Was nie geschehen ist ~ Nadja Spiegelman

Weißt du, was im Leben deiner Mutter oder deine Großmutter alles geschehen ist? Kannst du dich an die Gefühlsvibrationen zwischen dir und deinen Eltern erinnern? Hättest du die Kraft und die Stärke diese Erinnerungen von dir, deiner Mutter und deiner Großmutter in Romanform zu bringen? So ganz offen, schonungslos und nackt, für die ganze Welt lesbar?

Ebendies hat Nadja Spiegelman getan – 400 Seiten voller Erinnerungen, selbst wenn vielleicht nicht alle zuverlässig sind. Wahnsinn – ich bin schwer beeindruckt und ziehe echt den Hut vor ihr. Doch wollen wir überhaupt wissen, was andere Frauen erlebt haben? Wird das nicht langweilig und woraus sollen wir bitteschön den Mehrwert ziehen?

Bevor ich mich ans Antworten der selbst gestellten Fragen begebe, muss ich erzählen, an welchen Roman ich beim Lesen ständig denken musste. „Das Lächeln meiner Mutter“ von Delphine de Vigan hat mich damals sehr beeindruckt und die gleichen Gefühle erzeugt auch „Was nie geschehen ist“ (Aufbau Verlag). Faszinierend, bewegend, eindrucksvoll und so verdammt offen. Wie muss sich Nadja Spiegelman gefühlt haben, als ihre Familie den Roman zum ersten Mal gelesen hat? Wenn ich nur daran denke, habe ich einen Knoten im Bauch. Ein Knoten, der aus Neugierde, Vorfreude, aber auch Angst, Zurückweisung und Gewissensbissen besteht. Klar, die meisten Worte haben ihre Mutter Françoise und ihre Großmutter Josée selbst gesagt, aber ihre eigenen Worte über die zwei Frauen, sind schon heftig. Oder die Worte, die Françoise und Josée über sich selbst sagen.

„Die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion setzen wir selbst, und je besser wir unsere Fiktion im Griff haben, desto besser haben wir auch unsere Realität im Griff“.“ (Seite 131)

Alle drei Frauen sind keinesfalls einfach gestrickt und alle drei Frauen haben so ereignisreiche Leben, dass sie jeweils einen Roman darüber schreiben könnten. Sehr beeindruckend und auch der Hauptgrund, warum wir schon nach wenigen Worten wissen wollen, was damals passiert ist.

Was nie geschehen ist ~ Nadja Spiegelman

Nadjas Mutter ist die erfolgreiche Art-Direktorin des New Yorker, für die kleine Nadja damals – eine Fee. Doch diese Fee löste sich nach und nach auf und wandelte sich in negative Ausbrüche der Mutter. In ihrem Roman begibt sich Nadja nun in ihre eigene Kindheit zurück und ergründet ebenso die Lebenswege von Mutter und Großmutter. Gefühlvoll nähert sie sich den zwei Frauen, aber auch sich selbst, in dem sie nun als erwachsene Frau in sich hineinhört und die damaligen Gefühle und Ereignisse wiedergibt. Ist das alles wirklich so geschehen? Viele Worte schmerzen, rufen längst begrabene Gedanken und Ereignisse ins Tageslicht. Es wird vergeben, es wird geweint, es wird getreten. Und wir? Wir stehen daneben und fühlen mit.

Mutter-Tochter-Roman

Alle drei Frauen müssen erleben, dass die Wahrnehmungen sehr unterschiedlich sein können und viele unangenehme Situationen auslösen können. Es wird Klartext gesprochen, der sehr schmerzt und schon kaputte Lebensstellen werden weiter zerstört. Doch auch das Gegenteil ist der Fall, in dem vergeben, nachgeliebt wird. Offenheit kann Mauern genauso zerbrechen, wie auch errichten. Drei Frauen die sich wie Magneten abstoßen, aber auch anziehen.

Mir selbst hat es gezeigt, dass ich so froh sein kann, eine heile Kindheit gehabt zu haben. Auch die Kindheiten und Lebenswege meiner Mutter und Großmutter waren voller Liebe und Freude. Überhaupt waren wir uns nie fremd, es klaffte nie eine Lücke zwischen uns und dafür bin ich dankbar.

Literarisch hat es mich unglaublich fasziniert, dass Nadja Spiegelman uns Leser mit ihren Worten so nah an ihre Familie heranholt und über zurückliegende Gespräche so schreibt, als wären sie gerade erst passiert. Ebenfalls schreibt sie während ihren Erzählungen über sich selbst im Romanschreibprozess.

Bereits in der Hälfte des Romans habe ich mir „Maus“ von Art Spiegelman, Nadjas Vater und Pulitzer-Preisträger, bestellt. Der Comic wird so oft erwähnt, das man als Leser nicht drumherum kommt und ihn ebenfalls kennen möchte. Einen Kauf den ich nicht bereut habe, demnächst mehr dazu.

Nadja Spiegelman hat einen offenen, privaten, gnadenlosen, schonungslosen, ehrlichen, bestechenden und außergewöhnlichen Generationsroman geschrieben, der keine Lesepause zulässt. Verdammt verwoben und offen zugleich – STARK!

Eure
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