Ein Leben mehr ~ Jocelyne Saucier

Sobald ich von „Niemals ohne sie“ von Jocelyne Saucier schwärme, werde ich gefragt, ob ich denn schon „Ein Leben mehr“ von ihr gelesen hätte. Das wäre nämlich noch viel besser und wirklich schön und es gehört definitiv gekauft.

Das habe ich getan und zwar in Lindau am Bodensee in der Buchhandlung Papillon, als ich meiner Oma Lebwohl sagte. Das war im letzten Jahr und seitdem steht als Erinnerung ein besonderes Zitat auf der ersten Seite.

Jetzt, eine ganze Weile später, kenne ich beide Bücher und bin mir nicht sicher, ob ich ihren ersten Roman, in dem der Tod allgegenwärtig ist, wirklich schöner finde. Ich komme eher zu dem Fazit, dass beide Roman ins Bücherregal gehören und nicht miteinander verglichen werden sollten. Beide haben mich auf ihre Art erreicht und bewegt. Nicht vergleichen, lesen!

Ein Leben mehr

Drei Männer, viel Natur, Nordkanada und die Einsamkeit könnten im Mittelpunkt des Romans stehen. Und natürlich könnte es um ganz viel Freiheit gehen. Doch das wäre alles viel zu einfach für die damalige Journalistin und heutige Autorin Jocelyne Saucier.

Von den einst drei Männern, leben nur noch zwei, die Freiheit ist nicht garantiert und mit der Fotografin, deren Namen unbekannt ist, endet die gewollte Ruhe und Einsamkeit. Die Fotografin sucht nämlich den Mann namens Ted Boychuck, den Mann der seit kurzer Zeit nicht mehr am Leben ist. Ein schwerer Verlust, da es kaum jemanden gab, der so intensiv von den Großen Bränden erzählen konnte. Er war eine Legende.

„…Der Legende von dem Jungen, der durch die verbrannte Landschaft gewandert war, der Legende von dem Mann, der vor seinen Dämonen in den Wald geflohen war, einem der letzten Überlebenden des Großen Brandes von Matheson im Jahr 1916. … Eine offene Wunde, sagten die meisten Leute über Ted.“ (Seite 43)

Jeder kannte Ted, selbst wenn er ihn nie zuvor getroffen hatte. Doch die Fotografin ist nicht die einzigste Frau, die die Ruhe der Männer stört, in ihr Reich eindringt. Eine ältere Frau namens Gertraude trifft auf Tom und Charlie und ist gezwungen zu bleiben. Manche Lebenslagen erfordern einen Neuanfang und beinhalten keinen Rückweg.

Ein Leben mehr ~ Jocelyne Saucier

Salzdosen

Und außerdem spielen Steve und Bruno, die zwei Männer, die das Verbotene lieben, eine große Rolle im Buch von Jocelyne Saucier. Genau wie die drei Salzdosen…

Wahnsinn, wahnsinnig schön traurig und so viel Gefühl zwischen so wenigen, nicht mal ganz 200 Seiten.

Der perfekte Leseort ist tatsächlich im Wald oder auf einem Feld, jedenfalls in der Natur. Den Roman sollte jeder lesen, der sich mit der Natur und der Freiheit verbunden fühlt und sich auf ganz besondere Charaktere mit ganz ergreifenden Lebensgeschichten einlassen möchte. Es ist kein Buch für den Strand, es beflügelt nicht, dafür beinhaltet es so viel Tiefe und der Leser darf auf einem Schwebebalken laufen, der sehr schmal ist.

Aus vielen Sätzen tropft die Traurigkeit, viele Wörter bestehen aber auch aus Knoten der Gemeinschaft und der Verbundenheit. Hinter dem Covergesicht verbirgt sich so vieles, mit dem man nicht rechnet. Außenseitertum und Illegalität, Missbrauch, aber auch die Liebe, jedenfalls Zärtlichkeit und ganz viel Verwandlung.

Und der Tod? Der hockt immer noch in seinem Versteck. Um den Tod muss man sich keine Sorgen machen, er lauert in allen Geschichten.“  (Seite 195)

Zudem ist der Erzählstil von Autorin Jocelyne Saucier, den Sonja Finck aus dem Französischen ins Deutsche gebracht hat, ein echter Genuss. Ich mag es, wenn es eine unsichtbare Stimme gibt, die den Rahmen bildet, neugierig macht und zwischendrin die Charaktere ihre eigene Stimme haben.

„Ein Leben mehr“ ist traurig und schön. Schön schwer und verträumt. Verträumt hart und liebevoll. Liebevoll quälend und friedlich. Friedlich real und tödlich. Tödlich alterslos und hoffnungsvoll. Hoffnungsvoll malerisch und tragisch.

Wie das Leben spielt, weiß nur das Leben selbst und die Menschen die es für sich mitspielen.


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