Die Unschärfe der Welt ~ Iris Wolff

„Die Unschärfe der Welt“ (Klett Cotta) nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020 – für mich nicht der ausschlaggebende Grund, es zu lesen. Iris Wolff schreibt über ein Banater Dorf, über Rumänien und Wolffs Worte hätte unsere kleine Omi, gebürtige Siebenbürgerin, unbedingt lesen wollen. Mit dem Wissen im Kopf und großer Neugierde auf einen Spuren hinterlassenden Generationsroman, schärfte ich meinen Verstand und versank …

Die Erinnerung ist ein Raum mit wandernden Türen. (Seite 69)

Florentine ist es, die mit ihrer Familie den Grundstein legt und erahnen lässt, dass ihr Leben kein einfaches ist. Sie macht sich auf den Weg, um ihr Kind zu retten und schafft es. Zu dritt lebt die kleine Familie im großen Pfarrhof, dessen Tore und Türen Einheimischen und Fremden offen stehen. Schon diese ersten Seiten beinhalten viel Spannung und strahlen gleichzeitig auch Geborgenheit aus, obwohl Florentine sich nicht immer wohlfühlt.

Zăpadă

Den Namen Zăpadă trägt das erste Kapitel von Wolffs Roman und schnell wird klar, dass Florentine die knapp über 200 Seiten eröffnet, aber nicht ständig an der Seite von uns Lesern bleibt. Durch die ersten sehr intensiven Seiten ist mir das nicht ganz leicht gefallen, ich habe sie schnell ins Herz geschlossen und doch hat mich das zweite Kapitel mit dem Namen Echo schnell abgelenkt. Es handelt von Hannes, Florentines Mann und öffnet einen neuen Blickwinkel. Und so hangelt sich Iris Wolff durch die verschiedenen Mitglieder der Familie und deren Freunde und nimmt sich ständig die Freiheit, zwischen den Zeiten zu springen.

Wenn die Traurigkeit in der Brust wohnt, dann steckt die Lustigkeit in den Zehen. (Seite 95)

Dabei nimmt Samuel, der Sohn von Florentine und Hannes, eine ganz besondere Rolle ein. Er taucht immer wieder in den Kapiteln auf, allerdings als Nebenfigur, die durch die unterschiedlichen Perspektiven zur Hauptfigur wird. Seine Biografie wird wie ein Puzzel Stück für Stück erweitert und Samuel ist eine wirklich grandiose Figur, die mich sehr beeindruckt hat.

Die Unschärfe der Welt ~ Iris Wolff

Unschärfe der Welt

Leviathan, Windwanderer, Makromolekular, Jupiter und Prestigio – so die Namen der weiteren Kapitel, die den Nerv des jeweiligen Inhalts treffen. Jedes Kapitel verlangt es, verdaut zu werden und gleicht einer intensiven Kurzgeschichte. Iris Wolff hat den Zeitstrahl in ihrem Roman recht lang gezogen und spannende Geschichtszeitpunkte vertieft und miteinander verwebt. Sie lässt auf das kommunistische Rumänien, den Banat der sechziger Jahre blicken, zeigt Süddeutschland in der Gegenwart und schreibt über die DDR und ihr Ende, wie auch über Flucht.

Bücher musste man besitzen. Geliehene Bücher zu lesen war wie Sex mit angelassenen Klamotten. (Seite 154)

Selten sind mir in so kurzer Zeit so viele Charaktere ans Herz gewachsen. Die Autorin hat diese so sorgsam und unterschiedlich gewählt, dass die jeweiligen Lebensausschnitte sich sofort eingeprägt haben. Das junge homosexuelle Pärchen – Bene und Lothar – aus der DDR, Samuels Freund Oz, seine Frau Stana und Tochter Liv haben mich beeindruckt und bewegt. Samuels Großmutter Karline möchte ich nicht unerwähnt lassen.

Mich hat Iris Wolff wirklich begeistert und beseelt zurückgelassen. „Die Unschärfe der Welt“ ist offen und rund zugleich. Nach und nach verblasst die Unschärfe und das Familienpuzzle legt sich von Generation zu Generation im Laufe der Zeit übereinander. Jeder Charakter so einzig und pur. Ein Lesegenuss, ein literarisches Lesehoch – obwohl der Roman von vielen schmerzhaften Lebenspunkten handelt.


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