Die Berglöwin ~ Jean Stafford

Gut, dass es den Indiebookday gibt, auch wenn jeder Tag ein Indiebookday sein sollte. Zumindest hat mir der 20. März zu diesem grünen, in Leinen gebundenen Buchschatz verholfen. Genauer gesagt, die Empfehlung der Buchhändlerin Carola Gaitzsch, aus der Stephanus Buchhandlung in Moritzburg. Sie drückte mir „Die Berglöwin“ von Jean Stafford in die Hand und schwärmte zudem vom Dörlemann Verlag.

Mich hat das Buch haptisch direkt überzeugt und auch in das Cover habe ich mich sofort verliebt und gleich die ersten Sätze saugte ich auf…

„Ralph war zehn und Molly acht, als sie Scharlach bekamen. Ihnen blieb davon eine Art Drüsenstörung, nichts Bösartiges, aber die meiste Zeit waren sie halb vergiftet, und häufig hatten sie schlimmes Nasenbluten, sodass sie von der Schule nach Hause geschickt werden mussten.“ (Seite 7)

Ralph & Molly

Die Zeilen nahmen mich sofort gefangen, da ich direkt wissen wollte, was diesen zwei Geschwistern noch passieren wird. In meinem Kopf entstanden direkt Bilder und ich hätte am liebsten sofort die 350 Seiten verschlungen. Das Buch strahlte so viel Ruhe aus und es lag einfach so gut in der Hand. Klingt kitschig und komisch, aber es passte auf den ersten Blick einfach alles. Einfach ein richtig schönes Buch, perfekt auch zum Verschenken und für mich außerdem das erste Buch vom Dörlemann Verlag, den ich nun erst richtig für mich entdeckt habe.

„Wetterleuchten ist für den Himmel das Gleiche wie Scharlachfieber für uns.“ (Seite 47)

Am liebsten würde ich kaum etwas zum Buch sagen, denn auch im Roman gibt es keine Inhaltsangabe. Ich drehte und wendete das Buch von Jean Stafford und merkte dann, dass nach den Anmerkungen auf den letzten zwei Seiten eine kurze Inhaltsangabe zu finden ist. Außerdem gibt es Worte zur Autorin und zu ihren Übersetzern Adelheid und Jürgen Dormagen. Außergewöhnlich und spannend zu gleich.

Also verrate auch ich nur so viel, dass es mit den zwei Geschwistern nicht langweilig wird und die Entwicklung überhaupt nicht vorhersehbar ist. Die zwei sind ein eingeschworenes Team und haben es weder in der Schule noch im privaten Umfeld einfach, wissen sich aber zu wehren und einen eigenen Weg zu gehen. Ihre Mutter macht es ihnen dabei nicht leicht, noch nerviger sind ihre beiden Schwestern, die überhaupt keine Ähnlichkeiten mit Ralph und Molly haben. Die zwei Geschwistereinheiten ähneln sich wie Tag und Nacht, was natürlich für viel Ungleichheit und auch Ungerechtigkeit sorgt.

Wilder Sommer

Ein Sommer ist es, der die herbeigesehnte Veränderung bringt. Die Ranch des Onkels in Colorado zeigt Ralph und Molly, dass es ein anderes Leben, überhaupt ein richtiges Leben gibt. Es wird wild, anders und die beiden lernen sich selbst von einer ganz anderen Seite kennen. Sie verlieren ihre Kinderschuhe und laufen der Jugend entgegen. Es riecht alles nach Freiheit, aber die Berglöwin lauert…

Die Berglöwin ~ Jean Stafford

Auch wenn der grüne Einband und auch das schwarz-weiß Foto auf dem Cover eine Art Heile-Welt-Gefühl ausstrahlen, verbirgt sich hinter den Seiten tatsächlich keine Wohlfühlgeschichte. Eher eine ganz besondere und eine ganz außergewöhnliche Geschwistergeschichte, die ich tief aufsaugte, ohne bis kurz vor Schluss zu wissen, was überhaupt passieren wird.

Es sind die vielen leichten Sätze, die in ihrer Bedeutung und Auswirkung alles andere als leicht sind und damit tief in die Leserseele eindringen. Oft entfaltet sich die Wirkung erst Seiten später oder die Wucht des Satzes ist durch die gesprochene Leichtigkeit nicht sofort auszumachen. Jean Stafford hat eine ganz besondere Erzählstimme, die uns das Geschwisterpaar so nahe bringt. Sätze, die sich so anfühlen, als ob sie mit Kindheit durchtränkt sind, am Ende aber erwachsen schmecken. Leicht und erschütternd zugleich.

Die Berglöwin

Es hat mir sehr gutgetan, mit Ralph und Molly auszubrechen und zu erleben, wie schnell es passieren kann, einzubrechen. Das Ende ging sehr tief und nein, ich habe es lange nicht kommen sehen, auch wenn das Geschwisterband sich immer mehr dehnte. Zu sehr habe ich es genossen, die zwei Geschwister zu begleiten und so lange mit ihnen mitzuleben. Es ist schön, einen Roman zu lesen, der nicht von Zeitsprüngen durchzogen ist, der von Tag zu Tag lebt und viel Platz für die charakterlichen Entfaltungen bietet.

Überhaupt ist mir wieder bewusst geworden, wie wertvoll Romane über Geschwister sein können und umso mehr habe ich mich gefreut, in die Welt dieser zwei besonderen Kinder einzutauchen. Ich konnte beide fühlen und habe die Abenteuerluft geschnuppert und ja, ich habe bemerkt, dass Unheil in der Luft schwebte und es ist mir bewusst, dass Kinder grausam sein können.

Lebenswaage

Ein echter literarischer Schatz, eine Geschwistereinheit, die das Leben prägt und eine Berglöwin, die letztendlich das Zünglein an der Lebenswaage ist.

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