Mädchen in Scherben ~ Kathleen Glasgow ©Buchcover/S. Fischer Verlag

Mädchen in Scherben – den Jugendroman von Kathleen Glasgow habe ich nicht nur gemeinsam mit Anne gelesen, sondern wir haben auch darüber gesprochen. Ein außergewöhnliches Buch mit einem sensiblen Thema. Unsere Worte möchten wir dir nicht vorenthalten, spoilerfrei natürlich, also mache es dir hier am literatwoischen Lagerfeuer bequem.

Ganz spontan fragte ich Anne, ob das Buch nicht was für sie wäre und die liebe Sibylle vom Fischerverlag fand die Idee einer gemeinsamen Aktion großartig. Warum aber ausgerechnet Anne, wieso ich an sie denken musste – das erzählt euch Anne gleich selbst.

Binea: Anne – magst du dich kurz vorstellen und ein paar Worte zur spontanen Aktion loswerden?

Ich bin eine 27-jährige Buchhändlerin, die auf YouTube über Bücher spricht und in Abständen von lieben Menschen überfallen wird, die mir dann flugs ein Rezensionsexemplar besorgen. 😉 Dein Verhalten damals war eine interessante Mischung aus Euphorie [weil du anscheinend so begeistert warst vom Buch], aber auch Vorsicht [weil du eventuell nicht sicher warst, wie offen ich mit dem Thema selbstverletzendem Verhalten umgehe]. Für deine Leser, die das vermutlich nicht wissen: Ich hatte im Sommer einen Post auf Instagram veröffentlicht, in dem ich zum ersten Mal deutlich davon schrieb, das ebenfalls über Jahre praktiziert zu haben und auch erklärte, warum ich so etwas überhaupt online stelle -> klick zum Instagrampost.

SVV – selbstverletztendes Verhalten

Anne: Weißt du noch, wie du das erste Mal mit dem Thema SVV in Berührung kamst? Hast du bereits ein anderes Buch darüber gelesen?

Ich gestehe, dass es eine kurze Zeit in meinem Leben gab, in der ich mir ebenfalls Schnitte zufügte. Diese waren nicht zu tief und ich kam schnell zu dem Entschluss, es wieder zu lassen. Dennoch lese ich gern „extrem“ – über Situationen in die ich hoffentlich nicht selbst kommen werde, die mich aber bewegen und gedanklich beschäftigen. Zu  „Mädchen in Scherben“ von Kathleen Glasgow habe ich gegriffen, da ich bisher über das Thema noch nichts gelesen habe und selbst mal eine minimale Berührung damit hatte.

Binea: „Mädchen in Scherben“ hat mich durch und durch gefesselt. Ich merkte nur durch die 17-jährige Protagonistin Charlie, dass es ein Jugendroman ist und ihre eben jugendliche Sprache, aber vom Inhalt ist es schon sehr heftig. Wem würdest du den Roman ans Herz legen?

Ich muss sagen: Irgendwo zwischen 16 und 19 etwa wäre das vermutlich mein Buch gewesen. Inzwischen störte mich eben die von dir erwähnte Sprache etwas, die immer zwischen Fäkalausdrücken und überladenen, pseudopoetischen Passagen wechselt – wobei ich sie für durchaus authentisch halte! Ich will es mir gerade selbst nicht antun, aber mein Tagebuch aus der Zeit liest sich vermutlich ähnlich.

Ob man mit 50 noch so gut nachvollziehen kann, in welchen Gefühlsextremen sich Charlie bewegt, weiß ich nicht. Schon mit zehn Jahren mehr auf dem Buckel scheinen mir manche ihrer Überlegungen daher zu rühren, dass sie in ihrem Leben eben nur eine Seite kennenlernte und noch nicht die Erfahrung machte, dass Dinge sich ändern können, dass es andere Aspekte gibt.

Vorsicht mit Triggerwarnungen

Und so sehr ich es schätze, dass in diesem Buch Kompensationsmöglichkeiten aufgezeigt werden und die Hoffnung, sich aus bestimmten Teufelskreisen zu befreien, gibt es trotzdem Szenen, die meiner Meinung nach extrem triggernd sein können, wenn Lesende eventuell selbst noch in dieser gedanklichen Abwärtsspirale gefangen sind.

Ich bin meist vorsichtig mit Triggerwarnungen, weil unterschwellig immer mitschwingt, dass man jemandem nicht zutraut, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, aber ich würde einfach sagen, die meisten Betroffenen wissen sehr genau, an welcher Stelle des Heilungsprozesses sie sich befinden, ob so etwas Auslöser für Handlungen sein kann oder ob sie sich gefestigt genug fühlen, um über SVV bei anderen zu lesen.

Gerade bei solchen harten Themen ist es immer schwierig, was ein Spoiler und was ein notwendiger Hinweis ist. Jetzt nicht auf dieses Buch gemünzt, aber: Soll man erwähnen, wenn jemand vergewaltigt wird, wenn jemand ein Kind verliert, wenn jemand Opfer eines rassistischen Verbrechens wird, ob es für Betroffene eine positive oder negative Stimmung hinterlässt? Das sind teilweise wichtige Wendungen im Plot – aber vielleicht ist es noch wichtiger, einen anderen Menschen nicht unwissend mit so etwas zu konfrontieren.

Mädchen in Scherben ~ Kathleen Glasgow

Krasse Szenen

Anne: Hattest du hier eine Szene, die dir zu „krass“ war? Bzw. konntest du überhaupt in irgendeinem Buch nicht mehr weiterlesen?

Kurz und knapp: nein. Ich bin da hart im Lesen, so will ich es betiteln. Zudem lese ich mit Hoffnung, dass bestimmte krasse Stellen sich wenden, besser werden, dass es irgendwie eine Lösung gibt, zumindest das Leben weiter geht. Besonders gezuckt habe ich bei der Stelle mit Blue nach der Nachricht mit Louisa – eine schlimme Situation, die in mir gerissen hat. Es gibt so einige andere krasse Bücher, „Tu dir weh“ von Ilaria Palomba zum Beispiel, bei denen ich schon regelrechte körperliche Schmerzen hatte. Da muss ich schon tief ein und ausatmen, das Buch ein paar Minuten auf Seite legen und in den blauen Himmel schauen und mich über die lachende Sonne freuen. Wie es weitergeht muss ich aber immer wissen, ich lese oft bis zum Ende.

Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Binea: Auf Instagram wurde ich ein wenig „gespoilert“ als ich mitten im Buch steckte. Allerdings empfinde ich es im Nachhinein nicht mehr als Spoiler – denn: ja, natürlich gibt es eine Liebesgeschichte. Aber ich finde nicht, dass diese von Charlie ablenkt oder zu rosa ist. Was sagst du?

Die Liebesbeziehung ist vermutlich sogar das Gegenteil von rosa. Und auch auf die Gefahr hin, hier noch einen zweiten minimalen Spoiler einzubauen: Ich halte es für absolut realistisch, dass sich ein Mensch mit Charlies Vergangenheit eventuell auch in Beziehungen begibt, die nicht gerade heilsam sind; ich meine nicht nur romantische. Ihr Verhalten zu Menschen ist noch sehr vorsichtig, auch einfach unwissend, weil sie nicht einschätzen kann, wer es gut mit ihr meint und mir kamen ihre Interaktionen mit anderen allgemein sehr glaubhaft vor. Obwohl ich es manchmal frustrierend fand, wenn sie sich selbst in Vorurteilen verrennt, halte ich das nicht für unrealistisch. Sie braucht einfach noch ein wenig, um ihr eigenes Schwarz-Weiß-Denken abzulegen [„Dort die hübschen, Lidschatten tragenden Mädchen – hier ich, der blöde Freak“ oder auch „Die freundliche Person, die immer lacht, kann doch unmöglich etwas Schlimmes erlebt haben!“]. Dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat, lernt sie zwar mehrmals, vergisst es aber gern wieder.

Typisch amerikanisch

Anne: Kam dir Charlies Weg nach dem Therapiezentrum insgesamt realistisch vor?

An der Stelle fühlte sich das Buch für mich „typisch amerikanisch“ an. Einfach mal von der Ostküste an die Westküste, in die warme Wüste ziehen, mit wenig Geld in der Tasche, in eine Wohnung von einem Freund der gerade mit seiner Band auf Tournee ist. Abenteuerlich und mehr außergewöhnlich als realistisch. Dennoch spannend und für uns Leser sehr aufregend, für den Autor schreibtechnisch vielfältig. Trotz des schillernden Umfeldes ist mir Charlie als Protagonistin nie entglitten, sie ist authentisch geblieben und hatte vor allem großen Mut, den ich bewundert habe.

Binea: Welchen Protagonisten hast du am meisten ins Herz geschlossen und wen könntest du jetzt noch treten?

Charlie ist mir aufgrund wohl bekannter Verhaltensweisen natürlich automatisch sehr nah, auch wenn ich froh bin, vieles davon hinter mir gelassen zu haben. Trotzdem fieberte ich bei ihrem Kampf auf jeden Fall mit und war unendlich froh, dass sie überhaupt kämpft. Am sympathischsten fand ich wohl ein paar Personen, die im letzten Drittel noch wichtig werden, in einem hübschen Häuschen mitten im Nirgendwo, um jetzt nicht zu viel zu verraten. Da wird für mich einfach ein Zeichen gesetzt, dass Menschen auch zu warmen, unterstützenden Taten fähig sind.

Treten könnte ich hingegen so einige, v.a. aus Charlies Vergangenheit.

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Mädchen in Scherben ~ Charlie

Anne: Apropos: Wie nachvollziehbar war für dich eigentlich Charlies Verhalten? Ich könnte mir vorstellen, dass es sehr schwierig ist, wirklich dahintersteigen zu können, warum ein Mensch zu solchen Maßnahmen greift, wenn man damit selbst keine Erfahrung hat. Sucht ist für nicht Betroffene immer schwierig zu beschreiben, finde ich.

Klingt das komisch, wenn ich sage, dass ich Charlie verstehen kann? Vielleicht ist meine minimale Erfahrung der Grund oder eher das ich schon so viel über bestimmte Süchte gelesen habe. Oder weil in meinem Umfeld einige Menschen viel mit mir über deren (ehemaligen) Süchte gesprochen und mich tief in deren Vergangenheit blicken lassen haben. Zudem fühlt sich wohl alles auch so verständlich an, weil Charlie es so verständlich rüber bringt, ihre Gefühle mitteilt, die Hintergründe zu ihrem dunklen Leben offenbart, die Einsamkeit und ihr gebrochenes Elternhaus thematisiert. Von der ersten bis zur letzten Seite war ich bei ihr, habe mich in ihr Leben versetzt und nachvollziehbar mitgefühlt und mitgehandelt.

Maßnahme um runterzukommen

Binea: In der Hoffnung, dass die Frage nicht zu persönlich ist: warum musstest du zu solchen Maßnahmen greifen?

Tja, warum ich „musste“, ist natürlich schon strittig, denn vermutlich wäre es auch anders gegangen, nur sah ich das damals nicht. Wenn ich mich recht erinnere, verletzte ich mich nie aus Trauer, sondern fast immer aus einer Mischung aus Wut, Enttäuschung und Hilflosigkeit. Ich war ein Mensch voller negativer Energie, mich selbst betreffend, aber auch andere, und ich stand innerlich oft kurz davor, alles in meiner Umgebung zu zertrümmern, aber weil ich mir dachte, na, das mach mal besser nicht, richtete ich den Hass gegen mich selbst.

Es war fast immer, um „runterzukommen“, um niemand anderem weh zu tun, um meinen Frust irgendwo rauszulassen, auch aus Selbsthass, aus Wut über bestimmte Dinge in der Gesellschaft etc. Ende meiner Jugend passierte dann aber tatsächlich noch etwas, über das ich online nicht sprechen möchte, aber da hatte ich schon längst mit dem SVV angefangen, das war also kein Auslöser, verschlimmerte das Ganze aber noch mal für eine Weile.

Mit der Zeit wurde es aber auch ein Selbstläufer. Die Gefühle, die dabei ausgelöst werden, sind extrem schwierig, zu vermitteln, aber wenn man einmal drinsteckt, ist es sofort das erste, was dir einfällt, wenn es dir schlecht geht und das Ironische ist, dass es im ersten Moment ja tatsächlich hilft, nur längerfristig eben nichts löst.

Zitatesammler

Binea: Ich habe mir sehr viele Zitate markiert, viele erschließen sich davon wohl nur mir. Das hier ist allgemein schön und so wahr: „…, wir müssen uns aussuchen, wer wir sein wollen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Situation uns aussucht.“ (Seite 445)

Welche Worte hast du dir markiert?

Ja, ich bin auch ein Zitatesammler und will etwas teilen, an das ich selbst gern glauben möchte: „Weil die Welt am Ende, wenn alles gesagt und getan ist, Charlotte, nur deswegen noch funktioniert, weil manche Menschen nett sind.“ [S.222] Das ist doch schön; so will ich die Menschheit irgendwann haben.

Dickes DANKE, liebe Anne, für deine Offenheit und diesen regen Austausch. So macht Literatur Spaß und ich hoffe, dass dir unser literatwoisches Lagerfeuergespräch ebenfalls gefallen hat. Lass es uns gern im Kommentar wissen.

Eure
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2 Comments on Mädchen in Scherben ~ Kathleen Glasgow

  1. Jetzt hat es so lange gedauert, bis ich endlich zum Kommentieren komme, dabei fand ich deinen [unseren ;)] Text ganz wunderbar zusammengefügt. Ich schrieb ja schon, dass ich die Idee eines gemütlichen Gespräches toll fand und auch wenn wir während des Lesens nicht sofort kapitelweise miteinander in Austausch standen, war das „Sich-Öffnen“ danach, was über das Buch hinausging, auch ein interessantes Zusammenkommen.

    • Gar kein Problem, ich freue mich von dir zu lesen und der Roman wirkt noch sehr nach, unser schriftliches Gespräch ebenso – einfach schön und rund und sehr, sehr offen. Dickes Danke und auf bald – jederzeit wieder.

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