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Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran ~ E. E. Schmitt

Monsieur
Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran ~ Eric-Emmanuel Schmitt

Merkt euch gleich mal die Namen Moses, nein Momo, und Monsieur Ibrahim. Zwei Menschen, die unser Herz treffen. Ich habe von Eric-Emmanuel bisher zwei Bücher gelesen – „Oskar und die Dame in Rosa“ und „Mein Leben mit Mozart“ und an diese zwei Schätze erinnerte ich mich, als ich in der Bücherzelle „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ stehen sah. Logisch, dass ich es mitnahm und auch umgehend lesen musste. Eine knappe Stunde habe ich gebraucht, denn die 100 Seiten sind großzügig bedruckt. Ein Weglegen war nicht möglich, dazu ist der Band zu schmal und die Charaktere einfach zu großartig.

Ich müsste euch eigentlich hier lauter Zitate präsentieren, denn das schmale Büchlein, ist inhaltlich so verdammt groß und wortreich. Doch ich versuche euch erstmal mit meinen Worten zu überzeugen.

Schon der erste Kontakt mit dem kleinen (ohje, wenn er das hört), also heranwachsenden Moses ist leicht verstörend, wie auch lustig. Er knackt das Sparschwein, um zu einer Dirne zu gehen. Er möchte ein Mann sein und glaubt wohl kaum, dass ihn eine Mitschülerin dazu machen würde. (dick wie ein Sack Zucker (Seite11)) Das Geld hat er geklaut, denn sein Vater ist der Meinung – Geld ist zum Horten da, nicht zum Ausgeben. (Seite9)

Moses wird Momo

Zu Geld kommt Moses auch, indem er den schon immer alten Monsieur Ibrahim beklaut, in dem er so einige Konservenbüchsen im Kolonialwarenladen klaut. Er wird ertappt, von Ibrahim Momo getauft und dieser gibt ihm Tipps, wie er noch schneller Geld aus der Tasche vom Vater ziehen kann. Ibrahim durchschaut Momo und erkennt seine Lügen, der Tag an dem eine Freundschaft beginnt, die sich zu einer Vater-Sohn-Beziehung entwickelt, denn Momo hat letztendlich keine Eltern mehr. Seine Mutter ist nach seiner Geburt gegangen, mit dem angeblich perfektem Sohn und sein Vater wird blasser und blasser, bis er geht. Momo ist alleine und Ibrahim wird seine engste Bezugsperson. Sein Leben beginnt neu, es wird anders und beide Suchen das Lebensglück.

Monsieur
Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran ~ Eric-Emmanuel Schmitt

Dank des Eingreifens von Monsieur Ibrahim bekam die Welt der Erwachsenen Risse, sie war nicht mehr die gleiche glatte Mauer, gegen die ich stieß, durch einen Spalt hatte sich mir eine Hand entgegengestreckt. (Seite 23)

Es ist so herrlich, Momo in seiner Sturm und Drangzeit zu begleiten. Ein wunderbarer Charakter mit viel Humor, ein paar naiven Nuancen, durch und durch aber clever, lernbegierig und lebensfroh. Und er geht mal gern zu einer Dirne, ach, Ibrahim auch.

Eric-Emmanuel Schmitt hat mich wieder begeistert. Er ist Meister darin, mit wenigen Worten Leserherzen zu rühren und auch in diesem Buch habe ich gefühlt auf fast jeder Seite ein Post-it kleben. Es wird die Liebe thematisiert, das Elternhaus, Erinnerungen, das aktuelle Umfeld, aber auch die Religion und den Tod. Allerdings nicht trocken, belehrend oder fad, sondern leicht und regelrecht spielerisch und dennoch nicht oberflächlich.

„Und Jude sein hat mit Gott nichts zu tun?“ „Für mich nicht mehr. Jude sein bedeutet einfach, Erinnerungen zu haben. Schlechte Erinnerungen.“ (Seite 46)

Ach, mein Herz blüht auf, wenn ich an Moses und den guten Monsieur Ibrahim denke. Ein Buch, was sich so gut zum Verschenken eignet, denn es ist für jeden Leser, der eine knappe Stunde großartige Literatur und liebenswerte Charaktere mag.

Eure


Monsieur

Schockstarre – und es schmilzt

Und es schmilzt ~ Lize Spit

Und es schmilzt hat mich in Schockstarre versetzt – Ich bin betroffen, gedemütigt, ich spüre Schmerzen und doch rate ich zu diesem Buch.

Vor wenigen Minuten habe ich das Buch beendet und bevor meine Worte schmelzen, schreibe ich sie taufrisch nieder. Ich stehe noch unter Schock, meine Finger sind eiskalt und ich habe innerliche Schmerzen. Was Lize Spit uns Lesern in ihrem Roman präsentiert, ist kaum in Worte zu fassen. In mir tobt ein Strudel aus Hass, ich fühle mich gedemütigt, ich bin betroffen und frage mich gleichzeitig, warum ich nicht mit dem Lesen aufhören konnte.

Jeder Erzählstrang aus der Perspektive von Eva, egal ob in der Gegenwart, 13 Jahre nach dem Sommer 2002 oder in der Vergangenheit, besagter Sommer 2002, tut weh. Tut nicht nur weh, sondern ist grausam, macht aber ebenso neugierig, fassungslos neugierig. Die schonungslose Schreibgewalt von Lize Spit hat mich im Buch gehalten, mich nicht entkommen lassen.

Wir lernen Eva also von zwei Seiten kennen. Wir denken, dass die Vergangenheit sie geprägt hat, dass sie im Leben angekommen ist, vergessen, verzeihen, zumindest weiterleben kann. Schließlich folgt Eva der Einladung zu einem Hoffest in ihr Heimatdorf. Seit Jahren ist sie nicht mehr dort gewesen, denn der Sommer des Jahres 2002 hat sie gezeichnet und sie hat überhaupt nur wenig gute und schöne Erinnerungen an ihre Jugend. Ihre Mutter hat getrunken, ihr Vater spielte mit dem Gedanken sich das Leben zu nehmen und eine tiefe Bindung zu ihren Geschwistern war nie durchgehend vorhanden. Eva kommt und zwar nicht alleine. Ein Eisblock begleitet sie.

Sie selbst war fast immer das Ersatzrad, vor allem in der Clique „Musketiere“ mit Pim und Laurens. Nur Eva spürte die Demütigung nicht sofort, sie wollte dazugehören.

Und es schmilzt ~ Lize Spit

Eva demütigte gemeinsam mit den zwei Jungs, sie wollte gern eine richtige Freundin und sie wäre gern öfters für ihre Schwester dagewesen – Eva wollte aber auch nie was verpassen, letztendlich wollte Eva aber geliebt werden…

Der Roman gleicht dem Eisblock in Evas Kühlbox. Die ersten Seiten tröpfeln dahin, wie der Eisblock der gerade erst die Box verlassen hat. Doch umso länger er an der warmen Luft ist, umso schneller wird er kleiner und wir lesen schneller und schneller und die über 500 Seiten schmelzen unter unseren Fingern. Unfassbare Lebenssituationen begegnen uns. Evas Heimatdorf, so einfach es gestrickt sein mag, hat Einwohner mit besonderen Charakterzügen und Neigungen. Auch der Übergang von der Kindheit ins Jugendalter bringt Probleme mit sich. Selten habe ich so extreme Charaktere in so jungem Alter erlebt und doch sind diese keinesfalls unrealistisch.

Brutal – pervers – unglaublich literarisch

In mir toben immer noch die vielen Eindrücke und Empfindungen. Der Ekel, der Hass, dies verdammte Ungerechtigkeit, das Ansehen von Demütigungen, die Ausweglosigkeit – gern wäre ich zwischen die Seiten gesprungen, um zu verhindern. Doch ich durfte nur zusehen und hoffen, dass Eva stark bleibt und richtet, was sie richten kann, während ihr Umfeld bricht.

Das Ende ist mehr als überraschend und erst spät abzusehen. Literarisch ganz großes Kino, auch wenn der Roman brutal, auch irgendwie pervers ist.

„Und es schmiltz“ (S. FISCHER) passt gut neben die Bücher, die mir ebenso Schmerzen beim Lesen verursacht haben und sich dadurch tief in meine Leseseele gebrannt haben: „Tu dir weh„; „Ein wenig Leben

Eure
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The Hate U Give

The Hate U Give ~ Angie Thomas

Auch bei mir erscheint in sämtlichen sozialen Kanälen dieser Titel, ein regelrechter Hype. Bist du dem Buch auch schon begegnet oder siehst du es hier zum ersten Mal?

Nun bin ich ein paar Tage um den Titel herum gestiegen und habe nur positive Stimmen gehört. Letztendlich habe ich nun selbst herauslesen wollen, ob der Hype berechtigt ist oder nicht, zumindest aus meiner Sicht. Wollt ihr es gleich wissen? Also gut – „The Hate U Give“ (cbt) ist ein wahnsinnig wichtiges Buch. Ich habe die 500 Seiten in zwei Tagen verschlungen, mich kaum gelangweilt und mich schnell in die Welt des schwarzen Mädchens namens Starr hineinversetzen können. Ihr solltet es lesen, aber aus meiner Sicht ist der Hype etwas übertrieben.

Angie Thomas nimmt uns mit in die zwei Welten von Starr. Sie wohnt in einem Ghetto, in dem Gewalt herrscht und mit Drogen gedealt wird, ihre Freunde sind schwarz. Sie geht in einem sozial höhergestelltem Viertel in die Schule, in der sie fast das einzige schwarze Mädchen ist, ihre Freundinnen sind weiß. Starr lebt in zwei Welten mit zwei Hautfarben und sie möchte nicht, dass die schwarze Welt und die weiße Welt miteinander Bekanntschaft machen.

black & white

Eine Party sollte fröhlich in Erinnerung bleiben, doch die letzte Feier hat die 16-Jährige traumatisiert. Erst gab es eine Schießerei zwischen den Feiernden und als sie von ihrem besten Freund Khalil nach Hause gefahren wird, stirbt er vor ihren Augen. Bei einer normalen Polizeikontrolle wird Khalil erschossen – von einem weißen Polizisten. Und die Waffe wird auch auf sie gerichtet…

Die Worte reichen schon, um in uns Leser (Hautfarbe egal) ein beklemmendes Gefühl zu erzeugen. Aus diesem wird schnell Wut, Traurigkeit und letztendlich möchte man Gerechtigkeit. So geht es auch Starr und sie möchte für Khalil und gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen. Eine Aussage bei der Polizei soll helfen. Trotz Starrs Worten wird der weiße Polizist nicht angeklagt…

„Es ist cool, schwarz zu sein, bis es schwer wird, schwarz zu sein.“ (Seite 18)

The Hate U Give ~ Angie Thomas

„Manchmal machst du alles richtig, und es geht trotzdem alles schief.“ (Seite 180)

Ja, ihr habt beim Lesen Schmerzen, denn die Ungerechtigkeit, welche Starr erfahren muss, tut verdammt weh. Aber genau diese Ungerechtigkeit, diese Unterschiede – Rassen-Gesellschaft – möchte Autorin Angie Thomas aufzeigen. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, dieses Thema immer und immer wieder aufzugreifen. Wir sind ALLE Menschen, egal woher wir stammen, wie wir aussehen und wie wir leben.

no to racism

Khalil war unschuldig. Khalil ist tot. Wir sind Menschen und machen Fehler und bei ihrer ersten Aussage vergisst Starr ein paar Einzelheiten zu berichten. Sie ist aufgeregt, sie ist traurig, sie ist schockiert. Dennoch wird entschieden, dass den Polizisten keine Schuld trifft. WARUM? Dieses Warum lässt uns immer schneller lesen. Wir wollen den Grund wissen. Doch neben dieser Frage geht das Leben in dem Viertel in dem Starr lebt weiter. Drogenbosse fühlen sich verraten, die Aggressionen brodeln und weiße Freundinnen zeigen ihr wahres Gesicht, als sie erfahren, woher Starr stammt und wer sie ist.

Angie Thomas schreibt leicht, die Schrift im Buch ist recht groß und der Roman ist gut, in fünf Teile (Als es passiert; Fünf Wochen später; Acht Wochen später; Zehn Wochen später; Dreizehn Wochen später), strukturiert. Ich habe mich durch den Schreibstil schnell in die Welt von Starr einfinden können und mich sogar selbst schwarz gefühlt. Verstärkt hat dieses Gefühl der Slang, die amerikanischen Begriffe, welche einfach passen und gut verständlich sind (am Ende gibt es dennoch ein Glossar). Das Cover ist so stimmig wie der Inhalt – weiß/rot wie Blut/schwarz.

Was in dem Buch passiert, ist erschreckend real und nicht nur in den USA herrscht große Polizeigewalt. Es ist real, dass wir schneller anklagen, als aussprechen zu lassen und Hintergründe vermittelt zu bekommen. „The Hate U Give“ ist real und sollte gelesen werden.

Für mich ist „The Hate U Give“ ein verdammt wichtiges Buch, keine Frage. Lest es und nehmt vor allem die Botschaft mit – NO TO RACISM!

Eure
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papego

papego

Aufkleber auf dem Buchcover – furchtbar. Mögt ihr die auch nicht? Jetzt kleben schon zwei Aufkleber auf dem Roman „Als wir unbesiegbar waren“ von Alice Adams. Papego – was ist das nun wieder? Bestimmt muss man sich da wieder registrieren und alle Daten angeben und letztendlich mag ich sowieso nicht mobil lesen. Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich ins Buch eintauchen wollte. Meine Neugierde wurde aber geweckt und ich schaute mir genauer an, mit was mich Dumont da locken wollte.

Aha – kostenlose App, scannen und los. Geht das wirklich? Ich habe es natürlich ausprobiert.

papego – richtig einfach

So einfach wie auf dem Bild abgedruckt, ist es wirklich. Ich bin immer noch ganz erstaunt, was die Technik so alles kann und wie genial diese App für uns Leseratten ist.

Schließlich ging es uns doch allen schon mal so, dass wir so ganz OHNE Buch unterwegs waren und lesen wollten. Das passiert immer wieder aus ganz unterschiedlichen Gründen und dann sehnen wir uns nach literarischem Stoff und haben keine Lust, am Smartphone zu daddeln. Genau dann kommt die App papego genau richtig, denn das Smartphone haben wir ja fast immer dabei. Ich bin kein Freund vom mobilen Lesen, aber die App ist schon genial.

papego – app

Egal ob Apple iOS oder Android, die App ist im Store findbar und in nicht mal einer Minute installiert. Und alles OHNE Registrierung, was ich ja mal mega finde. Sobald die App geöffnet ist, wird die jeweilige Buchseite, auf der man sich gerade lesend befindet, gescannt und schon geht es mobil auf dem Smartphone weiter. Auf dem nächsten Bild habe ich euch einen Screenshot gemacht, wie das ganze dann aussieht. Das ist doch mal total genial, oder?

25% Lesevergnügen stehen dann mobil zur Verfügung und spätestens dann, sollte man sich auf den Weg zur gedruckten Ausgabe machen.

Die Anzahl der „papego-Bücher“ ist auch schon recht groß. Hier findet ihr eine Liste, welche schon über 300 Titel umfasst.

papego – loslesen

Habt ihr mal geguckt, ob ihr vielleicht sogar gerade ein papego-fähiges Buch in eurem Regal habt? Ich finde die App genial, ich muss es gleich noch mal sagen.

Und dann dachte ich plötzlich illegal, bzw. zweifelte an der Sicherheit, was das Kaufen eines Buches betrifft. Denn rein theoretisch ist es doch möglich, in eine Buchhandlung zu gehen, die erste Seite zu scannen, zu lesen und sobald es nicht mehr weiter geht, erneut in eine Buchhandlung zu gehen und wieder zu scannen. Bei einem Wälzer mit über 1000 Seiten wird das allerdings recht mühsam und auch bei einem Pageturner wohl recht nervig. Also ist doch die Sicherheit gegeben und außerdem ist es doch das gedruckte Buch, was uns Freude bereitet!

Was sagt ihr zur „Papego-App“? Mich interessiert eure Meinung/eure Erfahrung.

Eure
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Best friends for never

DU & ICH best friends for never

NEVER – man wird nicht vom Küssen schwanger und natürlich darf man die Pille NICHT halbieren, auch dann nicht, wenn es die beste Freundin sagt. Aber bekommt man solche Ratschläge überhaupt von einer besten Freundin?

Wie sieht es eigentlich mit euch aus? Habt ihr (noch) eine beste Freundin?

~

Das Leben ist immer in Bewegung und ehe sich Annabeth versieht, nähert sich die Schulzeit dem Ende, das letzte Schuljahr bricht an. Sie freut sich nicht nur auf das letzte Jahr, sondern viel mehr auf die kommende Studienzeit, denn sie hat große Pläne. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Noe möchte Annabeth nach Paris. Die Freundinnen möchten ganz unbeschwert in die neue Zeit mit möglichst viel Freiraum, Party und was man als frische Schulabgängerinnen so macht, starten. Die Vorfreude wächst, auf ein Leben mit der umtriebigen Noe.

Doch als ein Junge namens Steven in Noes Leben auftaucht, muss Annabeth ein wenig zurück treten. Alle geschmiedeten Pläne beginnen nach und nach zu bröckeln, doch nicht nur das. Annabeth erfährt von ihrer Cousine Dinge über ihren Vater, die sie tief erschüttern. Und dann trifft sie auch noch auf Oliver. Genau als Annabeth Noe am Dringendsten braucht, ist ihre Freundin nicht da. Ihr Leben wackelt…

„Manche Freundschaften zerbrachen mit einem Mal, andere dagegen waren wie ein Auto, das immer mal wieder Aussetzer hatte und repariert wurde, bei dem man im Laufe der Jahre ein Teil nach dem anderen ersetzt, und irgendwann hat sich so viel daran geändert, dass man es eigentlich kaum noch wiedererkennt.“ (Seite 267)

DU & ICH best friends for never

Freundschaft

Freundschaft. Liebe. Krankheiten. Vorbilder. – Autorin Hilary T. Smith macht es spannend und holt die größten Themen des jugendlichen Alters hervor. Das Buch liest sich richtig flüssig, die Seiten sind locker beschrieben und ich habe mich wirklich wohl an Annabeths Seite gefühlt. Viele Situationen konnte ich nachvollziehen, einige naive nicht. Doch dann nahm alles überhand, einige Wendungen waren zu konstruiert und zu vorhersehbar und einfach durch und durch überladen.

Ich bin ein wenig enttäuscht, ja, das ist so und das sage ich hier offen und ehrlich. Meine Erwartungen an die Autorin Hilary T. Smith waren wohl doch ein wenig zu hoch. Mit Hellwach hat sie mich begeistern können und nun lässt sie mich so zwiegespalten mit „DU & ICH  Best friends for never“ (Fischer FJB) zurück.

Das Jugendbuch ist ab 14 – hier stimme ich schon zu, wobei ich dennoch ein wenig Bauchschmerzen habe, denn die zum Leser hin stellenweise unaufgeklärte Naivität kann auch falsch interpretiert werden. Wenn naiv auf naiv trifft…

„Menschen sind wie Bäume, als Setzlinge brauchen sie andere Nährstoffe als später, wenn sie groß sind.“ … „Leben ist Veränderung“ … „Es gibt nicht nur die eine Freundschaft oder die eine Liebe. Dinge vergehen und andere Dinge wachsen.“ (Seite 283)

Eigentlich wollte ich an einem bestimmen Punkt enden und das Buch an die Wand befördern. Als der Punkt dann tatsächlich eintrat, habe ich dennoch weiter gelesen, irgendwie doch weiter lesen müssen. Letztendlich habe ich es auch nicht ganz bereut, denn Annabeth habe ich einfach in mein Herz geschlossen und sie hat erkannt, dass Freundschaft nicht immer gleich Freundschaft ist und das man sich ab und an einfach verrennt. Klar ist die Erkenntnis der Sackgasse schmerzhaft, man öffnet sich zukünftig anders und ist vorsichtiger, aber diese Erkenntnis festigt und zeigt einem selbst, wer man ist.

Bleibt euch treu, handelt bewusst und versucht nie eine Kopie von eurem besten Freund/eurer besten Freundin zu sein und schon gar nicht, alles zu akzeptieren und umzusetzen, was man euch sagt!

Hilary T. Smith bietet außergewöhnliche Charaktere und präsentiert zudem die volle Ladung extremer Situationen, die das jugendliche Leben beinhalten kann.

Eure
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Back to blue

back to blue ~ Rusalka Reh

Back to blue

„Dich haben Sie bestimmt im Krankenhaus verwechselt.“ (Seite 21)

Manche von uns, haben den Satz bestimmt schon mal von einem Elternteil gehört. Oder? Ich schon, aber bei mir war er lustig gemeint, wir haben zusammen gelacht, denn der Satz folgt meist dann, wenn man was außergewöhnliches getan hat. Ob das gut oder schlecht war, sei mal dahin gestellt. Bei Kid ist das völlig anders.

Der Satz ist böse gemeint und auf den Satz folgen meist noch viel unfreundlichere Sätze, wobei unfreundlich an sich eigentlich total übertrieben ist. Die Sätze sind richtig böse, oftmals mit Hass erfüllt. Kid wird von ihren Eltern nicht geliebt und genauso wird sie auch behandelt.

Kid fragt sich oft, was wohl schief gelaufen ist und sucht den Fehler bei sich. Lieben Mütter ihre Kinder nicht eigentlich schon von Geburt an? Scheinbar nicht oder scheinbar nicht immer.

„Wir schreiben. Wir lesen. Wir sind die weiße Krähe und das schwarze Schaf.“ (Seite 36)

back to blue ~ Rusalka Reh

Weiße Krähe & Schwarzes Schaf

Glücklich sein ist Kid nicht gewohnt und sie traut sich nach all den schlechten Erfahrungen auch nicht mehr, glücklich zu sein. Das hat nie was Gutes gebracht und lange hat es sowieso nicht angehalten. Immer wenn sie das Glück fühlen konnte, verwandelte es sich ins Gegenteil, der bittere Wortschlag kam. Als sie auf Maxim in einer russischen Bar trifft, ist sie glücklich. Darf sie das?

„Nur wenn ich lese, vergesse ich.“ (Seite 148)

Sie vertraut sich ihrem Tagebuch an, denn sonst gibt es niemanden in ihrem Umfeld, dem sie das erzählen kann. Ihren Eltern schon gleich überhaupt nicht. Der Vater bezeichnet lieber sein Auto als Kind, als seine Tochter Kid. Stundenlang schreibt sie von ihren Erlebnissen in ihr Tagebuch, außerdem schreibt sie Gedichte. Ein geheimer Wunsch von ihr ist es, ein Gedicht irgendwann mal abgedruckt zu sehen.

Ob sie Maxim davon erzählt? Wenn sie ihn wiedersehen darf, denn falsche Informationen über Maxim dringen an die Ohren ihrer Eltern…

Der magellan Verlag ist bekannt dafür, Bücher für junge Erwachsene zu veröffentlichen, die ins Herz treffen. Sie passen einfach wie die blaue Bluse zu Kid. Natürlich erfahrt ihr im Buch auch, warum das Cover und der Titel so verdammt gut passen und was es überhaupt mit der Farbe blau auf sich hat.

back to blue ~ Rusalka Reh

Kämpft um eure Träume

Ich bin durch und durch von diesem Buch begeistert, auch wenn die 202 Seiten kurzzeitig ein paar langatmige Stellen beinhalteten. Es ist so verdammt nah dran, so unfassbar authentisch. Wären die ganzen Tagebucheinträge noch in Schreibschrift abgedruckt, wäre das Gefühl sie mit Kid zu verfassen, wahrscheinlich noch stärker.

Wir alle müssen für unsere Träume kämpfen. Mal haben wir Unterstützung von Familie und Freunden und dann stehen wir wiederum ganz alleine da. Aufgeben – das dürfen wir nie, egal in welchen Rahmenbedingungen wir uns wiederfinden.

Autorin Rusalka Reh zeichnet ihre 16-jährige Protagonistin Kid so unfassbar lebensecht. Wir fühlen daher die Verzweiflung, wir fühlen die Liebe und wir kämpfen mit ihr gemeinsam, um auszubrechen, um von der dunklen, auf die helle Lebensseite zu wechseln. Kid ist stark und macht Mut. Sie findet sich selbst und sie findet Menschen, denen sie vertrauen kann, Menschen die ihr helfen.

„Wir strichen uns Liebe auf alle Wunden, die sichtbaren und die versteckten. (Seite 188)

Back to blue hat sich letztendlich in mein Herz geschlichen und wird sich auch in euer Herz schleichen.

Eure
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Die Badende von Moritzburg

Die Badende von Moritzburg ~ Ralf Günther

Badetag in Moritzburg

Gestern Abend bin ich Ralfs Einladung gefolgt und konnte, gemeinsam mit über 60 anderen LeserINNEN, in Moritzburg in der Stephanus-Buchhandlung, Ralf Günthers Worten lauschen. Der Abend hätte schöner nicht sein können. Strahlender Sonnenschein, warme Sommerluft, begeisterte LeserINNEN, ein glücklich-emotionaler Autor, musikalische Untermalung und eine Badende im Schilf. Wein und Häppchen möchte ich nicht vergessen zu erwähnen und natürlich Ralfs Herzmenschen (es war schön dich wieder zu sehen, Josefine Gottwald), die ihn begleiteten. Der Auftakt der Lesereise, die Premiere, war ein voller Erfolg und an dieser Stelle ein großes DANKE an Ralf und natürlich seine Lektorin Johanna Schwering, welche mit im Publikum saß.

„Moritzburg ist ein Sehnsuchtsort“ – da hat Ralf einfach Recht und aus diesem Grund spielt seine Novelle vorwiegend in Moritzburg. Moritzburg ist einfach schön und vielen vorwiegend durch den Film Drei Haselnüsse für Aschenbrödelein Begriff.

Nackte Künstler im Schilf

Clara Schimmelpfennick (was ich den Namen liebe) soll in Moritzburg nun endlich wieder gesund werden. Sie leidet unter Atemnot und soll eigentlich im Sanatorium in Dresden – Weißer Hirsch – gesunden. Doch Clara langweilt sich fürchterlich und ihr Körper schein frei von Symptomen. Ein neuer Arzt bestellt sie zu sich, um sie nach der Methode des Sigmund Freund zu untersuchen. Nach zaghafter Annäherung und einem tiefen Behandlungsgespräch, bei welchem Clara auf der Chaiselongue liegt, wird ihr ein Ausflug nach Moritzburg auf eine Art Rezept verschrieben. Sie soll sich erholen und Arzt Brandstetter begleitet sie.

Clara reist vor und ehe sie sich versieht, landet sie zwischen nackten Künstlern am Moritzburger Teich. Sie traut ihren Augen nicht und ist verwirrt, verschämt, aber doch voller Neugierde.

Die Badende von Moritzburg ~ Ralf Günther

Wisst ihr, an welcher Stelle Autor Ralf Günther gestern aufgehört hat zu lesen? Als unsere liebe Protagonistin Clara Schimmelpfennick im See badet. Nackt. Und neben ihr schwimmt ein nackter Mann. Und auch ich ende an dieser Stelle, denn nun müsst ihr wirklich weiter lesen. Ihr glaubt nicht, wie viel Freude ich mit diesem dünnen Band hatte. Eine herrliche Sommernovelle, die mich sehr begeistert hat. Natürlich punktet das Buch, welches knapp über 100 Seiten umfasst, mit dem Ort Moritzburg. Mir ist der Ort vertraut, das Schloss, die Seen, die Fahrt mit dem Lößnitzdackel – Heimat durch und durch. Doch nicht nur für Dresdner und Moritzburger inklusive Umland ist diese Novelle ein echtes Muss.

Stimmige Sommernovelle

Es bereitet so wahnsinnig viel Freude, ins Leben von Clara zu tauchen. Sie ist eine witzige Protagonistin, etwas voreilig vorlaut, einfach keck. Ich grinse schon wieder übers ganze Gesicht, wenn ich an die Worte von ihr denke. Die Worte an Arzt Brandstetter, die Worte an die nackten Künstler und letztendlich die Worte an ihren Vater. Für laue Sommerabende oder Stunden am See kann ich dieses Buch wärmstens empfehlen. Es erzeugt so viele Emotionen, es ist leicht und humorvoll, aber doch tiefgründig und lehrreich.

Ach, es hat sogar ein Lesebändchen. Autor Ralf Günther hat sich oft eins gewünscht, wie er gestern Abend gestand. Allerdings in seinen dicken Büchern. Nun hat er eins und zwar in seinem dünnsten Buch. 😉

So charmant wie der Autor ist auch „Die Badende von Moritzburg“ (rowohlt / KINDLER) und ebenso charmant war die gestrige Lesung. Stimmig durch und durch. Eine Sommernovelle die euch durch den Sommer begleiten sollten.

Eure
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Sieben Minuten nach Mitternacht

Sieben Minuten nach Mitternacht ~ Patrick Ness

Sieben Minuten nach Mitternacht, zeigt die Uhr.

„Wow…ein unfassbares Meisterwerk!“ sagte ich nach dem Lesen zu Arndt von Astrolibrium. Er hat mir das Buch geschickt, nachdem er es begeistert gelesen hat. Ich sollte es lesen, meine Meinung war gefragt, zumal er das Gelesene teilen, darüber sprechen wollte. Schließlich interviewte er Autor Patrick Ness zum Buch und schreibt über die emotionale Vorgeschichte.

Wir schreiben nun das Jahr 2017 und die Worte, die ihr gerade gelesen habt, verfasste ich vor 6 Jahren. Heute sollt ihr diese Worte endlich lesen können, mit dem Wissen im Kopf, dass die Verfilmung ab 4. Mai 2017 über die Kinoleinlwände flimmert. Heute nun die Worte zum Buch.

In Sieben Minuten nach Mitternacht…

…treffe ich auf Protagonist Conor. Er wächst mir sofort ans Herz. Es geht ihm nicht gut und er weiß genau, es erwartet ihn 7 Minuten nach Mitternacht der Albtraum, in dem das Monster zum Vorschein kommt. Dieses verschont ihn nicht mehr, seit seine Mutter in Behandlung ist, seitdem auch sein Leben aus der Reihe tanzt. Ein altes Wesen, die alte Weide vor dem Haus wird lebendig und stellt sich an Conors Seite. Schmerzhafte Tage begleiten ihn und auch die Nächte sind voller Geschichten.

Sieben Minuten nach Mitternacht ~ Patrick Ness

„Geschichten sind das gefährlichste auf der Welt. Geschichten jagen, beißen und verfolgen dich.“ (Seite 45)

Conor flüchtet vor sich, vor seiner Angst, aber er schafft es nicht. Die Angst muss besiegt werden und das Monster macht ihm Angst, nimmt ihm diese aber auch genauso sehr. Eine Mutter gehen lassen, wobei man sie nie gehen lassen will. Seine Mutter gehen lassen, damit endlich ihre Schmerzen aufhören, dies ist sein größter Wunsch, aber auch der grausamste zugleich. Einen Menschen den man liebt, verlieren wollen, wobei man es nur wegen der erdrückenden Situation möchte. Conor schwankt, sein Leben schwankt, sein Inneres schwankt. Es ist alles bedrohlich und die Schuldgefühle wegen seiner Denkweise erdrücken ihn.

„Du hast es dir gewünscht, dass der Schmerz aufhört. Dein eigener Schmerz. Der dich so einsam gemacht hat, Das ist der allermenschliste Wunsch, den es gibt.“ (Seite 200)

Verlust

Er darf sich nicht selbst verlieren, aber er möchte auch nicht seine Mutter verlieren, ein Strudel, der sehr gefährlich ist und aus dem er sich herauswinden muss, um nicht selbst unterzugehen. Das Monster greift Conors Hand, versucht ihm zu helfen, zu lehren und Dinge aufzuzeigen, die ihm einen weiten Blick geben sollen.

Sieben Minuten nach Mitternacht ~ Patrick Ness

„Wer bin ich? Ich bin das Rückgrat, auf dem die Berge ruhen! Ich bin die Tränen, die die Flüsse weinen! Ich bin die Lunge, die den Wind atmet! Ich bin der Wolf, der den Hirsch…“ (Seite 44)

Ein Buch, was unter die Haut geht, ein Buch, was prägt, was zum Nachdenken anregt, was Emotionen auslöst, was sich ins Herz und in die Seele schleicht. Ein Buch welches Tränen zum Vorschein bringt, ein Buch, was dennoch ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wirklich ein magisches Buch. Sobald es sieben Minuten nach Mitternacht ist, denke ich an Conor.

Letztendlich: ein MUSS

„Weil Menschen komplizierte Geschöpfe sind.“ (Seite 201)

Eure
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Ein wenig Leben(sgedanken)

Ein wenig Leben ~ Hanya Yanagihara

Dieser Artikel ist nur für mich, Leben(sgedanken) an das Buch. Nicht mehr und nicht weniger, denn dieses Buch kann ich weder empfehlen, noch davon abraten. Und ich möchte es euch auch nicht empfehlen und ich möchte euch auch nicht davon abraten. Zudem verrate ich hier genauso wenig über den Inhalt, wie auf der Seite vom Hanser Verlag.

Danke für euer Verständnis.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Jeder liest es. Überall wo ich hingucke, sehe ich dieses Buch. Instagram ist regelrecht tapeziert mit Buchbildern. Lesen? Nichtlesen? Eigentlich habe ich keine Zeit für 960 Seiten. Eigentlich würde ich mir die Zeit aber gern nehmen. Blöde Buchhypes. Neugierig bin ich aber. Und dann liegt Ein wenig Leben bei unter einem Pulli auf dem Sofa. Versteckt. Ich soll nicht mehr fluchen und überlegen, denn es ist ja jetzt da.

Binea liest es. Also stürze ich mich ins Buch und freue mich auf die kommenden 960 Seiten, die bei vielen LeserINNEN verdammt viele Tränen erzeugt haben und schockierten und es letztendlich geschafft haben, als DAS Buch des Jahres und DAS Buch überhaupt, hervorzugehen. Nungut, dann mal los.

Ein wenig Leben ~ Hanya Yanagihara

Jude & JB & Willem & Malcolm

Nach über 200 Seiten bin ich immer noch gespannt und warte darauf, was denn nun passieren wird. Was wird schockieren und sich einbrennen. Ich warte und warte und lese und lese. Zwischendurch bin ich etwas gelangweilt, aber dennoch nicht abgeneigt, Hanya Yanagiharas Worten weiter zu folgen. Sie schreibt gut, sie erzählt gern sehr ausschweifend, in langen Sätzen, und ich werde immer vertrauter mit den vier jungen Männern, die sich auf dem College kennengelernt haben und jetzt in New York leben. Alle vier haben es letztendlich geschafft ins Berufsleben einzusteigen. Jude ist Jurist, JB ist Künstler, Willem Schauspieler und Malcom ist Architekt. Vier Männer – eine Freundschaft.

„Freundschaft bedeutete, sich geehrt zu fühlen, dass man einen anderen in seiner größten Verzweiflung auffangen durfte, und zu wissen, dass man selbst in seiner Gegenwart verzweifeln sein durfte.“ (Seite 303)

Hätte ich das Vorwissen nicht, dass das Buch gehypt wird, dann hätte ich es wahrscheinlich schon nicht weiter gelesen. Sowas passiert mir selten und letztendlich weiß ich nicht, ob ich es gemacht hätte, aber ich hätte es gewiss unterbrochen und ein anderes Buch dazwischen geschoben. Meine Neugierde war einfach zu groß, außerdem merkte ich, dass mir die vier immer mehr ans Herz gewachsen sind. Ich wollte bei ihnen sein, wobei, ich wollte mehr bei Jude und Willem sein, denn JB und Malcolm drifteten immer mehr in den Hintergrund ab. Anfangs ging es um alle vier recht gleichmäßig, dann kristalisierten sich die zwei benannten heraus.

Ein wenig Leben ~ Hanya Yanagihara

Instagram & Leben(sgedanken)

Ein weiterer Punkt, der mir beim Lesen sehr viel Freude bereitete, war der Austausch auf Instagram. Nie zuvor habe ich mit so vielen Menschen parallel im gleichen Buch gelesen. Das ist wohl der richtig positive Effekt bei einem Buch was in aller Munde ist. Über Direktnachrichten, aber auch unter vielen Bildern, wurde spoilerfrei geschrieben. Ein echter Pluspunkt und gleichzeitig ein völlig neues Lesegefühl.

Und dann ging es los. Dann kam ich zu der Stelle, in der die Schmerzen begannen. Und als ich versuchte mit den Schmerzen umzugehen, kamen neue dazu. Immer und immer wieder und ich musste das Buch weglegen. Ich habe mich geekelt, ich war kurz davor mich zu übergeben. Gleichzeitig wollte ich Jude nicht alleine lassen, ihm weiter zu hören, ihm beistehen, ihm Schmerzen nehmen und ich musste weiter lesen. Während ich das schreibe, spielen sich sämtliche Szenen vor meinem inneren Auge erneut ab und ich habe Schmerzen. Ja, die habe ich. Sie kommen aus dem Buch, sie kommen aus dem eigenen Leben, sie kommen von Freunden, von Bekannten. Jeder Leser wird merken, dass die Schmerzen auch Schmerzen aus dem eigenen Leben dazuholen. Das ist Literatur, sie greift uns an, sie macht uns nackt und Literatur darf das, soll das dürfen.

Schock & Schmerz

Doch Jude fügt sich auch selbst Schmerzen zu. Selbst als er schon ein erwachsener Mann ist und sogar dann bekommt er die Schmerzen erneut zu spüren, die er als Kind schon zu spüren bekommen hat. Ich könnte jetzt weiter und weiter schreiben, da ich merke, dass es jetzt erst alles raus kann. Es arbeitet noch in mir und ich gestehe, dass ich nicht geweint habe. Ich war zu schockiert, stellenweise habe ich geahnt, dass es so wird, wie es letztendlich geworden ist und jetzt – jetzt weine ich. Jetzt. Erst. Diese unerschütterliche Gewalt wirkt nach und bringt einfach an die Grenze des Ertragbaren.

Ja, man will über das Buch reden, aber nicht erst hinterher, sondern auch zwischendurch. Es kommt die Frage auf, ob dieses Buch nicht eigentlich eine „Triggerwarnung“ verdient, weil es eben richtig heftig ist. Vielleicht würde diese spoilern, aber sie wäre hier vielleicht ein hilfreicher Schutz.

Puh, was habe ich noch zu sagen. Ich mag das Buch, auch wenn es furchtbar ist. Ich konnte für mich selbst einiges mitnehmen. Mir bestimmte Dinge klar machen, so will ich es formulieren. Nun, ich könnte es aber auch etwas schlecht machen, denn so viel Leid, wie Jude erfahren ist, kann niemandem erfahren. Nicht so intensiv, zeitlich so lang und immer wieder. Eine literarische Übertreibung, das hoffe ich einfach. Ich könnte sagen, dass ich nicht alle vier, sondern nur zwei richtig intensiv nach diesen 960 Seiten kenne und ich könnte sagen, dass alle vier einen Lebensstandart haben, der in Betracht aller Hintergründe, nicht völlig plausibel ist.

Ein wenig Leben ~ Hanya Yanagihara

Hell & dunkel

Aber ich möchte das nicht, ich möchte nicht bemängeln, auch nicht die Vorhersehbarkeit, die manchmal da war. Ich möchte das Buch so lassen, nicht anzweifeln, nicht unzufrieden sein. Es ist besonders, so viel steht fest und ich staune über mich selbst, dass ich während des Lesens nicht geweint habe. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und gerade das Thema zerrt an meinen Nerven und belastet und die Gedanken darüber können nicht schnell auf Seite gepackt werden. Ich schiebe es einfach auf den Schock und den Ausgleich, denn das Buch ist nicht nur dunkel, es wird tatsächlich mitten in der Finsternis ein wenig hell. Richtig schön ist die lebenslange Freundschaft. Klar, es gibt Zeiten die sind nicht so intensiv, aber egal wie, die Freundschaft war immer da. Und die Liebe auch.

„Ich glaube, der Trick bei Freundschaften besteht darin, Menschen zu finden, die besser sind als man selbst – nicht klüger, nicht cooler, sondern liebenswürdiger und großzügiger und nachsichtiger -, und sie dann für das wertzuschätzen, was sie dir beibringen können, und ihnen zuzuhören, wenn sie dir etwas über dich sagen, ganz egal wie schlecht – oder gut – es ist, und ihnen zu vertrauen, was der schwierigste Teil ist. Aber auch der beste.“ (Seite 284)

Das Glück war zum Greifen nahe, die Euphorie war da, die Hoffnung war groß. Doch es kam der Punkt, an dem ich losgelassen habe, an dem ich begriffen habe, dass man nicht alle Menschen retten kann. Die für mich wohl größte und schlimmste Erkenntnis. Im Buch und im Leben. Manche Kämpfe sind von Anfang an erfolglos, egal was man tut. Auch Andy und Harold und die anderen Herzmenschen mussten einsehen.

„Er wusste, er würde ihn nie heilen können. …seine Aufgabe war nicht, ihn wieder gesund zu machen, sondern in weniger krank zu machen.“ (Seite 759)

Richtig schön ist die Offenheit. Liebe, Freundschaft, egal ob gleichgeschlechtlich oder nicht, egal welche Hautfarbe, findet Platz, wird nicht kommentiert und als selbstverständlich angesehen.

50% Langatmig & 50% schnell

Anfangs noch langatmig, dann wahnsinnig schnell. Ab der Mitte des Romans beschleunigte ich mein Lesen immer mehr und stellte gleichzeitig fest, dass es die anfängliche Langsamkeit brauchte. Hanya Yanagihara hat gerade durch das weite Ausholen, tiefe Anker in uns gesetzt und viele Kleinigkeiten und Geschichten aus der Kennenlernphase zum Schluss hervorgeholt und damit unser Herz getroffen wie der Dartpfeil das Bulls Eye. Sagenhaft.

Der Roman hat einfach alles und im Nachhinein wird mir immer mehr bewusst, wie viele Facetten er beinhaltet. Es arbeitet in mir und wie. So viel Liebe, so viel Schmerz, , so viel Schuld, einfach viele Extreme – fiktiv und realistisch, über- und untertrieben, aber doch sowas von menschlich.

960 Seiten die fest umarmen, aber auch fest in den Arsch treten.

Und nun? Ich weine, seufze und denke und weine und seufze und denke…

Schaut gern bei pinkfisch und Literatourismus vorbei, wenn ihr von viel Gefühl und spoilerfreiem Inhalt lesen wollt.

Eure
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Luana

Luana ~ Luiza Sauma

Wenn es dir so wie mir geht, dann greife zu Luana.

Ich suchte ein Buch, was mich weit weg bringt, was mich tief in ein anderes Leben versetzt und mich richtig gut unterhält. Ein wenig vorhersehbar ist, Überraschungsmomente in sich trägt und ganz viel Leben mit dunklen und hellen Momenten in sich hat. So ein rundum Paket, was gut tut und gleichzeitig berührt.

Luana

Aber alles begann eigentlich mit dem Brief der mich erreichte. Der Brief mit dem der Roman beginnt…

„Lieber André,

vor ein paar Wochen habe ich zum ersten Mal im Internet nach Dir gesucht. Es war kinderleicht, Dich zu finden. … Denkst du manchmal an uns? … Ich werde Dir wieder scheiben. Ich habe dir eine Menge zu erzählen. Ich werde Dich warten lassen, so wie Du uns hast warten lassen.“

Seid ihr jetzt auch so neugierig wie ich es war, als ich den Brief / das Buch in den Händen hielt? Ich konnte kaum abwarten zu erfahren, wer Luana ist, warum sie jetzt erst schreibt und vor allem, warum sie so schreibt, wie sie schreibt. Ich möchte wissen, wer sie warten lassen hat und warum derjenige jetzt warten muss…

Luana ~ Luiza Sauma

Rio de Janeiro / London

Andrés lebt inzwischen in London. Seine Kindheit verbrachte er in Rio de Janeiro, aber das ist schon lange her. 1985 verlor er seine Mutter bei einem Autounfall, auch das ist schon lange her. Nun ist er Vater zweier Töchter und hat eine Frau. Doch sein Leben ist kein ruhiges Leben, es ist im Umbruch und mitten in dieser Zeit erreicht ihn ein Brief von Luana.

Luana – lange ist es her, 30 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Gedanklich reist André zurück in seine Jugend, nach Rio de Janeiro und denkt an Luana, das Dienstmädchen in das er sich damals verliebte. Eine heimliche Liebe, eine unmögliche Liebe.

Klingt das jetzt irgendwie verkitscht oder nach einem typischen Liebesroman im Stil von „In der Jugend verliebt, getrennt, jeder glücklich mit seinem Partner bis zum Tag x, man trifft sich wieder, verliebt sich erneut und wird glücklich bis ans Lebensende?“

Oh nein, da liegt ihr hier ganz weit daneben. Wer sich so einen Roman erhofft, wird enttäuscht. „Luana“ von Luiza Sauma (Hoffmann und Campe) hat eine tiefgründig angelegte Geschichte zu erzählen. Sie bringt uns nach Rio de Janeiro und stellt uns Luana und André in jungen Jahren vor und zeigt uns, dass hinter so einem Brief ganz viel mehr stecken kann. Nicht nur Luana, auch André hat uns viel zu erzählen.

Luana ~ Luiza Sauma

Schwarz-weiß & bunt

Jede Seite habe ich genossen. Wirklich jede der 302 Seiten.

Schon der Anblick des Covers entführt uns weit weg. Autorin Luiza Sauma schreibt schwarz-weiß, um dann diese Worte mit bunten Nuancen anzureichern, so mag ich es ausdrücken. Sie färbt uns ihre noch farblosen Protagonisten immer weiter ein und lässt uns schließlich sehen, welche Erlebnisse in beiden schlummern. Sie teilen viele gleiche Momente und auch Geheimnisse miteinander, aber nicht alle.

Luana hat sich in mein Herz geschlichen, genau wie André. Ich habe mit beiden mitgefiebert, versucht zu verstehen, letztendlich verstanden und schwer daran geknabbert. Aber ich habe mich auch gefreut, gelacht und einfach den Sommer, allgemein das Leben in Brassilien, genossen.

„Du warst zu jung, um zu wissen, was du tatest und ich war zu jung, um dich davon abzuhalten.“ (Seite 298)

Eine große Geschichte die berührt, eine Geschichte die gelesen, gelebt, geliebt und genossen werden will.

Eure
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