2

Schlagwort: Familie

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause ~ Carol Rifka Brunt

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause ~ Carol Rifka Brunt

Einen richtigen Onkel hatte ich nie. Leider. Unter richtig verstehe ich nämlich, nicht nur einen Onkel im verwandtschaftlichen Sinne zu haben, sondern auch einen der sich um seine Nichte kümmert. Mit ihr Ausflüge macht, an sie denkt, einfach auch da ist. Vielleicht hätte ich einen Onkel gehabt, wenn er damals nicht das getan hätte, was er getan hat. Selbst nach Jahren kommt keine Kommunikation zustande, die Möglichkeiten waren da, ich bin da und habe das signalisiert und doch ist vielleicht Thailand mehr Familie als eine Nichte.

Der Onkel von June Elbus hat auch einen Fehler gemacht. Er hat sich mit AIDS angesteckt und ist gestorben und mit seinem Tod ist Junes Welt zusammengebrochen. June hat Finn geliebt. June hat Finn mehr geliebt, als man einen Onkel lieben sollte. Finn hat June geliebt, wie man eine Nichte lieben sollte. Finn ist Tod und nun ist Finns Wohnung leer, June hat ihre größte Bezugsperson verloren, alles was geblieben ist, ist das Gemälde.

Nach ein paar Tagen wird June etwas aus ihrer Trauerwelt herausgerissen. Sie hält Finns Teekanne in der Hand und Worte von Toby, einem unbekannten Mann, Finns Freund? Junes Neugierde ist geweckt, sie sehnt sich danach, ihre Trauer zu teilen und Finn dadurch irgendwie näher zu sein. Obwohl ihre Schwester Greta schon lange kein Interesse für June mehr hat, sucht diese jetzt Kontakt zu ihr. June zweifelt, June ist misstrauisch und schockiert, als sie das fertige Gemälde wiedersieht.

AIDS & ein Gemälde

Carol Rifka Brunt hat mich mit ihrem Debüt durch und durch überzeugt, auch wenn es ein paar Stellen gab, die ich kritisieren könnte. Ich will aber nicht, sondern ich möchte dir hier eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen.

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause ~ Carol Rifka Brunt

June fühlt sich ohne ihren Onkel einfach verdammt einsam. Kein anderer Mensch hat sie so gut gekannt und sie hat sich keinem anderen Menschen so tief anvertraut, seit das innige Schwesternverhältnis zu Greta nicht mehr existiert. Die Einsamkeit, die Traurigkeit und das Verlustgefühl dringen in uns ein wie Tränen ins Taschentuch. Und doch ist neben der sprachlichen Zärtlichkeit und Einfühlsamkeit ganz viel Spannung.

Carol Rifka Brunt lässt uns aus Sicht ihrer Protagonistin June erleben, wie sich New York im Jahr 1987 anfühlt, wenn der Onkel an Aids gestorben ist. Sie bringt uns mit ihr in eine Familie, in der die Eltern zu wenig Zeit für ihre Kinder haben und die Schwestern sich immer mehr entfernen. Du kannst dich auf geheimnisvolle Seiten freue, auf wundervolle Momente und wenn du ganz leise bist, wirst du auch die Wölfe hören. Mehr möchte ich fast schon nicht sagen. Wobei – kennst du den Roman „Distelfink“ von Donna Tart, der ebenfalls in New York spielt und in dem es um ein Gemälde geht?

Wölfe & Distelfink

Beim Lesen musste ich gelegentlich an diesen Roman denken und im Regal sollten die zwei beieinander stehen. Bitte lass dich nicht verwirren und denke nicht, dass „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ (Eisele Verlag) ein Kunstroman ist. Aber das oben angesprochene Gemälde spielt eine recht zentrale Rolle und sorgt für so einige Emotionen.

June ist mir wahnsinnig ans Herz gewachsen und ihre Geschichte ist keinesfalls leise. Ich mag zudem das Cover und den Titel sehr. Du wirst sehen, der Roman ist einfach stimmig und lässt einen tiefen Nachklang zurück. Warum? Weil die Autorin so verdammt geschickt unbequeme Themen miteinander verknüpft und dabei poetisch bleiben kann. Stark!

„Das Leben schien ein immer enger werdender Tunnel zu sein. Im Augenblick der Geburt war der Tunnel riesengroß und unendlich lang. Alles stand einem noch offen. Dann, in exakt einer Sekunde nach der Geburt, verengte sich der Tunnel bereits um die Hälfte.“ (Seite 316)

Eure

literatwo_banner

Die Unzertrennlichen ~ Stuart Nadler

unzertrennliche
Die Unzertrennlichen ~ Stuart Nadler

In dem Moment als mir langweilig wurde, holte mich Sutart Nadler ab und bescherte mir ein unterhaltsames Lesevergnügen mit schillernden Charakteren.

Trotzdem hat mich der Roman nicht wirklich überzeugt. Doch warum nicht? In das Cover war ich von Anfang an verliebt, ich mag es einfach, wobei ich Vögel nicht gerade mag. Es passt gut zum Titel, denn an den Farben der drei Wellensittiche ist leicht zu erkennen, dass eine Verwandschaft besteht.  Und ebendiese Verwandtschaft findet sich im Inhalt wieder, denn Nadler schreibt über drei Frauen – Tochter Lydia, Mutter Oona und Großmutter Henrietta. Klar, hier hätten auch die „richtigen“ Unzertrennlichen gewählt werden können, aber diese unterscheiden sich nicht.

Okay – bisher habe ich euch nur von der Optik und meinen Gedanken dazu erzählt, nun aber zum Inhalt. Dieser ist recht schnell erzählt, denn jede der Frauen hat ein Problem. Das Problem dreht sich jeweils um einen Mann. So hat Lydia akute Probleme mit einem Nacktfoto, welches ihr Ex-Freund verbreitet und sie fliegt von der Schule. Ihre Mutter Oona hat oft versucht, ihrem Mann das Kiffen auszutreiben. Sie ist allerdings immer gescheitert und hat sich nun in den Paartherapeuten verguckt, der alles über ihre Ehe weiß. Die Großmutter Henrietta hat ihren geliebten Mann verloren und kämpft jetzt alleine um ihr Haus und muss über sich ergehen lassen, dass ihr damaliges Kultbuch wieder aufgelegt wird. Während Lydia und Henrietta hoffen, dass alles ein böser Traum ist, stürzt sich Oona in ein kleines Liebesabenteuer.

Menschen machen Fehler. Menschen vereinsamen. Menschen handeln unklug, Menschen finden andere Menschen manchmal körperlich attraktiv, auch wenn sie sie auf persönlicher Ebene nicht besonders attraktiv finden. Menschen sind mitunter zu äußerst grausamen Taten fähig. Was nicht heißt, dass Menschen nicht zu guten Taten oder Vertrauen oder Wiedergutmachung fähig wären. (Seite 206)

Die Unzertrennlichen ~ Stuart Nadler

Das klingt doch aber nach einem herrlichen Familienroman, bei dem man sicher an der ein oder anderen Stelle laut lachen kann und es auch einige spannende Stellen gibt, bei denen mitgefiebert werden kann. Gute und leichte Unterhaltung für ruhige Abende. Ja – schon, aber…

3 Frauen – unzertrennlich

Mich hat Stuart Nadler einfach nicht richtig überzeugt. Ich habe das Buch recht schnell gelesen. Auch während der 360 Seiten habe ich nicht akut über einen Abbruch nachgedacht, gelacht und mich ab und an darin wiedergefunden. Dennoch habe ich mehr erwartet. Ich wünschte mir doch so, dass ich mich den Worten auf der Rückseite des Buches von Jami Attenberg „Genau SO muss ein Roman sein!“ anschließen kann.

Kurzerhand setzte ich mich mit einer Leserin und zwar mit Ines von letteratura in Verbindung, um vor allem eine weitere Meinung zu hören und dadurch eine andere Sichtweise zu bekommen. Sie formuliert in ihrem Artikel aber ganz treffend: „Aber irgendwo bleibt der Roman dann einfach stehen.“

Die Charaktere sind einzigartig und skurril, aber sie laufen letztendlich im Kreis und ich hätte gern mehr erfahren. Die Entwicklungen stagnierten und vielleicht komme ich nicht ganz mit Romanen klar, bei denen es am Ende zu viele offene Stellen gibt. Stuart Nadler hat mir die drei Frauen wohl zu schnell wieder weggenommen, obwohl auf jeden Fall zwei von ihnen noch einiges zu erzählen gehabt hätten. Schade.

Eure
unzertrennliche