In Extremis ~ Tim Parks

„In Extremis“ von Tim Parks hat sich aufgrund einer Verkettung von unvorhersehbaren Ereignissen bei mir eingefunden. So was mag ich ja sehr. Da es Ulrike auch so geht, haben wir beschlossen, gemeinsam in den Roman einzusteigen und uns darüber auszutauschen.

Das es gleich auf den ersten Seiten des dunklen Covers um Analmassage geht, haben wir nicht erwarten. Und das ist noch nicht alles…

Um nicht gleich auf den Inhalt einzugehen, lass uns über das dunkle Cover und den Titel reden. Trotz der Blumen wirkt es leicht bedrohlich oder was sagst du? In Extremis – im Sterben – passt das?

Da geb ich dir recht, dass Cover wirkt jedenfalls bedrückend und düster. Aber gerade die starken Kontraste zwischen dem schwarzen Hintergrund und den Blumen hat mich an dem Cover fasziniert. Die Mischung aus lebenden und welkenden Blumen finde ich persönlich sehr stimmig zum Titel. Wie siehst du das, hättest du zu dem Buch gegriffen, wenn es nicht auf diesem Weg zu dir gekommen wäre?

In Extremis

Absolut. Das Cover hat mich neugierig gemacht und es passt nicht nur gut zum Titel, sondern auch zum Inhalt. Hauptprotagonist Thomas befindet sich nämlich im Konferenzzentrum von Amersfoort, umgeben von Physiotherapeuten, als seine Mutter in London im Sterben lag. Eine recht ungewöhnliche Situation und doch nimmt Thomas nicht gleich die schnellste Verbindung zu seiner Mutter. Er hat Angst und doch muss er ihr noch etwas sagen. Eine schwierige und gleichzeitig komische Situation, wenn man bedenkt, dass Thomas mit den Gedanken gerade noch bei der Analmassage war. Wie hast du die ersten Seiten empfunden?

Der Anfang des Buches hat mich etwas verwirrt. Zuerst kam das Thema Analmassagen auf, womit niemand gerechnet hat und auch das Verhalten von Thomas wirkte sehr befremdlich. Im Normalfall lässt man doch alles Stehen und Liegen um zu seiner Mutter ans Sterbebett zu eilen, aber nein er hält erst mal einen Vortrag. Das hat ihn mir nicht gerade sympathisch gemacht. Anhand dessen und aufgrund weiterer Gedanken, die Thomas auf dem Weg zu seiner Mutter verfolgt, wurde schon deutlich, dass die Mutter-Sohn-Beziehung nicht einfach gestrickt war. Wie hast du Thomas als Hauptprotagonisten empfunden?

Unsympathisch trifft es ganz gut, aber ich war auch neugierig, da sein Verhalten eben einen Grund haben musste. Der Tod ist kein einfaches Thema und es ist die Angst des Loslassens, die oft zögern lässt und so konnte ich ihn auch verstehen. Die Neugierde hat mich weiter lesen lassen, obwohl der Schreibstil mir schon einiges abverlangt hat und ich tatsächlich fast abgebrochen hätte. Thomas nimmt uns Leser mit in seine Gedankenwelt und erzählt und erzählt und erzählt und man darf nicht den Überblick verlieren. Recht fordernde erste 100 Seiten. Wie schnell hast du den Roman gelesen? Ging es dir ähnlich?

In Extremis ~ Tim Parks

Diese langen Ausführungen seiner Erinnerung und Gedanken, waren wirklich eine Herausforderung. Aufgrund dessen, und weil sich noch andere Bücher dazwischen geschlichen hatten, hat sich das Lesen auch sehr in die Länge gezogen. Aber zum Glück entwickelte sich die Geschichte nach dieser anfänglichen Phase, von Thomas Gedanken Richtung Außenwelt, sodass die Geschichte an Fahrt aufnahm. Trotzdem ist es kein Inhalt, den man einfach so weglesen kann, jedenfalls brauchte ich immer mal eine Erholungspause. Hast du das auch so empfunden? Oder konntest du leicht durch die Handlung fliegen?

Nein – ich bin auch nicht durch die Handlung geflogen. Das hatte allerdings auch damit zu tun, dass ich in der Zeit selbst viel gedacht habe und dann hat Protagonist Thomas auch viel gedacht und ich musste seine ausschweifenden Gedanken auch noch denken. Puh – das war schon recht anstrengend. Aber tatsächlich änderte sich das nach den ersten 100 Seiten und die Handlung hat mich eingenommen. Das Buch bekam immer mehr Farbe und wurde bunter, es kamen Protagonisten dazu und es kristallisierte sich der roten Faden heraus, der Inhalt wurde intensiver.

Hast du dir ein Zitat markiert oder eine Stelle, die dich zum Nachdenken brachte?

Oh da gab es einige Zitate und Textstellen, die ich mir markiert habe und die mich zum Nachdenken angehalten haben. Das wird dir sicher auch so gegangen sein, oder? Ich habe mich für folgende Stelle entschieden, da Sie meiner Meinung nach für den Inhalt des Buches sehr prägnant ist:

„Während ich um kurz nach sieben die Hand meiner Mutter hielt […], wurde mir klar, dass meine gesamte Erziehung und alle Lehren meiner Eltern genau darauf hinausliefen: der Tod ist der erhabene Augenblick der Wahrheit. Alles Leben sieht dem Tod entgegen, und nur der Tod verleiht dem Leben Sinn. In gewisser Hinsicht gibt es kein Leben, oder hat kein Leben stattgefunden, bis der Tod es bestätigt.“ (S. 242) 

Findest du diese auch passend oder hättest du eine andere Stelle gewählt?

Absolut – eine treffendere Stelle gibt es nicht, genau die habe ich auch markiert. Zudem markierte ich auch noch ein paar andere Stellen, die persönliche Gedanken ausgelöst haben. Ein intensives und intimes Buch aus Sicht eines Mannes mit recht eigener Stimmung. Düster und doch lustig, keine Unterhaltungs- sondern Lebensliteratur.

Wie hat dir der Roman letztendlich gefallen und welchen Lesern legst du „In Extremis“ ans Herz?

Der Roman hat mich etwas zwiegespalten zurückgelassen. Ich mochte die Art und Weise wie Tim Parks sich mit dem Thema Sterblichkeit und erzieherisches Erbe auseinandersetzt. Aber gerade die Längen am Anfang haben das Leseerlebnis leider geschmälert. 

Ich würde das Buch den Lesern empfehlen, welche Lust auf ein tiefsinniges und philosophisches Buch haben. Außerdem sollte man keine Angst davor haben, sich auch mit sich selbst auseinanderzusetzen, denn die Gedanken von Thomas führen automatisch dazu, das man auch über sein eigenes Leben nachdenkt.

Eure
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