Schlagwort: Missbrauch

Mein Ein und Alles ~ Gabriel Tallent

Mein Ein und Alles ~ Gabriel Tallent

Wenn du kurz überlegst, fällt dir bestimmt ein, wann du das letzte Mal zu jemanden „Mein Ein und Alles“ gesagt hast. Richtig? Diese wenigen Worte klingen nicht tief und bedeuten doch so viel. Du bist mein Ein und Alles – diese Worte hört die 14-jährige Julia Alveston, Turtle genannt, sehr oft von ihrem Vater. Ihr Vater liebt sie, seine Tochter, die er nach dem Tod der Mutter ganz alleine aufzieht. Ja, es gibt noch den Großvater, der mit auf dem Anwesen lebt, welches immer mehr verwildert. Er trinkt gern, ist aber ein herzensguter Mensch, der seine Enkelin ebenfalls liebt, allerdings so wie man seine Enkelin lieben sollte. Ihr Vater liebt Turtle nicht nur wie seine Tochter, er liebt sie auch wie er seine Frau geliebt hat. Mit diesen Worten möchte ich ausdrücken, was dich grob erwartet und spreche eine Triggerwarnung aus.

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Schockstarre – und es schmilzt

Und es schmilzt ~ Lize Spit

Und es schmilzt hat mich in Schockstarre versetzt – Ich bin betroffen, gedemütigt, ich spüre Schmerzen und doch rate ich zu diesem Buch.

Vor wenigen Minuten habe ich das Buch beendet und bevor meine Worte schmelzen, schreibe ich sie taufrisch nieder. Ich stehe noch unter Schock, meine Finger sind eiskalt und ich habe innerliche Schmerzen. Was Lize Spit uns Lesern in ihrem Roman präsentiert, ist kaum in Worte zu fassen. In mir tobt ein Strudel aus Hass, ich fühle mich gedemütigt, ich bin betroffen und frage mich gleichzeitig, warum ich nicht mit dem Lesen aufhören konnte.

Jeder Erzählstrang aus der Perspektive von Eva, egal ob in der Gegenwart, 13 Jahre nach dem Sommer 2002 oder in der Vergangenheit, besagter Sommer 2002, tut weh. Tut nicht nur weh, sondern ist grausam, macht aber ebenso neugierig, fassungslos neugierig. Die schonungslose Schreibgewalt von Lize Spit hat mich im Buch gehalten, mich nicht entkommen lassen.

Wir lernen Eva also von zwei Seiten kennen. Wir denken, dass die Vergangenheit sie geprägt hat, dass sie im Leben angekommen ist, vergessen, verzeihen, zumindest weiterleben kann. Schließlich folgt Eva der Einladung zu einem Hoffest in ihr Heimatdorf. Seit Jahren ist sie nicht mehr dort gewesen, denn der Sommer des Jahres 2002 hat sie gezeichnet und sie hat überhaupt nur wenig gute und schöne Erinnerungen an ihre Jugend. Ihre Mutter hat getrunken, ihr Vater spielte mit dem Gedanken sich das Leben zu nehmen und eine tiefe Bindung zu ihren Geschwistern war nie durchgehend vorhanden. Eva kommt und zwar nicht alleine. Ein Eisblock begleitet sie.

Sie selbst war fast immer das Ersatzrad, vor allem in der Clique „Musketiere“ mit Pim und Laurens. Nur Eva spürte die Demütigung nicht sofort, sie wollte dazugehören.

Und es schmilzt ~ Lize Spit

Eva demütigte gemeinsam mit den zwei Jungs, sie wollte gern eine richtige Freundin und sie wäre gern öfters für ihre Schwester dagewesen – Eva wollte aber auch nie was verpassen, letztendlich wollte Eva aber geliebt werden…

Der Roman gleicht dem Eisblock in Evas Kühlbox. Die ersten Seiten tröpfeln dahin, wie der Eisblock der gerade erst die Box verlassen hat. Doch umso länger er an der warmen Luft ist, umso schneller wird er kleiner und wir lesen schneller und schneller und die über 500 Seiten schmelzen unter unseren Fingern. Unfassbare Lebenssituationen begegnen uns. Evas Heimatdorf, so einfach es gestrickt sein mag, hat Einwohner mit besonderen Charakterzügen und Neigungen. Auch der Übergang von der Kindheit ins Jugendalter bringt Probleme mit sich. Selten habe ich so extreme Charaktere in so jungem Alter erlebt und doch sind diese keinesfalls unrealistisch.

Brutal – pervers – unglaublich literarisch

In mir toben immer noch die vielen Eindrücke und Empfindungen. Der Ekel, der Hass, dies verdammte Ungerechtigkeit, das Ansehen von Demütigungen, die Ausweglosigkeit – gern wäre ich zwischen die Seiten gesprungen, um zu verhindern. Doch ich durfte nur zusehen und hoffen, dass Eva stark bleibt und richtet, was sie richten kann, während ihr Umfeld bricht.

Das Ende ist mehr als überraschend und erst spät abzusehen. Literarisch ganz großes Kino, auch wenn der Roman brutal, auch irgendwie pervers ist.

„Und es schmiltz“ (S. FISCHER) passt gut neben die Bücher, die mir ebenso Schmerzen beim Lesen verursacht haben und sich dadurch tief in meine Leseseele gebrannt haben: „Tu dir weh„; „Ein wenig Leben

Eure
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Kukolka ~ Lana Lux

Kukolka
Kukolka ~ Lana Lux

Kukolka … – … schön wie eine Puppe (Seite 219)

K wie Kindesmissbrauch, wie klauen, wie Kinder, wie Kinderheim, wie Kukolka. Schon der eindringliche Blick von Samira, dem kleinen Zigeunermädchen auf dem Cover, lässt erahnen, dass die 375 Seiten von Autorin Lana Lux nicht spurlos an uns vorbei gehen werden. Es wird intensiv, emotional, pervers, grausam, brutal, herzzerreißend und doch ist ihre fiktionale Geschichte realer, als uns allen lieb ist.

„Kukolka“ (Aufbau Verlagpasst im Bücherregal direkt neben „Ein wenig Leben„. Allerdings frage ich mich jetzt, nachdem ich Kukolka gelesen habe, welches Buch mich mehr berührt, bewegt und verstört hat und ob Kukolka nicht noch eine Spur härter ist, da ihr Schicksal kein einzelnes in dieser Art und Weise ist. Ich möchte mit diesen Worten kein Buch in eine Schublade stecken, schwächen oder stärken. Sie sind beide heftig und wir Leser müssen anschließend kräftig verdauen.

Ein Kinderheim namens Sonnenschein ist Samiras Zuhause. Sie hat keine Eltern, ihre Erinnerungen gehen bis zu ihrem fünften Lebensjahr zurück und am schlimmsten ist, dass es im Sonnenschein keinen Sonnenschein gibt. Das kleine schwarzhaarige Mädchen mit der außergwöhnlichen Augenfarbe reißt aus, denn ihr Ziel heißt Deutschland. Dort wohnt jetzt Marion, sie wurde vor wenigen Tagen adoptiert und ist gut angekommen. Samira möchte auch ein Leben voller Sonnenschein. Weiter als bis zum Bahnhof schafft sie es nicht. Ein 7-jähriges Mädchen wird belächelt, böse beguckt (immer diese furchtbaren Zigeuner) oder von Männern, wie Rocky, aufgesammelt und mitgenommen.

Kukolka – Püppchen

Endlich, es ist nicht Deutschland, aber es ist ein neues Heim mit anderen Kindern, denen es geht wir ihr, vielleicht sogar noch schlimmer. Jedes Kind hat eine düstere Vergangenheit und hat mehr Lebensnarben als so mancher Mensch, der schon viele Jahre lebt, aber es ist trocken, es gibt regelmäßig essen, es gibt einen Schlafplatz und ihre neue Arbeit, betteln und klauen, meistert Samira nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gut. Rocky tauft Samira in Kukolka, sein Püppchen, um und lässt sich gern von ihr massieren, schließlich kann sie ihm dankbar sein, er ist ihr Retter…

„Liebe ist Vertrauen. Das habe ich mal auf einer Werbung für Kondome gelesen. (Seite 308/309)

Kukolka
Kukolka ~ Lana Lux

„Wie du das Jahr beginnst, so wirst du es auch verbringen.“ (Seite 296)

Samira wird zu Rockys Lieblingsmädchen. Doch das Glück ist auf ihrer Seite, nachdem erneut dunkle Tage überstehen muss und sie trifft Dima. Sie widersetzt sich den Regeln und vertraut sich dem jungen Mann aus reichem Hause an. Nach Tagen fasst sie Mut und verlässt erneut ihr Zuhause, um bei Dima endlich die Liebe zu finden, die sie verdient und sucht und um durch ihn nach Deutschland, zu Marion, zu kommen.

Ach Samira, was bist du mir schnell ans Herz gewachsen und was habe ich deine Hand gehalten, während du so abartig leiden musstest. Was versuchte ich dich zu warnen, da du durch deine natürlich kindliche Naivität und die fehlende schulische Bildung die Gefahren nicht sehen konntest. Was setzte ich mich selbst mit dir in die Lebensnesseln, da auch ich vertrauen wollte und dir die Liebe so sehr gönnte. Du warst mir so nah, da du in deiner unschuldigen Sprache erzähltest und jederzeit so authentisch bliebst und deine Phantasie oft ein rettender Anker war.

Wichtig und erschütternd zugleich

Lana Lux hat einen wichtigen Roman geschrieben, der uns Lesern bewusst man, welche Schicksale noch immer hier bei uns in Deutschland hinter manchen Hauseingängen und in unseren Nachbarländern lauern. Ich musste die Autorin nach diesen eindringlichen Seiten kontaktieren, um ihr meine Lesegefühle zu geben und um ihre Schreibgefühle abzuholen. Über dieses Buch muss gesprochen werden und mir brannten Fragen auf der Leseseele, welche Lana innerhalb weniger Minuten beantwortete. DANKE.

Der Roman ist hart, ich habe gleich zu Beginn verdeutlicht, das uns Lesern viel abverlangt wird. Und doch ist der Inhalt so wichtig und erschütternd zugleich. Ich konnte mich beim Lesen kaum bremsen, habe die Jahre an Samiras Seite in wenigen Stunden durchlebt und halte noch immer ihre Hand. Ich werde noch lange über dieses Buch nachdenken, denn  das Ende hat nachgetreten.

Passt auf euch auf, Samiras dieser Welt! Träneverdrück

Eure
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