Herz auf Eis ~ Isabelle Autissier

Mein Herz fühlte sich beim Lesen sehr oft eisig an. Ein ganz neuartiges Gefühl habe ich kennenlernen dürfen. Ich kann mir kaum erklären, warum mich diese unglaublich negative Stimmung überfallen hat. Aber ich stimmte Louise zu, feuerte sie an, schickte ihr Kraft und dachte kaum an ihren Mann Ludovic. Ohne weitere Wertung halte ich für mich fest, dass dieser Roman mich forderte, an meinen unteren Gefühlsschichten kratzte und auf keinen Fall so unschuldig ist, wie man anhand des Covers meinen könnte.

Der Roman „Herz auf Eis“ (mare) wurde mir in der Buchhandlung „Der Buchladen Rügen“ in Gingst empfohlen. Ohne zu überlegen, nahm ich ihn mit und fand mich wenige Minuten später bereits auf einer einsamen Insel wieder. Gestrandet. Ohne Schiff. Es ist nass, es ist nicht wirklich warm und es gibt keinen Kontakt zur Außenwelt. Ich bin mit Louise und Ludovic gefangen, es fühlt sich an, als ob wir jetzt alle den Namen Robinson Crusoe tragen und jeden Moment Freitag um die Ecke kommt. Wäre die Situation nicht so tragisch, könnte man drüber schmunzeln. Es gibt keine Einheimischen, nur ein paar Tiere und die alte Walfangstation. Louise und Ludovic sind auf sich allein gestellt, auf die Insel nähe Kap Hoorn verirrt sich niemand, ab und an höchstens ein Forscherteam.

„Keiner kommentiert die Situation. Sie bewegen sich, das wissen beide, auf vermintem Gebiet, wo sie leicht in Streit geraten können: sie, die Vorsichtige, er, der Impulsive.“ (Seite 16)

Ludovic und Louise wollten einfach raus aus ihrem Alltag, raus aus Paris und rein ins Leben, auf ihr Schiff Jason. Mit einem Unglück haben beide nie gerechnet, umso härter trifft sie nun die Erkenntnis, dass sie auf sich allein gestellt sind. Aus zusammen leben, wird überleben und letztendlich ein großer Kampf gegen den Tod.

Herz, Eis – Extremsituation

„Solange sie zusammen sind, wird ihre Liebe sie tragen und beschützen. Genau darin liegt ihre Stärke: ein Mann und eine Frau, zusammen gegen Tausende Kilometer Wasser, gegen die Einsamkeit, gegen den Tod.“ (Seite 44/45)

Herz auf Eis ~ Isabelle Autissier

Doch diese Gedanken sind schnell verworfen, denn das Leben auf der Insel wird von Stunde zu Stunde härter. Sie sind unermüdlich auf der Jagd oder bauen an ihrer Unterkunft, essen halbrohes Fleisch, sie frieren, werden immer schmutziger, es riecht nach Fisch und der Mut schwindet immer mehr. Wie lange kann die Liebe in dieser Extremsituation noch die Oberhand behalten und welche Entscheidungen dürfen in Extremsituationen getroffen werden?

Diese zwei Fragen schweben konstant im Hintergrund und bohren sich in uns Lesern fest. Gedanklich fragen wir uns, wie wir reagiert hätten, was noch getan werden kann und steigen immer tiefer in den Keller der extremen Gefühle. Wir mutieren zu Tieren, unser Hirn setzt aus, ein kalter Kampf beginnt, der jegliche positiven Emotionen unterbindet. Wir kommen lesend an den Rand unserer Existenz, leiden und hoffen.

Louise ist mir von Anfang an ans Herz gewachsen, die „Kleine“, wie sie oft bezeichnet wird, neben dem großen, charmanten, gut aussehenden Ludovic. Er wollte das Sabbatjahr und sie ist mit ihm gegangen, um ihn nur nicht zu verlieren, um die Beziehung zu festigen, um neue Situationen zu erleben und daraus zu wachsen.

Still, hell & eisig

Danke für diesen grandiosen Stoff, Frau Isabelle Autissier. Ich war lange nicht so gefangen und habe diese Wucht keinesfalls hinter diesem Cover vermutet. Ein stilles, helles und doch eisiges Cover.

„Die Stille ist ein Nicht-Geräusch, wie die Nicht-Existenz, die sie leben. Wie ein Albtraum, in dem alles verschwunden ist.“ (Seite 111)

Autorin Isabelle Autissier hat selbst allein die Welt umsegelt und ihre Erfahrungen und Gefühle sind auf diesen Seiten zu spüren, die Authentizität ist greifbar und ich bin froh, nicht selbst gestrandet zu sein. Eine für mich undenkbare Situation, in die ich nicht annähernd kommen möchte. Doch hält das Leben ähnliche Momente bereit, die beim Lesen wie Wellen hochschwappen.

Ein schmaler, extremer Roman, der am Ende zu einem Krimi wird und sich selbst überschlägt. Packend, nachvollziehbar und mit Sätzen bestückt, die sich nicht nur einbrennen, sondern auch an uns anfrieren.

Eure
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