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„Wenn Jemand eine Reise thut,
So kann er was verzählen;
Drum nahm ich meinen Stock und Hut
Und thät das Reisen wählen.“

(Matthias Claudius)

Auch Literatwo hat sich dem Reisen verschrieben – zumindest einer ganz besonderen Form der gedanklichen Fernreise. Hand in Hand mit Schriftstellern aller Genres reisen wir in und durch die Zeit, erkunden Epochen der Weltgeschichte, Gegenwart oder Zukunft und versuchen unsere Gedanken bei diesen Ausflügen mit Impressionen und Bildern anzureichern. Von jeder dieser Reisen kehren wir ein wenig verändert zurück. Jedes Mal mit Gedanken im Gepäck, die wir zu Beginn der Reise gar nicht eingepackt hatten. Bereichert.

Das war auch unser Ziel, als wir uns entschlossen, genau 100 Jahre zurück in die Vergangenheit zu reisen. Florian Illies hatte uns verheißungsvoll in das Jahr „1913“ und damit in seinen „Sommer des Jahrhunderts“ eingeladen. Was er damit meinte, war uns schon klar, als wir unsere Vorbereitungen trafen – es war wohl das letzte jungfräuliche Jahr des 20. Jahrhunderts.

Ein Jahr an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg und damit wohl der letzte wärmende Sonnenstrahl auf dem Leben der Menschen, die dieses Zeitalter erleben durften… oder mussten…

Wir wollten dabei sein – wir wollten das Gefühl aufsaugen und die Stimmung atmen. Wir wollten Teil der Aufbruchsstimmung werden, die am Ende dieses magischen Jahres 1913 mit einem kollektiven Bremsmanöver an die Wand der Weltgeschichte gefahren wurde. Unsere Truhe war sehr schnell gepackt. Zeitgenössische Bekleidung und ausreichend viele Schreibutensilien sollten uns begleiten. Wie sollten wir auch sonst von dieser besonderen Zeitreise Zeugnis ablegen?

Wir wollten schreiben – Postkarten an unsere Leser sollten ein Jahrhundert überbrücken und später auch uns dabei helfen, die vielen Erinnerungen chronologisch zu archivieren.

Wir sind noch unterwegs und verweilen nur kurz in unserem kleinen Arbeitszimmer und bestaunen die Ansichtskarten, die auf unserem Sekretär liegen. Nicht nur sie haben ihren Weg zu uns gefunden. Auch Fotos, Karten und Kunstdrucke aus dieser längst vergangenen Zeit zeugen von unseren Erlebnissen. Wir träumen schon jetzt davon, eines Tages ganz gemütlich vor dem Kamin zu sitzen und uns darüber zu unterhalten, wen wir wo und wann kennenlernen durften.

Florian Illies hat uns nicht zu viel versprochen. Er ist ein genialer Reiseleiter, weiß von jeder prominenten Persönlichkeit Faktisches und Anekdotisches zu berichten – und von Menschen, die erst in späteren Jahren zur Prominenz gelangen weiß er manchmal Dinge, die sich uns bis zum heutigen Tage gänzlich entzogen haben. Wir werden von Kapitel zu Kapitel reicher – von Monat zu Monat hellsichtiger und am Ende jenes Jahres werden wir wohl vieles verstanden haben, was sich uns bisher niemals so gezeigt hat, wie auf dieser Reise.

Wir begegnen Menschen, die uns viel bedeuten. Gustav Klimt, Ernst Jünger und Thomas Mann laden uns freundlich ein und wir erfahren von ihren Ängsten, Neigungen und Leidenschaften. Deshalb haben wir es auch nicht gewagt, uns von Klimt porträtieren zu lassen (das alte Ferkel)! Wir liegen unversehens auf der Couch von Siegmund Freud und ahnen langsam, wer von uns den größeren Knall hat. Wir werden Zeuge von der Abreise Albert Schweitzers nach Afrika und hören das magische Wort Lambarene die Runde machen.

Wir beginnen zu verstehen, warum es schon damals mehr als schwierig war, mit Franz Kafka zurechtzukommen und machen uns täglich Sorgen um den Gemüts- und Gesundheitszustand von Rainer Maria Rilke. Und wir sehen in der Ferne des Horizonts aus Serbien eine Kriegsgefahr auftauchen, die wohl niemand so richtig ernst nehmen möchte.

Und schließlich treten wir in einen Kreis von Menschen ein, die uns bisher nicht viel gesagt haben. Teils durch Unverständnis, teils durch Ignoranz und teils durch Vorurteile hatten wir diese Tür bisher beharrlich verschlossen. Die Maler der Moderne hatten unsere Sinne niemals so richtig erreicht. Florian Illies gelingt als Reiseleiter, was noch niemandem gelungen ist. Picasso, Kandinsky, Duchamps und Franz Marc lassen uns ein und beginnen ihre Sicht der Welt zu erklären. Sie zeigen uns ihre Werke und gewähren einen tiefen Blick hinter die Staffelei eines Lebens in der wohl bewegtesten Zeit für einen bildenden Künstler.

Sie zähmen ihre blauen Pferde für uns, machen uns zu ihren blauen Reitern und lassen uns verstehen, warum sie die Welt einerseits erschüttern wollten und warum es an der Zeit war, dies zu tun. Und letztlich macht Illies uns zu Zeugen der kleinsten Banalitäten des Jahres 1913. Der erste Looping eines Piloten; verwunschene Fotografien eines britischen Colonels, der seine Tochter in zeitlos schönen Bildern am Strand für die Ewigkeit festhielt und schließlich werden wir gar Zeuge des wirtschaftlichen Aufschwungs eines kleinen Hutladens – er gehört einer gewissen Coco Chanel.

Wir sind noch auf Reisen. Wir sind eigentlich noch tief im Buch gefangen, aber diese ersten Aufzeichnungen aus unserem kleinen Reise-Tagebuch mussten zu Papier gebracht werden. Zu facettenreich sind unsere Erlebnisse und zu groß die zu verarbeitenden Eindrücke, die hinter uns liegen und uns wohl auch noch erwarten. Wir schreiben Ansichtskarten… ihr wisst schon, warum!

Kommt ihr nach? „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Florian Illies (Fischer Verlag)

Franz Marc hat uns zu „Blauen Reitern“ gemacht und Florian Illies war hierbei mehr als ein Steigbügelhalter. Uns haben diese Gedanken nachhaltig beschäftigt und der Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit diesem grandiosen Buch war unser Besuch im Münchner Lenbachhaus. Wir begegneten dem „Blauen Pferd“ und hatten ein Buch dabei… Welches wohl… 😉

Ein Klick genügt... mit Literatwo zum Blauen Pferd
Ein Klick genügt… mit Literatwo zum Blauen Pferd

19 Comments on 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts – Literatwo reist in ein besonderes Jahr

  1. Es ist schön, mit euch und mit Büchern auf Reisen zu gehen, abzutauchen in eine frühere Welt, in die Gedankenwelt der Leute. Wie der Zufall es will, lese ich gerade einen historischen Roman, der auch im Jahr 1913 spielt. Diese Zeit ist sehr interessant! Ich reise gerne weiter mit euch.

  2. Mozarts letzte Arie steht bei mir auch noch auf dem Plan. Darf ich noch einen kleinen Hinweis zu Mozart geben? Zu Mozart gibt es eine Rockoper, aber leider nur in französischer Sprache. Sie ist allerdings großartig.

  3. 1913 habe ich erst einmal beiseite gelegt. Mir schwurbelte ständig der Klopf. Wikipedia und das dicke x-bändige Lexikon im Regal wussten ständig bemüht werden. Es war mir zuviel. Es war aber auch großartig. Nun schlummert das eBook aber erst eunmal seinen digitalen Schlaf, bis ich es wieder erwecke. Irgendwann.

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