Cloris ~ Rye Curtis

Rye Curtis führte mich nicht nur zu Cloris, sondern auch zu Claire und damit möchte ich dich auf eine besondere Romanvorstellung neugierig machen. Nach dem Lesen bekam ich große Lust, mich über das Buch zu unterhalten und letztendlich wurde daraus ein Interview. Volontärin Claire Zander stellte mir direkt aus der Presseabteilung vom C.H. Beck Verlag ganz spontan Fragen im Literatwostyle, die ich sehr gern beantwortet habe.

Doch bevor du erfährst, welche Fragen Claire unter den buchigen Nägeln brannten, findest du hier ihre Worte über den Roman. Schließlich wollte ich ebenfalls wissen, wie ihr die Zeit mit Cloris gefallen hat 😉

Claire über Cloris:

Rye Curtis‘ Debütroman ist herrlich schräg, verrückt, durchgedreht- und dabei auch noch hochspannend. Erzählton und Setting haben mich stark an die Serie „Twin Peaks“ von David Lynch erinnert: Skurrile, aber liebenswerte Charaktere, eine überwältigende Naturkulisse, die ihre ganz eigenen Geheimnisse zu verbergen scheint, und ein zentrales Mysterium, das über der Handlung schwebt: Wer ist Cloris Waldrips rätselhafter Schutzengel? Die Spannung steigert sich bis zum Schluss und man wird als Leser bestens unterhalten. Was als kurzweilige Geschichte über eine kauzige ältere Dame beginnt, die Regenwasser in einem Stiefel sammelt, um in der Natur überleben zu können, verwandelt sich aber allmählich in eine nachdenkliche Erzählung darüber, wo wir unseren Platz in der Welt finden.

Cloris ~ Rye Curtis

literatwo-einzelbuchstabenässt Sie die Geschichte um die 72-jährige Rentnerin Cloris Waldrip, die nach einem Flugzeugabsturz alleine in der wilden Natur um’s Überleben kämpft, seit der Lektüre auch nicht mehr los?

Seit der Lektüre nicht mehr ganz, aber währenddessen. Vor einem guten Monat habe ich mich mit Cloris in den Wald begeben und ich bin anfangs ziemlich durch die Seiten gerast. Das Tempo nahm dann allerdings stetig ab und ich begann zu zweifeln oder sagen wir, ich begann mich an einigen Dingen zu stören. Aber tatsächlich habe ich den Roman hin und wieder im Hinterkopf, da Cloris schon sehr außergewöhnlich, um nicht zu sagen speziell ist. Und doch habe ich mich beim letzten Besuch in der Buchhandlung Findus erst wieder über den Roman unterhalten, er klingt doch sehr nach und bietet wirklich viel Gesprächsstoff. Ein Buch, über das man reden möchte.

Überlebenskampf

literatwo-einzelbuchstabenst der Überlebenskampf der Protagonistin mit all seinen Aufs und Abs Ihrer Meinung nach realistisch geschildert?

Zu wissen ist, dass Cloris sich nach dem Flugzeugabsturz neben dem Piloten, der gerade seine letzten Lebenszüge macht, wiederfindet. Ein paar Meter entfernt vom Unglücksort hängt ihr toter Mann im Baum. Dieser Szene habe ich wahnsinnig bildlich vor meinen Augen gesehen und ich wusste beim Lesen kaum wohin mit mir. Bedeutet an Cloris ihrer Stelle hätte ich wohl so lange geschrien und geweint, bis ich nicht mehr gekonnt hätte. Mich überzieht gleich schon wieder eine Gänsehaut. Um hier aber nicht zu viel zu sagen: Realistisch geschildert ist eher relativ, was Gefühle betrifft.

Ja, zum Großteil konnte ich ihre Handlungen und Gedanken im Überlebenskampf nachvollziehen. Nein, ab und an habe ich an ihrem Verstand gezweifelt, aber in Grenzsituationen ist das dann wohl alles so. In Anbetracht dessen, dass Cloris schon über 70 Jahre ist, kamen mir Zweifel, da ich bestimmte Momente wohl nicht überlebt hätte…

Flugzeugabsturz

literatwo-einzelbuchstabenrotz ihrer mehr als misslichen Lage reflektiert Cloris nach dem Flugzeugabsturz zunehmend über ihr bisheriges Leben, ihre Beziehungen und Entscheidungen – zu welchem Ergebnis kommt sie dabei?

Zu welchem Ergebnis sie kommt, soll jeder selbst herausfinden, aber das Reflektieren ist wirklich toll. Die Rückblicke auf ihr bisheriges Leben und auch die gegenwärtigen Gedanken sind sehr eindrucksvoll und ich habe sie sehr gemocht und gut nachvollziehen können. Ihre Gefühle und Gedanken werden täglich intensiver, sie dringt nach und nach aus dem Nebel in eine ganz neuartige Welt. Ein spannender Prozess.

literatwo-einzelbuchstabenrzählstränge gibt es in diesem Roman gleich mehrere: Wie ergänzen sich die Erzählungen um Cloris‘ Überleben im Wald und um Ranger Lewis‘ skurrilen Suchtrupp, der die Rentnerin ausfindig machen will?

Ich persönlich bin schon ein Fan von mehreren Erzählsträngen und somit auf meine Lesekosten gekommen. Rangerin Lewis habe ich, genau wie Cloris, schnell ins Herz geschlossen. Die Suche ist natürlich sehr spannend, nach und nach kam sie mir allerdings etwas unplausibel vor und ich saß kopfschüttelnd da. Auch Debra Lewis ging mir stellenweise wirklich auf die Nerven, aber dennoch wollte ich sie nicht missen. Leider ist sie so stereotypisch dargestellt, was ich echt plump finde. Bedeutet: Sie trinkt den ganzen Tag Merlot, ist geschieden und versucht durch den Tag zu kommen. Ich wüsst sehr gern, wie oft im Roman die Worte Becher und Merlot verwendet werden. Zum Ende hin war ich wirklich genervt und hätte fast mitgetrunken. 😉

Genre-Stil-Mischung

literatwo-einzelbuchstabenye Curtis vermischt in seinem Debütroman verschiedene Genres und Stile: Nature Writing, Thriller, Abenteuerroman, Komödie, philosophische Überlegungen… Wie fanden Sie diese Mischung?

Es heißt ja gerne mal, weniger ist mehr, aber ganz ehrlich: Die Mischung ist klasse. Ich bin selbst gern draußen unterwegs, aber ich mag auch lesend durch die Gegend streifen. Gerade musste ich an „Power“ und an „Mein Ein und Alles“ denken, da geht es ebenfalls um Wald und Wildnis. Abenteuer ist natürlich immer gut, da ich in Romanen auch etwas erleben möchte und wenn sich dann noch die Charaktere als humorvoll wie auch philosophisch erweisen, ist das wirklich perfekt. Von der Genre-Stil-Mischung her hat mich Rye Curtis überzeugt und tatsächlich gut unterhalten.

literatwo-einzelbuchstaben ufregend und spannend ist Cloris allemal – haben Sie gerade am Ende auch so mitgefiebert?

Ja, ja, ja, ganz ehrlich: JA! Auch wenn mich der Merlot etwas annervte, was mich immer noch ärgert, eben weil sich diese ständigen Wiederholungen festgesetzt haben. Dennoch habe ich sehr mitgefiebert, auch wenn klar ist, dass Cloris überlebt. Das Spannende ist, wie sie es geschafft hat und was ihr dabei widerfahren ist. Doch nicht nur ihren Weg, sondern auch den Weg von Rangerin Lewis habe ich neugierig verfolgt und auch irgendwie gehofft, dass ich in die richtige Richtung denke.

Zweifel

literatwo-einzelbuchstabenrauen wir als Leser Cloris‘ Erzählung oder kamen bei Ihnen je Zweifel auf, ob sie vielleicht halluzinieren und ihren mysteriösen Helfer nur erfinden könnte?

Das ist eine sehr schöne Frage und um nicht zu spoilern, rede ich mal etwas um die Antwort drumherum. Cloris ihre Erzählungen an sich sind echt faszinierend. Also der ganze Rahmen, dass der Roman größtenteils aus ihrer Sicht geschrieben ist, finde ich genial. Natürlich habe ich ihr vertraut und natürlich habe ich an ihren Worten gezweifelt und ich war regelrecht danach gierig, ob sie halluziniert oder eben nicht. Das war richtig spannend und diese Spannung hat dafür gesorgt, dass ich mich getraut habe, mit ihr tiefer und tiefer in den Wald zu gehen. Diese Frage ist perfekt, wenn man sich im Nachhinein über den Roman austauschen mag.

literatwo-einzelbuchstabenelche Eigenschaften machen Ihrer Meinung nach ausgerechnet Cloris, eine 72-jährige Rentnerin, so resilient und überlebensfähig?

Ihre Art, ihr Charakter. Sie ist so abgebrüht und doch emotional. Sie hat schon so viel in ihrem Leben erlebt, dass sie nicht mehr so viel Angst vor dem Ende hat, wie wir. Zumindest denke ich das. Natürlich könnte sie ihr Leben beenden, die schwere Last, die sie mit 72 Jahren überfällt, abschütteln und alles beenden. Auch wenn das komisch klingt, aber sie hat nichts zu verlieren und vielleicht ist es wirklich dieser Neuanfang oder dieser Schritt ins völlig Unbekannte, der sie so überlebensfähig macht. Rye Curtis hat mit Cloris ein echtes Vorbild geschaffen, eine starke Frau, die zeigt, wie es gehen kann, wenn man selbst denkt, dass es nicht gehen kann. Sehr beeindruckend.

Berührende Worte

literatwo-einzelbuchstabenbwohl die Handlung des Buches zunächst vielleicht etwas abschreckend wirkt – Flugzeugabsturz, Überleben in der Wildnis, Einsamkeit – gibt es im Buch doch immer wieder berührende und tiefsinnige Momente. Welcher ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Ohja – gerade der Anfang ist wirklich nicht einfach. Der Flugzeugabsturz ist dabei noch harmlos, wenn ich an die detaillierte Beschreibung der Umgebung, vor allem der Toten denke. Das ist schon wirklich übel, mir war echt mulmig. Diese Szene hat sich bei mir eingebrannt.

Tiefsinnige Momente gab es immer wieder, tatsächlich habe ich sogar gleich über den ersten Satz nachgedacht und ihn markiert: „Ich habe mir abgewöhnt, allzu vorschnell über andere zu urteilen.“ (Seite 9)

Oder: „…weil ich finde, dass man niemals über das Wesen einer Angelegenheit spekulieren oder ein Urteil darüber fällen sollte, wenn man sie bloß bequem vom Fenster aus betrachtet. Es ist traurig, aber wahr: Oftmals sehen wir bei anderen Menschen genau das, wovor wir bei uns selbst gern die Augen verschließen.“ (Seite 222)

Richtig merkwürdige und andersartig ekelige Momente gab es aber auch und diese stehen im Zusammenhang mit Kreide…

Reicht das, um richtig neugierig auf dieses kuriose, spannende, eigenartige und doch nicht schlechte Buch zu werden? 😉


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