Dankbarkeiten ~ Delphine de Vigan

Die Frage „Von welchem Autor liest du alle Bücher?“ ist mir auf Instagram begegnet und die kann ich ziemlich schnell und einfach beantworten: Delphine de Vigan.

Zumindest fällt mir kein anderer Autor ein, von dem ich schon sieben Bücher gelesen habe. Sebastian Fitzek war mal nah dran, aber die Psychothrillerzeiten sind bei mir vorbei. Thommi Bayer ist mit mehr als sieben Büchern im Regal vertreten, aber ich habe hier noch keins vorgestellt. Warum eigentlich nicht? Und ja, Ursula Poznanski könnte ich auch nennen, aber nicht alle überzeugen mich wohl so sehr wie die Bücher von Delphine de Vigan. Die uneingeschränkte Empfehlung gleich vorweg, denn „Dankbarkeiten“ hat mich sehr berührt und bewegt.

Dankbarkeiten

„Man muss kämpfen. Um jedes Wort. Jeden Zentimeter. Nichts aufgeben. Keine Silbe, keinen Konsonanten. Was bleibt, wenn die Sprache nicht mehr da ist?“ (Seite 101)

Dieses Zitat hat sich sehr an mir festgesaugt, weitere Worte braucht es gar nicht, um die Stimmung des Buches hervorzuholen. Es hätte mir klar sein müssen, dass ich mich in die Geschichte verlieben und weinen werde. Delphine de Vigan gelingt es, ihre Leser*innen zu packen und dort abzuholen, wo sonst nur wenige hinkommen. Auch ihr letzter Roman „Loyalitäten“ gehört da ganz klar dazu.

Mit „Dankbarkeiten“ widmet sie sich der alten Dame namens Michka, die immer mehr Worte verliert, verwechselt und neu erfindet. Kein schöner Gedanke, keine schöne Tatsache und ich bin froh, mit dieser Krankheit in meinem Umfeld noch nicht konfrontiert wurden zu sein. Und doch macht mich der Gedanke daran sehr, sehr emotional. Vielleicht ist es die Angst, später selbst einmal die Worte zu verlieren und dann ganz allein zu sein?

Dünnhäutige Lebensphase

Direkt kommen mir die Tränen, so ist das eben manchmal. Vielleicht ist meine aktuelle Lebensphase eben sehr dünnhäutig. Aber das ist nicht schlimm und die gute Michka, die mir sofort ans Herz gewachsen ist, ist nicht alleine in ihrem Leben. Zwar ist sie kinderlos, hat keinen Mann und sie ist seit Jahren auf der Suche nach dem Ehepaar, die ihr das Leben gerettet haben, aber sie hat Marie, die gewissermaßen ihre Tochter ist. Und sie hat jede Menge Dankbarkeit für ihr Leben und auch Marie ist dankbar für ihre Michka-Mutter.

Dankbarkeiten ~ Delphine de Vigan

Das Leben lässt es nicht anders zu und Michka muss in ein Seniorenheim ziehen. Ihr macht das neue Leben sehr zu schaffen, sogar nachts, denn da kommen die Albträume. Tagsüber geht es ihr kaum besser, da ihr selbstbestimmter Ablauf fehlt, die Räume enger sind und es viele neue Menschen in ihrem Leben gibt, die für sie sorgen. Einer davon ist Logopäde Jérôme, er betreut Michka und hilft ihr beim Aufsammeln der Wörter. Doch er schenkt ihr auch sein Ohr und Michka kann in sein Herz blicken und merkt, dass auch in seinem Leben nicht alles harmonisch ist. Doch auch bei Marie gibt es Veränderungen und leider ist das Leben endlich…

Liebe & Dankbarkeit

Was für ein Roman, was für ein starkes Stück Literatur. Mehr möchte ich nicht verraten, auch wenn das Lesegefühl an sich sowieso nicht wiedergegeben werden kann. Es funktioniert nur zusammen mit dem vollständigen Inhalt und ist überwältigend. Es ist so erfüllend für uns Leser*innen, wenn alle Charaktere unser Herz erreichen und in uns eine Spur zurücklassen, ohne uns zu beschweren. Ich wäre sehr gern selbst zu Michka gefahren, um mit ihr zu sprechen, ihr mein Ohr zu schenken oder einfach nur um zu schweigen. Marie und Jérôme erbringen so unglaublich menschliche Leistungen, zwei absolute Vorbilder in Sachen Liebe und Dankbarkeit. Nicht nur gegenüber Michka sind die beiden Menschen ganz besonders, mit ihren eigenen Ängsten und Sorgen. Wichtig ist, dass sich immer irgendwie ein Weg findet…

„Alt werden heißt verlieren lernen.“ (Seite 123)

Ein großes DANTE (nein, ich habe mich nicht vertippt) an Delphine de Vigan, an Übersetzerin Doris Heinemann und den Dumont-Verlag. So viele Gefühle auf so wenig Seiten, eine ergreifende Geschichte, die emotionalisiert, aber nicht belastet, sogar zum Lächeln bringt.

DANTE!


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