Nordstadt ~ Annika Büsing

Ich bin gerade so ziemlich hin und her gerissen. Sag ich erst was zur Triggerwarnung oder frag ich dich, ob du auch direkt Chlorgeruch in der Nase hast, wenn du an deinen letzten Besuch im Schwimmbad denkst? Da du vermutlich genau jetzt den typischen Schwimmbadgeruch riechst, warne ich dich doch zuerst vor dem Inhalt des schmalen Romans. Lies nicht weiter, wenn dich Beschreibungen psychischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt triggern könnten. Diese Warnung findet sich auch im Buch von Annika Büsing – meine erste Reaktion: klasse! Endlich schaut ein Verlag mal über den Tellerrand und im nächsten Moment dachte ich: na prima, warum im Roman und nicht auf der Rückseite, um direkt vor dem Kauf schon zu warnen. Wie denkst du darüber und braucht es die Inhaltswarnungen wirklich? Vielleicht diskutieren wir darüber mal an anderer Stelle?

Zurück ins Schwimmbad – es ist der typische Geruch, der beim Lesen in der Nase hängt. Und ich mag es, mit allen Sinnen zu lesen und dadurch noch näher einzutauchen, noch näher bei den Protagonist:innen zu sein. Natürlich wäre es noch besser, den Roman mit ins Schwimmbad zu nehmen. Das bietet sich hier wirklich an, denn noch näher wäre nur, wenn man auf Bademeisterin Nene selbst trifft. Das Schwimmbad ist ihr Lebensmittelpunkt, ihr Zuhause und auch der Ort an dem sie auf Boris trifft. Nene ist sich selbst genug, manchmal sogar zu viel und ab und an auch zu wenig. Aber einen Boris braucht sie nicht wirklich, eine richtige Familie wäre gut gewesen. Ihren Vater schimpft sie einen unfeinen Wichser, ihre Familie beschreibt sie mit aufreizend asozial und über ihre Schwester Alma regt sie sich gern auf.

Nenes Familie sind ihre Kolleg:innen und die Besucher:innen des Schwimmbades mit ihren Routinen und festen Schwimmzeiten. Ihr Leben ist sonst recht dunkel, aber das ist im Norden der Stadt nicht nur bei ihr so. Nene ist ohne Hoffnung und lässt sich durch ihr Leben treiben. Sie schwimmt mit und gern die bekannten Bahnen, alles alte tut zu sehr weh und um alles Neue schwimmt sie lieber einen Bogen. Die Angst verletzt zu werden ist zu groß und doch schafft es Boris ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Nene wagt sich auf ihren ganz persönlichen Sprungturm und läuft ganz langsam nach vorn. Der Mut zu springen ist da und mit ihr die Angst, dass sie herunterfällt, schlimmer noch, heruntergestoßen wird.

Nordstadt ~ Annika Büsing

Annika Büsing hat mich total begeistert. Ja, ich bin Fan von Romanen, die mit einem eindrucksvollen Cover locken, wenig Seiten haben und inhaltlich besonders und gehaltvoll sind. Und es ist der schnoddrige Ton, den ich ab und an ganz gut finde. Die lebensechten Worte, extrem und schmerzhaft und doch irgendwie hoffnungsvoll. Ich mag Nene, vor allem mag ich es, ihre Gedanken aufzusaugen und an ihrer Seite zu sein. Auch wenn die Tage oft grau sind und auch Boris nicht dauerhaft für Sonne in Nene Leben sorgt.

Schrumpelige Haut

Es blieb keine Zeit für schrumpelige Haut beim Lesen, denn so lange wurde nicht im Wasser verweilt. Es gibt keine Pausen, denn Nenes Kopf kennt keinen Stillstand. Die 120 Seiten sind schnell inhaliert, keine tiefgründige Literatur, sondern das pure Leben, wie es spielen kann. Büsing schreibt weder poetisch noch verschnörkelt, sie schreibt authentisch über zwei junge Menschen mit verknacksten Kindheiten und unverarbeiteten Lebensbaustellen. Es gibt mehr Schatten als Sonne und füreinander haben die zwei nicht nur Liebe und Harmonie übrig.

„Vielleicht ist lügen wie der Versuch, ein Herz, das nicht schlagen will, dazu zu zwingen.“ (Seite 63)

Und doch steckt zwischen den Seiten keine Hoffnung, aber es gibt positive Schwingungen und auch wenn die zwei Leben nicht die glücklichsten sind, gibt es schöne Momente. Mir tat es gut, in Nenes Kopf zu sein, sie ein Stück ihres Weges zu begleiten, auch wenn er nicht sicher befestigt ist. Ich habe mich ihr ergeben, mich mit ihr verletzen lassen, selbst verletzt und ganz neue Gefühle und Lebenswege kennengelernt.

Nordstadt – ein gelungenes Debüt über viel Angst, wenig Liebe und gleichbleibende Unsicherheiten.

literatwo_banner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.