Stella ~ Takis Würger

Tatsächlich habe nun auch ich „Stella“ von Takis Würger gelesen. Natürlich habe ich mitbekommen, dass Würgers zweiter Roman in den Medien sehr heiß diskutiert wird. Wohl auch zerrissen und getreten, bewusst habe ich mir wie das kleine Äffchen, welches wir doch alle gern bei Whatsapp nutzen, die Augen und Ohren zugehalten. Keine Ahnung, ob ich „Stella“ (HANSER) lesen wollte oder nicht – ich habs einfach getan und die knapp 220 Seiten recht schnell inhaliert.

Bis heute habe ich „Der Club“ von Takis Würger nicht gelesen, es soll aber gut sein und auch das werde ich nachprüfen. Nun aber zum akutellen Roman. Keine 24 Stunden ist es her, als ich Stella und den naiven Schweizer, namens Friedrich, verlassen habe. Was bleibt? Ich habe so einiges gelernt, aufgefrischt und Takis Würger schafft das, was viele Autoren nicht schaffen: er beschäftigt mich auch noch über die Seiten hinaus. Was das heißt, erzähle ich gleich.

Ein wenig überrascht war ich doch, als ich auf der ersten Seite nicht Stella, sondern Friedrich begegnete. Ist nicht Stella auf dem Cover abgebildet und ist es nicht sie, die ich treffen will? Also lernte ich Friedrich kennen. Sein Vater handelt mit Samt, seine Mutter ist Künstlerin, versäuft allerdings ihr Leben und versucht ihrem Sohn die Welt der Farben näher zu bringen. Sie sieht ihn schon an der Kunstakademie, Friedrich selbst erleidet allerdings bei einem Unfall eine Farbsinnstörung und sieht keine Farben mehr.

Stella ~ Aktmodell, Greiferin

Und doch wird er ein junger Mann, den es mitten im Krieg nach Berlin zieht. Dort gibt es sie noch, die Freiheit, die geheimen Jazzclubs und den Zeichenkurs, in dem Kristin Modell sitzt. Friedrich ist verliebt und möchte das Mädchen, welches Pünktchen genannt wird, wiedersehen. Er sieht sie wieder, die Frau mit den vielen Rollen:

 „Diese Frau trug so viele Rollen in sich, das Aktmodell, die Sängerin mit der dünnen Stimme, die Schönheit in meiner Badewanne, die Büßerin, die Lügnerin, das Opfer, die Täterin. Stella Goldschlag, die Greiferin, meine Frau.“ (Seite 196)

Stella ~ Takis Würger

Kristin outet sich als Jüdin, als Stella Goldschlag. Jedes weitere Wort wäre jetzt gespoilert und doch auch nicht, denn ihre Geschichte ist kein richtiges Geheimnis. Ich kannte die Jüdin bisher nicht, für mich war ihre Geschichte neu. Verletzt steht sie vor Friedrich und letztendlich auch mir und hat so einiges zu erzählen…

Takis Würger hat mich zwar nicht emotional mit seiner Liebesgeschichte erreicht – was ich mir derzeit selbst nicht erklären kann – aber er hat es geschafft, mich auch nach dem Beenden des Buches weiter zu beschäftigen. So habe ich das Internet durchforstet und alles über Stella Goldschlag nachgelesen, was ich finden konnte. Bewusst habe ich auch jetzt, nachdem ich „Stella“ gelesen habe, die Kritik ausgeblendet. Meine Meinung habe ich mir gebildet: eine recht emotionslose und einfach geschriebene Liebesgeschichte, mit vielen Fakten und einer auf- und abtauchenden Randfigur, über die ich mehr wissen möchte – Stella – blondes Gift und auf dem Cover abgebildet.

1942 ~ Verrat & Selbstschutz

Die Fakten aus den 12 Monaten des Jahres 1942 haben mich beeindruckt, mir so einiges gelernt und auch vorhandenes Wissen gefestigt. Würger erzählt zu Beginn der Kapitel in kurzen knappen Sätzen, was sich in dem jeweiligen Monat ereignet hat. Das ist richtig stark und gleichzeitig genauso Gänsehaut erzeugend, wie die Auszüge aus den Prozessakten an den Kapitelenden. Mögen diese am Anfang noch für Verwunderung sorgen, sind diese bald erdrückend und eindeutig.

Takis Würger wirft viele Fragen auf, wie z.Bsp: darf ich andere verraten, wenn ich mich selbst damit schützen kann?, lässt genauso viele unbeantwortet und setzt doch den Grundstein, um sich besonders mit dem Jahr 1942 auseinander zu setzen und mit einer Frau die unerklärliches getan hat.

Diskussionsstoff und umfassenden Redebedarf gibt es inklusive! Ob ich Stella gern gelesen habe? Ja – auch wenn ich hier und da noch kritisieren könnte.

Eure
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