Wir holen alles nach ~ Martina Borger

Der Titel passt kaum besser ins Jahr 2020, in das Jahr, in dem wir so viel verschieben und wissen, wir holen alles nach. Und doch haben das derzeitige Weltgeschehen und der Roman von Martina Borger überhaupt keine Gemeinsamkeit.

„Wir holen alles nach“ hat mich belehrt, besser gesagt, mir gezeigt, dass ich mich immer noch viel zu schnell verleiten lasse und nahe liegenden Vermutungen Glauben schenke. Das hat mich wirklich erschrocken, da ich der Meinung war, schon viel verändert zu haben. Sehr unangenehm und ich möchte behaupten, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine bin. Darum ist das der Grund Nummer eins, dieses wichtige Buch zu kennen!

Es schärft den Verstand!

Wir holen alles nach

Martina Borger hat einen Roman geschrieben, den ich inzwischen als aus dem Leben gegriffener Geheimtipp bezeichne. Sobald ich an ihre Worte denke, ziehen ganz viele Bilder durch meinen Kopf und es breitet sich so eine wohlige Wärme in mir aus. Eine Art Geborgenheitsgefühl trotz des Themas. Das kommt wohl davon, weil der rote Erzählstrang des Romans nur wenige Meter entfernt von mir tatsächlich zu finden ist. Und auch von dir!

Denn wenn du mal überlegst, kennst du ganz sicher die alleinerziehende Mutter, den alleinerziehenden Vater oder bist sogar selbst in dieser Rolle. Und du kennst mindestens eine Patchworkfamilie, wie man so schön sagt. Richtig? Und weil das bei jedem von uns so ist, behaupte ich ganz stark, kommt der Roman uns so nahe. Aus diesem Grund – weil der Roman so nahe am Leben spielt, weil er ein Lebensspiegel ist, geht er so tief und webt sich beim Lesen ins eigene Leben.

Ohne bisher überhaupt vom Handlungsstrang gesprochen zu haben, möchte ich ganz klar sagen: „Wir holen alles nach“ ist Pflichtlektüre, da es voller Lebensausschnitten besteht, mit denen wir alle irgendwie persönlich verbunden sind. Die Perspektive selbst und die Perspektivwechsel von Martina Borger sind nicht nur augenöffnend, sondern auch ungemein sensibilisierend.

Sensibilisierende Perspektivwechsel

Mir fällt gerade kein anderes Buch ein, das so nahe an unserer Gegenwart ist! Genau darum finde ich es so wichtig und lege ihn DIR ans Herz.

Wir holen alles nach ~ Martina Borger

Sina ist eine alleinerziehende Mutter, sie jongliert zwischen ihrem Job und ihrem Sohn Elvis. Dabei kommt alles zu kurz, nicht nur die Zeit für sich selbst. Für die ist überhaupt kein Platz, zu intensiv ist der Stress und der täglich neue Versuch, das Leben zu ordnen und auf einen geraden Weg zu bekommen. Sina fehlen neben der Zeit auch das nötige Geld und einfach die Nerven, die sie dringend investieren muss. Auf ihr lastet großer Druck, der von allen Seiten kommt und sie immer mehr an den emotionalen Lebensrand drückt. Wäre nicht die zuverlässige Ellen, die sich um Elvis kümmern würde, wäre Sina wohl schon ohne Job und noch verzweifelter. Ein kleiner Lichtblick ist ihr neuer Freund Torsten, der sie zwar unterstützt, aber ebenfalls Probleme hat, für die keine Zeit ist.

Lebenshamsterrad

Sina steckt in einem Hamsterrad fest und den Anfang, aus dem Problemstrudel auszubrechen, mach ihr sensibler Sohn, der ein Geheimnis in sich trägt, welches wächst, sich türmt und die Lawine ins Rollen bringt.

Zwischen den 300 Seiten befindet sich immer noch Sand, ich denke zurück an die sonnige Zeit am Strand an der Ostsee. Die Wellen mussten warten, ich habe den Roman ohne lange Pausen gelesen. So fasziniert war ich von den Figuren, so ergriffen von dieser Lebensnähe und diese hat sich so fest in mir verankert. Diese pure Gegenwart, die nicht ausgelutscht ist, weil sie eben die akutelle Gegenwart ist – pures Leben unserer Gesellschaft. Martina Borger hat mich tief erreicht und mich mit Gefühlen geflutet. Trotz der schweren Themen zieht die Autorin mit ihrem Roman nicht runter, sondern öffnet die Augen, macht Mut und Hoffnung.

Außerdem ist der Roman auch ein kleines Kraftpaket, das neuen Antrieb gibt und nach der letzten Seite lange nachhallt.

Geheimtipp!

Ich muss sagen, dass es mir nicht immer leicht fällt, Bücher zu finden, die vom einfachen Leben erzählen und sich zudem hervorragend eignen, Menschen, die nie oder selten lesen, zu empfehlen. Martina Borger vereint die zwei Bedingungen und ist somit der absolute Geheimtipp!

Das der Roman „Wir holen alles nach“ (Diogenes) zu meinen Jahreshighlights zählt, muss ich nicht extra erwähnen, 😉 Thematisch unterschiedlich, vom Lesegefühl aber unbedingt zu „Offene See„, „Alte Sorten“ und „Dankbarkeiten“ ins Regal stellen.


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