Zwei fremde Leben ~ Frank Goldammer

Das Gute liegt oft so nah und doch…

Wer Literatwo nach „Goldammer“ durchsucht hat, um Romanvorstellungen von Frank Goldammer zu finden, ist bis heute nicht fündig geworden. Unter Goldammer ploppt der Artikel zu „Der Zirkus der Stille“ auf, der allerdings von Peter Goldammer stammt. Ja, ich habe tatsächlich erst jetzt zu einem Roman von Frank Goldammer aus Dresden gegriffen, obwohl ich den Angstmann-Autor schon knappe zehn Jahre kenne. Warum denn das?

Zwei fremde Leben

Keine Ahnung – es gibt keinen Grund und ja, ich sollte mich vielleicht schämen. Es hat sich eben einfach noch nicht ergeben, aber jetzt habe ich mich endlich überzeugt. Und ich habe nicht nur das Buch gelesen, sondern ich habe auch die Open Air Lesung am 13. August im Rudolph-Harbig-Stadion besucht, auch wenn ich im Nachhinein festgestellt habe, dass ich weder den Autor mit Buch noch das Buch selbst in Szene setzte, obwohl ich es dabei hatte. Dafür konnte ich den Artikel mit Fun-Facts beginnen und ich habe vor Ort einige Menschen getroffen, die ich bisher nur von Instagram „kannte“. 😉

Zwar bin ich in der DDR geboren, aber richtig miterlebt habe ich die Zeit nicht. Dazu war ich zu klein und doch bin ich neugierig, was damals passierte. Frank Goldammer hat sich intensiv dem Thema Kindesentführung in der DDR gewidmet und nimmt uns mit ins Jahr 1973 in die Dresdner Klinik.

DDR

Dort liegt nicht nur die schwangere Frau von Polizist Thomas Rust, sondern auch Ricarda Raspe, allerdings ohne Kind. Ihr wurde mitgeteilt, dass es ihr Kind nicht geschafft hat. Ricarda kann kaum begreifen, was ihr widerfahren ist, genauso wenig wie ihr Verlobter. Ihnen wurde der Leichnam des Kindes nicht gezeigt, Ricarda selbst war bei der Geburt betäubt und der entbindende Arzt ihr eigener Vater, der von Anfang an gegen das Kind war. Ricarda kann nicht akzeptieren, dass sie keine weiteren Auskünfte bekommt und sie glaubt erst Recht nicht an den Tod des Kindes. Ihr Verstand lässt sie immer wieder an eine staatlich angeordnete Kindesentführung glauben.

Polizist Thomas Rust ist auf Ricardas Seite, da er an dem Abend vor der Klinik wartete. Der Abend, als er das Auto mit Berliner Kennzeichen entdeckte…

Zwei fremde Leben ~ Frank Goldammer

Ein wirklich sehr spannender, aber auch emotional sehr fesselnder und ergreifender Beginn. Mit dieser Intensität hatte nicht gerechnet, da die Sprache von Frank Goldammer sehr einfach ist. Aber gerade diese schlichte Schreibe ist es, die voran treibt und den Lesefluss nicht stocken lässt. „Zwei fremde Leben“ entpuppt sich als eine Art Kriminalroman, der einen großen Zeitraum umfasst.

Kriminalroman

Protagonistin Ricarda hat den Tod ihres Kindes im Jahr 1973 nie verkraftet und kann selbst in unserer heutigen Gegenwart noch keine Ruhe finden. Sie möchte wissen, was passiert ist, obwohl sie inzwischen ein recht stabiles Leben führt und einige Lebenshürden der DDR überwinden musste. Durch ihre unermüdliche Suche verliert sie ihre Ehe und ihre Freunde.

Es gibt noch eine weibliche Protagonistin, die im Mittelpunkt steht. Claudia Behling, Tochter des hochrangigen SED-Parteifunktionärs. Kurz vor dem Mauerfall erfährt die unter hohem Erwartungsdruck stehende, dass Sie adoptiert ist. Das Verhältnis zu ihren Adoptiveltern war nie harmonisch und ist für sie natürlich ein Grund, nach ihren Eltern zu suchen. Sie möchte wissen, warum ihre Mutter sie zur Adoption freigegeben hat, sie möchte ihre Geschichte kennen. Claudia bricht aus und begibt sich auf die Suche. Kein leichtes Unterfangen, da sie kaum Anhaltspunkte hat und die Adoptionsunterlagen vernichtet wurden.

Wahrheitssuche

Frank Goldammer hat mich mit seinem Generations-DDR-Roman wirklich begeistert. Keine hohe Literatur, dafür eine wirklich gute Unterhaltung mit spannenden Einblicken. Die knapp 400 Seiten entwickeln sich regelrecht zum Pageturner, da die Handlungen immer wieder zwischen den Jahren springen und bis zum Ende geheim bleibt, was wirklich passierte.

Ohne richtig aktiv am Leben in der DDR teilgenommen zu haben, musste ich oft nicken, da mir natürlich als Dresdnerin über viele Begebenheiten, wie zum Beispiel die damalige Arbeitssituation, erzählt wurde. Und doch wurden Themen wie Zwangsadoption und Kindesentzug kleingehalten, regelrecht verschwiegen.

DDR-Generation

Ich bin sehr froh, nun darüber gelesen zu haben und denke, dass der Roman vor allem auch für die Generation meiner Eltern und sogar auch Großeltern wichtig und spannend ist. Darum liegt es nahe, dass ich „Zwei fremde Leben“ zuerst meiner Mama in die Hand drücken werde.

„Zwei fremde Leben“ (dtv) bringt heikle Themen ans Tageslicht und ist spannend und ergreifend bis zum Schluss.


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4 Comments on Zwei fremde Leben ~ Frank Goldammer

  1. Schön, dass du nun zu einem „Goldammer“ gegriffen hast. Ich finde auch, dass der Roman für die Elterngeneration gut wäre, allerdings werde ich ihn in diese Richtung nicht weiter reichen. Dazu ist das Thema zu kompliziert. Nicht für mich…
    Viele Grüße und bis nächste Woche?

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