ich setzte mich hin und schreibe. Ich plane das ja alles nicht, so wie ich mich auch nicht hinsetze und einen Jugendroman schreibe. Hier war es einfach Zufall. Ich hatte die Anfangsszenen im Kopf und dachte mir, so er ist 16, also schreibe ich wie für einen 16-jährigen Charakter. Punkt.

Als ich es losgetreten habe, wusste ich nicht wo es hingeht und als die ersten 100 Seiten geschrieben waren und der Verlag diese gelesen hatte, setzte sich meine Lektorin in den Zug und kam zu mir nach Hause. Sie wollte wissen, was ich denn da vorhabe und ich sagte ihr meine Pläne und sie meinte, schreib nur die Hälfte davon. Ich habe sie beruhigt und sie wusste, es ist kein Jugendbuch, es ist kein Kinderbuch, es ist ein Buchbuch. Dagegen kam mein Verleger zu mir und meinte: Hey, endlich haben wir Belletristik.

Wir gestalten, wie du weißt, auf unserem Blog zu den Rezensionen einige Bilder. Diese entstehen beim Lesen und sind diesmal einfach sehr blutig ausgefallen. Wir haben uns die Szenen bildlich vorgestellt und würde der Roman verfilmt werden, würde der Film in unseren Kinos wohl erst ab 16 oder 18 zu sehen sein. Bsp. Der Pfeil kam mit solch einer Wucht und durchschlug Jasmins Nacken, dass die Spitze unter ihrem Kehlkopf wieder hervortrat… Ein feiner Nebel aus Blut bedeckte das Gesicht der Gouvernante, dann schloss Jasmin die Augen…“

Oh ja, war nicht nett, war nicht nett. Aber es würde gut aussehen, es würde gut aussehen.

Oder wo das Mädchen unter Wasser gedrückt wird und die letzten Blicke vor dem Tod beschrieben werden.

Ja und dann stirbt die auch noch. Also passt auf, das ist auch eine wichtige Sache. Solche Szenen, wenn die vorprogrammiert wären, wenn sich der Autor vorher überlegen würde, wie schocken wir die Leute jetzt. Aber das passiert einfach, ich schreibe und plane es nicht, es ist wirklich einfach passiert. Und dass dabei meine Jasmin draufgeht, wusste ich so auch nicht.

Ich wusste nur, dass was passiert und dass der Pfeil kommt. Ich mag ja selbst keine Schockszenen. Wenn ich Zuhause mal einen Film gucke und es unheimlich wird, dann spule ich vor. Ich überspule die Szene, weiß dann was passiert, spule wieder zurück und schaue sie mir dann an.

So eine Pfeife bin ich. Lach.

Bei unserer Besprechung haben wir ein Bild weggelassen. Das haben wir auch bereits schon mit Frau Göring und Frau Grubert besprochen und das geniale war, dass sie uns sagten, dass genau dieses Bild erst für das Cover geplant war.

Wir dachten uns, wenn ein Bild diesen Roman charakterisieren könnte, dann wäre es das tote Mädchen auf der Brücke, was den Weg weist.

Ganz genau. Wir wollten es auch erst als Cover haben, ich habe dies vorgeschlagen. Aber es sah dummerweise mit Nachthemd  starrem Blick so aus, als ob sie einen auf Exorzisten macht. Die haben das nicht so hinbekommen und dann haben wir es einfach gelassen.

Editorische Notiz: Wir haben Zoran versprochen, dass wir das Bild nachstellen, so wie wir es vor Augen hatten und hier ist es nun, dass Bild mit dem toten Mädchen als Wegweiser.

Literatwoischer Wegweiser zu Zoran Drvenkar… Der letzte Engel…

Die Handlung des Romans ist sehr umfangreich und es ist nicht immer leicht ihr zu folgen. Wir haben uns viele Postits in unsere Bücher geklebt und uns Notizen gemacht. Wir haben lange über den Roman am Telefon gesprochen und uns ständig über das Gelesene ausgetauscht. Wir haben in unserer Rezension hervorgehoben, dass dieser Roman absolut interaktiv gelesen werden muss.

Wir haben ehrlich gesagt echt Angst, dass wir wenn der zweite Teil erscheint, nicht mehr folgen können. Wie schaffst du es, uns am Anfang des zweiten Teils abzuholen, so dass wir sofort wieder in der Handlung drin sind?

Vertraut mir einfach.

Wir lachten alle herzlich und einigten uns darauf, dass uns dies reicht und wir ihm vertrauen. Was sind wir jetzt erst gespannt.

Wisst ihr, mein Verleger hat sich sogar dazu Notizen gemacht. Das Problem ist einfach, ganz vorne müsste stehen: Liebe Leser vertraut mir!

Ihr könnt mir aber echt vertrauen, ich habe alles im Griff und werde euch da ganz sicher herausführen, dies  mache ich immer so. Und die andere Sache ist die, manchmal sitze ich wirklich da und denke mir so: mann ey, musst du so crazy sein? Wer soll denn dir noch folgen?

Ja und dann bist du auf einmal im 18. Jahrhundert, kommst nebenbei zurück, dann erwähnst du Motte kaum auf den nächsten 200 Seiten und dann denkst du, das war ja aber sehr elegant und jeder wird fragen, wo ist er? Dabei steht er immer noch auf dem Friedhof.

Die Sache ist die, ich will den Leser herausfordern. Ich habe so viele Bücher geschrieben und der Leser soll nicht einfach da sitzen und nach 100 Seiten denken, ach ich mach mal zwei Wochen Pause und lese später weiter.

Wir vertrauen dir 😉

Eines der wichtigsten Elemente war für uns im Roman der Charakter des Mannes im Kontrollzentrum, der alles verbindet. Fühlst du dich als Autor auch manchmal so, als ob du auf einem großen Regiesessel sitz und eine Zutat von links aus dem Bildschirm holst und dann noch ein bisschen was von rechts aus dem Bildschirm?

Wir haben uns immer vorgestellt, dass der Zoran auf seinem Stuhl sitzt und in tausende von Bildschirmen schaut.

Gutes Bild, klasse, gutes Bild.

Ich würde so viel Geld dafür bezahlen, wenn ich das könnte. Wirklich, weil ich kann sagen, so bis Seite 320 wusste ich alles als Autor und hatte es auch schon geschrieben, aber ab dort fragte ich mich dann: wo geht das denn alles hin? Ich würde manchmal einiges dafür geben, wenn ich da sitzen und Regie führen könnte. An einigen Stellen bluffe ich dann auch einfach. Ich schreibe ja sehr gern in der Du-Perspektive, denn da bin ich einfach sehr nahe am Leser dran.

Ich liebe diese Perspektive, da ich da in einer ganz nahen Position bin, die für mich einfach total crazy ist. Zum Beispiel kann ich einfach sagen: du kannst dich jetzt entspannen, weil das und das passieren wird. Ich weiß zwar gar nicht, ob es passieren wird, aber ich beschließe das einfach so. In dem Moment sag ich einfach, dass es in drei Tagen passiert, dabei habe ich die Szene noch gar nicht geschrieben, aber mein Instinkt sagt mir, gib ihm doch nochmal was.

Wir sind hier auf die Messe mit einer Rückkopplung gekommen, die uns eine Leserin auf Facebook gegeben hat. Die war mehr als interessant. Im Roman ist eine große Passage drin, die ja aus der Du-Perspektive geschrieben ist, wo du aber nicht den Leser ansprichst, sondern wo es eher in Richtung Lazar geht. Eine bekennende Zoran Drvenkar Leserin fragte uns: ist das etwa wieder in der Du-Form geschrieben?

Literatwo konfrontiert Zoran Drvenkar mit Leserreaktionen

Wir haben ihr geantwortet, dass es eine Szene gibt, die in der Du-Form geschrieben ist, aber dass es hauptsächlich multi-perspektivisch geschrieben ist. Daraufhin sagte sie, dass sie DU echt anstrengend fand. Unsere Erwiderung war, dass wir von „nicht anstrengend“ jetzt allerdings nicht geschrieben haben. Auf jeden Fall sollen wir ganz lieb grüßen.

Lach. Das ist ja genial.

Die Meinungen sind allerdings übereinstimmend. Aktives Lesen, richtiges anstrengendes Lesen, aber das ist ein seltenes Lesen geworden. Absolut nicht vorhersehbar und an einem Punkt allein gelassen, wo wir sagen, echt gemein, gemein, mit allem Spielraum der noch da sein kann. Es haben uns viele bestätigt, es ist nicht einfach, aber genau das macht es besonders schön.

Tolle Resonanz und wir vertrauen dir bei der Fortsetzung!

Das freut mich, Gott sei Dank.

Du steckst jetzt eigentlich mitten in der Reihe drin. Oder? Solltest du, müsstest du, könntest du?

Lach. Ich sollte eigentlich. Ich habe das nächste Kapitel, also den Beginn des zweiten Teils gleich im Anschluss geschrieben, ich weiß wie es weitergeht und jetzt entspanne ich erst mal ein bisschen.

Wie sieht denn dein Entspannen aus? Du schreibst auch Kinderbücher, einige sind illustriert. Kannst du einfach den jetzigen Roman schließen und sofort auf in ein anderes Genre wechseln?

Wie soll ich sagen. Ich schreibe gerade an einem Drehbuch, ich sitze am zweiten Teil vom letzten Engel und schreibe an einem Kinderbuch, auch den zweiten Teil. Ach, es ist wirklich eher so, wenn ich immer das Gleiche schreiben würde, dann würde es langweilig werden, dann würde ich nicht schreiben. Dann wäre es so wie ein Beruf, ein Beruf in der Richtung, es wird etwas erwartet und du machst es. Aber so wechselst du einfach. Du schreibst mal einen Thriller, dann wieder ein Kinderbuch, es macht einfach Spaß zu tun was man will und das reizt mich einfach. Die verschiedenen Arten von Charakteren, es reizt mich einfach und darum wechsel ich auch so gerne und schreib nach diesem hier mal was anderes. Es wäre wohl auch klug gewesen, gleich weiter zu schreiben, aber ich war auch irgendwie erschöpft davon, 4 Monate eben.

Ja wir hätten es allerdings aber auch gleich in einem schönen Dreier-Schuber gelesen.

Lach. Ja aber ihr bekommt auch den Schuber, ich verspreche es euch, denn wir machen wirklich einen. Und ich kann verraten, auf dem zweiten Teil kommt eine weitere Feder dazu.

Aber nun nochmal ganz ehrlich. Wie alt ist das Kind, dem du diesen Roman persönlich in die Hand drückst?

Es ist 10. Kann ich auch begründen, denn gestern sprach ich mit einem 11 jährigen Jungen von einem Lesezirkel. Der hatte DU gelesen und war total begeistert und mal ehrlich, gegen DU ist dieser Roman echt sanft. Wir haben doch früher auch alles was wir in die Finger bekommen haben gelesen. Wenn einer erstmal anfängt damit und es nicht auf Seite legt, dann soll er es einfach lesen. Was anderes geht gar nicht.

Zoran, es hat uns absolut viel Spaß gemacht mit dir dieses Interview zu führen. Unsere Fragen sind alle beantwortet, wir legen unser Vertrauen in deine Hände und nun heißt es für uns WARTEN auf Teil 2. Spätestens dann lassen wir dich wissen, ob es richtig war dir zu vertrauen und spätestens dann, werden wir dich mit neuen Fragen löchern.

Tausend Dank!

7 comments on “Literatwo interviewt den letzten Engel Zoran Drvenkar”

  1. Ein sehr sehr tolles Interview 🙂 *hihi* ich finde, der Stil seiner Antworten ähnelt seinem Schreibstil! Mein Vertrauen für Teil 2 hat er auf jeden Fall auch, aber das wisst ihr ja schon 😀 *hibbelhibbelhibbel*

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