Rainbirds ~ Clarissa Goenawan

Schaukelst du auch so gern? Dann kannst du dir sicher schnell dieses befreite, leicht und unbeschwerte Gefühl hervorrufen. Immer höher und höher und man lässt locker und die Gedanken frei. Doch dann gibt es einen Ruck, jemand hält die Schaukel an und du fällst ganz unsanft zurück in die Realität. Autsch. So ging es dir auch schon? Mir ging es lesend kürzlich so, als ich „Rainbirds“ von Clarissa Goenawan beendete.

Die Nachricht vom Tod seiner Schwester Keiko trifft Ren Ishido hart. Viel zu selten hat er sie getroffen, als sie damals Tokio den Rücken kehrte. Viel zu selten hat er von ihr am Telefon gehört, wie es ihr geht, was sie beschäftigt, wie ihr Umfeld aussieht. Das alles wird Ren jetzt erst schmerzlich bewusst.

So wie Ren der Schmerz trifft, wird man als Leser in den Sog des Romans gezogen. Wer hat Keiko in der Regennacht erstochen? Warum musste seine Schwester so jung sterben? Ren realisiert, dass er in seiner Studentenblase gelebt hat und viel zu wenig von Keiko erfahren hat, dabei waren sie in ihrer Kindheit unzertrennlich, sie war für ihn nicht nur Schwester, sondern auch Mutter. Ren reist entsetzt nach Akakawa um die Stelle zu sehen, an der Keiko starb und um die Menschen zu treffen, die sie kannten, um zu wissen, was sie dort fühlte, wo sie lebte.

Rainbirds

„Das Schlimme am Seelenschmerz ist, dass man die Wunde nicht sehen kann. Aber sie ist trotzdem da. Sie ist echt.“ (Seite 118)

Ren übernimmt nach und nach den Platz seiner Schwester. Er zieht in das Zimmer von seiner Schwester und liest als Gegenleistung der kranken Frau des Politikers vor. Er übernimmt den Arbeitsplatz von Keiko und beginnt zu unterrichten. Ren schlüpft in ihre Rolle, um ihr nah zu sein.

Doch hat Keiko auch so wirr geträumt wie er? Hat sie geliebt, geweint, gehasst? Ren nimmt jeden Hinweis auf, sucht nach Spuren und kommt Tag für Tag seinem neuen Alltag näher. Freund Honda steht ihm zur Seite, als er ständig und immer unerwartet auf Rio trifft. Seine Schülerin, eine kleine Rebellin, ein geheimnisvolles Mädchen…

Rainbirds ~ Clarissa Goenawan

Beim Lesen des Romans hat mir wirklich nur der Curryreis gefehlt, der Japanische Kirschblütentee stand parat. Ich bin immer noch beseelt, wenn ich an Clarissa Goenawans Geschichte denke. In ein Raster lassen sich die über 350 Seiten nicht pressen. Keine Liebesgeschichte, kein Krimi, kein Familienroman – eher eine Mischung, als ob man Wasser in eine Tasse füllt, anschließend den Teebeutel reinhängt, der nach und nach sein Aroma abgibt und als Krönung zwei Zuckerwürfel beifügt. Das Umrühren passiert von ganz allein…

Ich mag das Cover, ich mag den Inhalt und vor allem die Charaktere. Clarissa Goenawan erzählt so schön, spart gleichzeitig mysteriöse und düstere Szenen nicht aus. Sie erzählt dann ausschweifend, wenn es passt, und beginnt die Spannung abzustellen, wenn der Leser bereit ist, die Notwendigkeit erkennt. Schicksalsschläge scheinen samt umhüllt und sind doch scharf wie Messer. Emotionale Zitate erweichen das Herz und geheimnisvolle Szenen schüren die Neugierde.

Haruki Murakami?

Ob der Vergleich mit Haruki Murakami passt, ob der Roman vom Lesegefühl den Romanen ähnelt, kann ich schwer beurteilen. Auf jeden Fall hab ich mich in Japan lesend wohlgefühlt und eine gefühlvolle Zeit erlebt. Es braucht kein Ende mit Paukenschlag und es führt nicht jeder Weg ans Ziel und das ist auch nicht immer schlimm oder verkehrt.

Clarissa Goenawans Roman „Rainbirds“ ist einfach schön erzählt und die Empfehlung für einen lauen Sommerabend.

Eure
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