Offene See ~ Benjamin Myers

Wenn ich müsste, würde ich wohl bis an die Ostsee laufen. Mag sein, dass ich gerade erst an der Ostsee war und mag auch sein, dass ich bald wieder dahinfahre, aber ich kann nichts für diese große Ostseeliebe. Ich mag das Meer, diese offene See. Es ist einfach so und ich würde auch an die See laufen, um mein Meerweh zu stillen. Im Gepäck hätte ich dann sicher auch Fünf Viertelstunden bis zum Meer von Ernest van der Kwast.

Bei mir sind es nicht die Berge, ich gehöre ganz eindeutig zum #teammeer und wahrscheinlich haben mich die Kombination aus Fernweh, Cover und Titel in den Roman von Benjamin Myers gezogen. Gut so!

Offene See

Was hat mich der Roman „Offene See“ (Dumont) beseelt. Sagt man das so? Mich hat er so ruhig wild gemacht, mit Freiheitsgefühlen gefüllt. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Komisch, wenn man bedenkt, dass ich auf den ersten Seiten noch etwas unschlüssig war und das ich mir nicht so viel erhoffte, da mir das Cover doch etwas zu „erwachsen“ aussah. Das klingt jetzt vielleicht auch komisch, aber es wirkt auf den ersten Blick wie ein Klassiker, vielleicht wegen der goldenen Schrift und da es in Leinen gebunden ist. Und nun bin ich mehr als dafür, dass der Roman zum Klassiker wird.

Buchige Wege sind schon echte Abenteuer und der 16-jährige Robert ist ein Abenteurer, denn er macht sich zu Fuß auf den Weg zur Küste. Ihn umtreibt die große Sehnsucht nach dem Meer und es ist ihm klar, dass er sie jetzt stillen muss. Seine Füße sollen ihn bis an die Küste von Nordengland tragen, bevor er unter Tage muss. In seiner Familie ist es üblich, dass die Männer im Bergbau arbeiten. Darum läuft Robert los, um die Freiheit zu spüren, bevor das Arbeitsleben beginnt.

Lebensgeheimnisse

Als er die Küste schon sehen, dass Meer riechen kann, strandet er im Cottage von Dulcie, einer älteren, alleinlebenden Dame. Robert wird von ihr herzlich aufgenommen und sie verwöhnt den recht schmalen, sogar eher schmächtigen Robert mit kulinarischen Gerichten. Als Dank widmet sich Robert dem verwilderten Garten, in dem Lebensgeheimnisse von Dulcie verborgen sind. Er begegnet nicht nur der Literatur, sondern es öffnet sich für ihn eine ganz andere Welt, die er bisher so noch nicht kennenlernte.

Offene See ~ Benjamin Myers

In diese Welt entführt Benjamin Myers natürlich nicht nur Robert, sondern auch seine Leser*innen. Nicht nur Robert, sondern auch Dulcie habe ich sofort ins Herz geschlossen. Doch noch bevor sich die beiden begegnen und eine ganz wundervolle Beziehung entsteht, gibt es ganz viel Natur zu erlesen. Myers malt Roberts Wanderung bunt und von da an war ich schon gefesselt, ohne zu wissen, wie es weiter geht. „Offene See“ ist kein spannender Krimi, eher ein stiller, verträumter Roman mit vielen Geheimnissen und dem Suchen und Finden des Lebenssinns.

Lechzende Sinnesorgane

Während die Landschaft zwischen den Seiten aufblüht, lechzen die Sinnesorgane danach, den frisch aufgebrühten Tee aus Eigenernte oder die Köstlichkeiten, die Dulcie in der Küche zaubert, zu kosten.

Das klingt vielleicht kitschiger als es soll, denn Kitsch spielt im Buch keine Rolle. Mich haben die von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzten Worte unglaublich berührt. Ich liebe es selbst, dort zu helfen, wo es nötig ist – im Garten, am Haus. Myers Worte erinnerten mich so sehr an ganz bestimmte Tage in meinem Leben. Vor allem aber steckt so viel Freiheit und Mut im Roman. Robert ist ein Vorbild und zeigt, dass man das eigene Leben sehr wohl selbstbestimmt leben kann, ohne sich abzuwenden. Dulcie hätte ich selbst gern getroffen. So eine starke Persönlichkeit mit reichlich Erfahrung, ohne diese belehrend weiterzugeben. Ich liebe ihre sarkastisch-grobe und wunderbare Art. Diese Beziehung zwischen Jung und Alt, so ein witziger und glücklich machender Umgang, den die zwei Charaktere haben. Beeindruckend schön!

Lebensgefühl

Zwischen ganz viel Lebensgefühl und Geheimnissen gibt es auch emotionale Momente, da jeder Mensch schwache Punkte hat. Oh, ich liebe dieses Buch so sehr und es ist so uneingeschränkt zu empfehlen. Eine Geschichte fürs Herz, die vielleicht minimal an einige Szenen aus Bernhard Schlinks Vorleser erinnert. Ein ganz großartiges Stück Literatur was sehr bewegt, gehaltvolle Sätze in sich trägt und so vor Lebensgefühl sprüht.

Benjamin Myers hat mich mit „Offene See“ richtig beglückt!


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