Loyalitäten ~ Delphine de Vigan

Loyalitäten – egal wem gegenüber, sollten nicht aufgegeben werden. Ich halte mich selbst für sehr loyal. Zudem bin ich eine erfahrene Delphine de Vigan Leserin – ich habe alle Romane von ihr verschlungen, einige schneller und andere nicht ganz so schnell. Ein wenig enttäuscht war ich von „Tage ohne Hunger„, aber sonst -> Begeisterung pur. Delphine de Vigan ist eine wahnsinnig gute Autorin, eine spannende Frau und sie hat sehr viel zu erzählen. Das Loyalitäten nur gut sein kann, nein, sogar sehr stark sein wird, hatte ich im Gefühl. Schon der erst Satz, hat mich umgehauen und mir sofort zwei Charaktere näher gebracht. Lehrerin Hélène und ihren 12-jährigen Schüler Théo.

„Ich dachte, der Kleine sei misshandelt worden, das dachte ich sehr bald, vielleicht nicht an den ersten Tagen, aber nicht lange nach Schuljahresbeginn, es war etwas an seiner Art, sich zu halten, sich dem Blick zu entziehen, das kenne ich, das kenne ich nur zu gut, diese Art, mit der Umgebung zu verschmelzen, transparent zu werden.“ (Seite 7)

Dieser erste lange Satz lässt erahnen, das Hélène keine glückliche Kindheit hatte und das sie die Augen offen hält, um andere Kinder, Kinder die sie selbst nicht hat, zu schützen, zu retten. Théo ist nicht schlecht in der Schule, Théo hat einen besten Freund namens Mathis und laut Schulärztin ist er gesund und munter. Hélène spürt dennoch, dass der Schein trügt. Sie ahnt, dass er familiäre Probleme hat. Sie ahnt nicht, dass Théo noch einen besten Freund hat, der den Namen Alkohol trägt. Auch Théos Eltern sind ahnungslos. Das eigene Unglück und die eigene Einsamkeit machen sie blind und ihr Sohn muss den Spagat zwischen den getrennten Eltern ertragen. Wärmende Geborgenheit erzeugt der Alkohol in ihm.

Loyalitäten

Mathis sorgt sich, trinkt allerdings mit, bis er erwischt wird. Seine Mutter Cécile führt Selbstgespräche, ihr Mann führt eine Art Doppelleben und sie hat eine Abneigung gegen Théo. Ihr kann sich Mathis nicht anvertrauen. Théo ist sein Freund und würde er ihn verraten, würde er einen Strudel lostreten. Mathis schweigt solange, bis die Gefahr übermächtig wird, bis es um Leben oder Tod geht.

Loyalitäten ~ Delphine de Vigan

Darauf einen Schnaps – sinngemäß würden diese Worte passen und doch sind es bei „Loyalitäten“ (Dumont) die wohl falschesten Worte überhaupt. Autorin Delphine de Vigans neuer Roman hat mich regelrecht umgehauen. Ich musste tief nachdenken, nachfühlen, verdauen und selbst jetzt wirkt die Geschichte von Théo noch nach. Mit wenigen Worten auf wenigen Seiten hat mich die Autorin regelrecht an die Wand gedrückt. Ihre Charaktere haben mich betroffen gemacht und vor allem das Schicksal von Lehrerin Hélène hat mich verletzt. De Vigan schreibt so kraftvoll, ihre Worte sind schnörkellos treffend. Sie schlagen wie ein Blitz, ganz unvorhergesehen, ins Leserherz.

Wir dürfen nicht nur am Leben von Théo teilhaben, sondern wechseln kapitelweise die Perspektiven. Jede Figur ist eindrucksvoll ausgearbeitet und macht uns ergriffen. Hélène, Cécile, Théo und Mathis – alle schicksalhaft verbunden, von schlechten Erfahrungen geprägt und in gefährlichen Situationen, die oft verschwiegen werden.

Teufel Alkohol

Wie loyal dürfen, müssen und können wir sein?

„Loyalitäten“ von Delphine de Vigan hat mich durch die gesellschaftliche Vielschichtigkeit arg getroffen, fasziniert und verstört zugleich. Für mich ein literarisches Highlight, welches ein breites Spektrum an Emotionen auslöst.

Passt auf eure Mitmenschen auf!

Eure
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