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[Bini trifft Bini] Die geheime Braut von Brigitte Riebe

Die geheime Braut -
Die geheime Braut – Leseherzeroberung

Wenn ihr wissen wollt, welcher historische Roman mein Leserherz bereits eroberte, als er noch in losen Blättern vor mir lag, dann solltet ihr hier weiterlesen.

Brigitte Riebe hat mich unglaublich fest um ihren Schreibfinger gewickelt und das nicht nur, weil im Roman Bini, also ich, auf Bini (auch ich) trifft. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich bin im Roman sozusagen verankert und glücklich über die gelungene Protagonistenrolle.

Eine regelrechte Gänsehaut überkam mich, als ich meinen Namen auf der ersten Seite erblickte. Im Jahr 1528 findet sich Binea an der Seite von Susanna in Wittenberg wieder. Bettelarm, ohne Bleibe und nach dem langen Fußmarsch mehr als kraftlos. Das Stehlen ist der einzige Ausweg der beiden Frauen, denn Susannas Singstimme ist gebrochen. Zeichner Jan Seman bringt die ehemaligen Nonnen aus dem Kloster Sonnenfeld nach dem Versuch ihn zu erleichtern, nicht an den Pranger, sondern ins Schwarze Kloster zu  Katharina von Bora und ihrem Mann Martin Luther.

Die geheime Braut -
Die geheime Braut – ein Staffelei-Werk

Katharina kann als ehemalige Nonne gut nachempfinden, wie es Binea und Susanna ergeht. Sie sollen sich im Haushalt beweisen, um sich ihre Bleibe zu sichern. Während Binea die Gegend erkundet und auf einen geheimnisvollen Mann trifft, verschanzt sich Susanna lieber hinter den dicken Klostermauern. Ihre Gedanken kreisen ohne Stillstand um ihre Vergangenheit. Eine Vergangenheit die durch ihre gebrochene Singstimme spürbar und hörbar ist und sie wie ein Schatten verfolgt.

Marlein, fast noch ein Kind, verdingt sich im Frauenhaus bei Griet als Hübschlerin. Sie warnt sie vorm übelriechenden Chef des Hurenhauses, den Patron, den Mann mit der Maske. Er hütet ein schreckliches Geheimnis und Griet hüllt sich vor Angst in Schweigen. Marlein allerdings ist noch mutig…

Lucas Cranach der Ältere erhält einen geheimnisvollen Auftrag von einem Mann, der sein Gesicht mit einer Maske bedeckt. Er soll ein Nacktportrait von drei jungen Frauen anfertigen. Seine rechte Gesellenhand und Frauenheld Jan Seman, soll diesen Auftrag erfüllen und die drei benannten Frauen zum Modellstehen überreden. Sein Talent fruchtet und Margaretha lässt sich zeichnen. Wenige Tage später wird sie tot aufgefunden. Auch die zweite Frau die sich vor ihm enthüllte und bildlich festhalten ließ, wird nur noch unlebendig gefunden. Jan Seman ist verzweifelt, denn er ist der Hauptverdächtige.

Die geheime Braut - Spannung im edlen Gewand
Die geheime Braut – Spannung im edlen Gewand

Binea trifft sich heimlich mit ihrem schwarzen Raben, der sie liebevoll Eule nennt und verliert ihr Herz an den geheimnisvollen Mann mit der Maske, während Susanna sich in den Zeichner Jan Seman verguckt. Sie ist von seiner Unschuld überzeugt und stellt sich als Lockvogel zur Verfügung, als sie erfährt, wer die dritte Frau sein soll. Sie kann nicht verantworten, dass Katharina von Bora etwas zustößt und begibt sich wagemutig in Lebensgefahr.

Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn Jan wird verhaftet und es bleibt wenig Zeit seine Unschuld zu beweisen. Wird Susanna den Mörder, welcher gleichzeitig das Gemälde der drei Grazien in Auftrag gegeben hat, finden? Wer ist der Mann mit der Maske? Schwebet Binea in Lebensgefahr?

Brigitte Riebe ist es mal wieder gelungen, mich durch und durch zu begeistern. Die geheime Braut“ (Diana Verlag) ist ein Meisterwerk und Brigitte eine wahre Meisterin der Worte. Sie findet genau die richtigen Zutaten für ihr kriminalistisches Geschichtsbrot, deren Seitenscheiben sie köstlich ausbreitet und den Leser nachhaltig verköstigt. Ja, ich schwärme in den höchsten Tönen, denn die Autorin wandelt faden Geschichtsstoff in reichhaltigen.

Die geheime Braut - "Drei Grazien"
Die geheime Braut – „Drei Grazien“

Den Schwerpunkt des Romans bildet das Gemälde „Drei Grazien“. Gleich auf der ersten Seite des Romans erblickt der Leser die drei nackten Frauen – Aglaia, Thalia und Euphrosyne. Das eindringliche Gemälde begleitet die Lesergedanken bis zur letzten Seite, auf der es nochmal abgebildet ist.

Als Geschichtsmuffel ist dieser Roman ein Hochgenuss, denn er hält nicht nur spannende Lesestunden bereit, sondern bringt eine riesige Portion Wissen mit. Neben wenigen fiktiven Charakteren, lässt die Autorin viele Persönlichkeiten die Hauptrollen übernehmen. Neben Reformator Martin Luther und Maler Lucas Cranach dem Älteren, ist auch Reformator Philipp Melanchthon vertreten. Anhand ihrer Wort spürt man als Leser, wie tief sich Brigitte in der Lutherstadt Wittenberg in die Recherchen begeben hat. Nicht nur das private und öffentliche Lutherleben, wird von ihr tiefgründig beleuchtet, sondern auch die Malerei in den Zeiten der Renaissance.

Die geheime Braut -
Die geheime Braut – Protagonistin Bini

Brigittes Leser wissen, was sie jedes Mal erwartet. Uns ging es mit ihrem Romanen Die Pestmagd  und Feuer und Glas ganz genauso. Ich bin geplättet von der Wortgewalt, der historischen Frische und Lebendigkeit. Jeder der Protagonisten wird ins Handlungsgeflecht so eingebunden, dass er sich in der Lesererinnerung verankert, mag die Nebenrolle auch noch so klein sein. Die Charaktere sind so fein gezeichnet, wie das Gemälde um das es sich im Roman dreht. Jeder Pinselstrich sitzt und auch die Farbtöne könnten nicht besser gewählt sein. Mir sind neben der Bini, die wirklich oftmals so handelt und so fühlt wie ich im wahren Leben, die anderen Frauen ebenso sehr ans Herz gewachsen. Vor allem die kleine wilde Hübschlerin Marlein 😉

Leseliebhaber des historischen Genres sollten an der geheimen Braut nicht vorbeilesen. Geschichte, Liebe, Spannung und eine facettenreiche Handlung, welche bildlich vor den Augen des Lesers erblüht, erlebt man als Leser. Grandios ist das wohl richtige Wort!

Die geheime Braut -
Die geheime Braut – edle Gestaltung

Die Aufmachung des Romans bekommt noch einen dicken Extralobbonus. Neben dem wundervollen Cover und der bereits erwähnten Zeichnung, ist der Roman in drei Bücher (Aglaia, Thalia und Euphrosyne) gegliedert. Drei Handlungsstränge durchziehen die über 400 Seiten und am Ende befindet sich neben dem Epilog, ein reichhaltiges Nachwort zu Begebenheiten und Charakteren. Ein besonderer Extrabonus, der das fehlende Lesebändchen, welches in weiß oder weinrot sehr gut passen würde, wettmacht.

Für Geschichts- und Lesemuffel gibt es den Roman auch in Hörbuchform. Ich selbst habe den Roman gelesen und das Hörbuch gehört – persönliche Premiere 😉

Vielen Dank Brigitte für diesen grandiosen Roman und das du mich für eine Rolle im Roman erwähltest. Ich bin überglücklich und gerührt!

Die geheime Braut_Brigitte Riebe_Historien-Krimi_Spacer

Besonders geehrt fühle ich mich persönlich natürlich über die Danksagung:

Zur Gestalt der Bini (Binea) hat mich eine reale Person mehr als inspiriert. Bianca Raum – die zauberhafte Bini und Teil des unvergesslichen Doppels Literatwo.

Zur Abrundung des Artikels möchte ich euch den O-Ton, den mir Brigitte persönlich schrieb, nicht vorenthalten:

Bini ist meine persönliche Lieblingsfigur dieses Romans, wahrscheinlich weil mich eine Bini in Fleisch und Blut dazu inspiriert hat – du.

Persönlich sind wir beide uns erst einmal begegnet und doch habe das Gefühl, dich von deinen Postings und unserer Korrespondenz her sehr gut zu kennen. All diese Impressionen sind für mich in die Figur der Bini eingeflossen.  Bini ist für mich die große Liebende ohne Vorbehalte, die weder urteilt, noch verdammt, sondern ihr Herz dem „Raben“ schenkt, weil er sie fasziniert und weil sie seine innere Not spürt. Ja, man könnte sie vielleicht „naiv“ nennen, weil sie ihr Leben im Kloster verbracht hat und nicht viel über die raue Wirklichkeit da draußen weiß, doch dieses Urteil greift viel zu kurz. Nicht umsonst leitet sich ihr Name von „Binea“ – Gottesgeschenk – ab, das die frommen Schwestern dem kleinen Bündel an der Klosterpforte gegeben haben. Und sie lagen sehr, sehr richtig damit. Auch Bini gerät ins Zweifeln, als sich alles gegen „ihren Raben“ zu verdichten scheint, aber sie bleibt bei ihrer inneren Standhaftigkeit und findet wieder zu sich – und zu ihm zurück.

Weil sie hell und dunkel annehmen kann, ohne sich zu fürchten, hilft sie auch ihm, das Helle und das Dunkle in sich zu verbinden.

„Von Gleich zu Gleich“ ~ Ali Smith

Von Gleich zu Gleich - Es hätte mir genauso
Von Gleich zu Gleich – Es hätte mir genauso

Es hätte mir genauso – ja, hätte es mir. Genau vor einem Jahr, also im Januar 2013 ist es nicht mir passiert, aber da ich lesend dabei war, ist es doch schon irgendwie mir passiert. Ich habe meine ersten lesenden Ali Smith Erfahrungen gemacht und zwar mit Es hätte mir genauso.

Der Blick auf den Kalender besagt, dass es wieder Januar ist und dass ich soeben meine zweite Ali Smith Leseerfahrung gemacht habe. MitVon Gleich zu Gleich schreibt Ali Smith Binea-Lesegeschichte, denn es ist das erste Buch im Jahr 2014, welches ich genießen konnte.

Ich konnte, ehrlich gesagt, nicht nur genießen, sondern auch kosten. Es ist sagenhaft, wenn es eine Autorin schafft, den Leser mit seinen prosaischen Worthäppchen von Seite zu Seite zu führen, zu füttern.

Ali Smiths Schreibstil ist einfach anders, aber anders gut.

Mit ihrem Roman „Von Gleich zu Gleich“ (Luchterhand Verlag) entführt Ali Smith in eine Welt, die ich bisher in dieser Form noch nicht erlesen durfte. Die Welt der Gefühle zwischen zwei Frauen.

Von Gleich zu Gleich
Von Gleich zu Gleich – Frauengefühle

Amy Shone, Engländerin. Ash McCarthy, Schottin. Die zwei Protagonistinnen verbindet ein Sommer. Ein Sommer der zwei Leben zeichnete.

Amy Shone wohnt mit ihrer Tochter Kate in einem Wohnwagen auf dem Campingplatz. Die zwei haben sich und sie haben sich, denn sie stehen am Rand der Gesellschaft. Der Begriff Außenseiter ist ihnen aufs Leben geschneidert. Ihr Leben hat sich in tragischen Winden gedreht. Die einst in Philologie promovierte Frau, hat ihre Lesefähigkeit verloren. Zudem hat sie Angst vor Feuer.

Ash ist heute eine erfolgreiche Schauspielerin. Ihr geht es gut, anders als Amy, der Frau, in die sie sich damals in jungen Jahren verliebte. Zu Besuch bei ihrem Vater findet Ash Erinnerungsstücke und alte Tagebücher. Sie schwelgt darin und ihre Gedanken kreisen um eine glücklich-unglückliche Zeit. Eine Engländerin und eine Schottin, es hätte funktionieren können, es hätte so schön sein können. Doch damals hatte Amy keinen Platz für Ash vorgesehen.

Von Gleich zu Gleich
Von Gleich zu Gleich – Ali Smith

Ein Fragenband rollt sich mit diesem Werk vor dem Leser auf. In einer Prosawortgewalt blättert sich der Teppich der Unklarheiten vor den Leseraugen auf und klärt sich nach und nach.

Autorin Ali Smith bringt lesbische Liebesliteratur nicht nur Gleichgesinnten, sondern auch heterosexuellen Lesern nahe. Sie selbst lebt mit ihrer Lebensgefährtin in Cambridge und ich denke, sie hat auch einige Lebenspunkte im Roman verankert.

Auch in diesem Werk bleibt die Kennzeichnung der wörtlichen Rede aus. Ein Wechsel zwischen auktorialer und Ich-Erzählperspektive  durchzieht den Roman.

Für mich zeichnet diesen Roman außerdem aus, dass es ein Roman ist, der erobert werden möchte. Eigentlich wollen wir Romane erobern, in dem Fall ist es aber andersrum. Anspruchsvolle Literatur erwartet den Leser, aber der Ehrgeiz sich in den Wortestrom aus der Smith-Feder zu werfen, wächst von Seite zu Seite.

Von Gleich zu Gleich -
Von Gleich zu Gleich – Amy & Ash

Zahlreiche Zitate habe ich mir notiert oder besser gesagt, es haben mich regelmäßig poetische Worte überfallen und innehalten lassen. Diese Worte sind so gewaltig, dass sie ab und an Amy und Ash vergessen machten und mich als Leserin so umgarnten, dass ich diese in mein Leben reflektierte.

Ali Smith treibt Tränen in die Augen, lässt verzweifeln, fasziniert, ist außergewöhnlich und umgarnt mit Liebe und ihrer Rätselhaftigkeit.

Unabhängig vom Inhalt, liebe ich den Titel des Romans. In ihm steckt so viel und er lässt mich immer an uns Literatwos denken. Von Gleich zu Gleich – so geht es uns ständig. Entweder es geht uns gut oder es geht uns schlecht. Oftmals, was nicht immer gut ist, ereilt uns das gleiche bzw. ähnliche Schicksal. Aber dieses Gleiche kann auch Herzensdinge betreffen. Wir sind dafür bekannt, dass vor allem buchige Schätze in unserer literatwoischen Villa doppelt vorhanden sein müssen. Wir sind eben innerlich gleich.

Lieber Arndt, ich gratuliere dir ganz herzlich zu deinem Geburtstag.

Fühl dich umarmt!

Bini.

Von Gleich von Gleich -
Von Gleich von Gleich – Prosawortgewalt

Literatwon Geheimtipp am Rande:

Ein klein wenig Recherche hat mich auf einen Buchandlungsgeheimtipp für unsere homosexuellen Freunde und Leser gebracht.

In Österreich gibt es Löwenherz – die Buchhandlung für Schwule und Lesben“ – das ist ja mal absolut genial. Wir wussten nicht, dass es solch eine geniale Buchhandlung gibt. Ihr könnt sogar online bestellen. Buchdaumen hoch!

[FUCK] Jetzt wirds „mafiös“ bei uns…

MALAVITA - jetzt knallts...
MALAVITA – jetzt knallts…

Fuck – hier im Sinne von VERDAMMT oder wobei…

„Fuck“ ist Frederick Blakes, eigentlich Giovanni Manzonis, absolutes Lieblingswort. Aus seinem Mund kann es aber auch bedeuten: „Mein Gott, in welche Bredouille bin ich da geraten“ oder „ Was für ein Spitzenfilm“ oder „Dafür wird der Kerl eines Tages büßen“.

Das Wort „Fuck“ bleibt in Erinnerung – egal ob ihr das Buch lest oder den Film schaut oder beides – es wird zum Running-Gag. Aber mal von vorn.

Wer ist eigentlich dieser Frederick Blake? Und was sucht er mit seiner Familie im Ort Cholong-sur-Avre in der Normandie?

Eigentlich ist er, nein, war er, einer der großen Mafia-Bosse in den USA. Die Umsiedlung im Rahmen des Zeugenschutzprogrammes ist allerdings daran schuld, dass er nun in der Einöde sitzt. Doch irgendwie auch er selbst, denn kein geringerer als ER hat einige der Mafiosi hinter Gitter gebracht. Was tut man denn, wenn man am besten mit niemandem sprechen sollte, geschweige denn nicht auffallen sollte? Man schreibt.

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Oder?

Die alte Schreibmaschine im neuen Zuhause verleitet Fred dazu, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Auf die Frage des Nachbars antwortet er allerdings, dass er über die Landung der Alliierten schreibt. Dass er sich jetzt als Autor versucht, bringt seine Familie zum Augenverdrehen. Ehefrau Maggie versucht die weiße Weste zu wahren und mimt die nette Hausfrau von nebenan, während Belle allen Männern in ihrer Nähe den Kopf verdreht und ihr Bruder Warren in der Schule nach und nach die Macht ergreift.

Keiner der Familie Blake hat wenig Temperament und so liegt es auf der Hand, dass die Tarnung von Tag zu Tag oder besser von Stunde zu Stunde schwindet. Zumal Fred immer noch sehr gern plaudert und dies auch gern über die guten alten Zeiten. Die mitgereisten FBI-Agenten haben rund um die Uhr zu tun, um die Familie zu beschützen. Mehrere Killer würden alles dafür tun, um Giovanni und seine Familie zu finden und umzubringen. Der Hass ist groß und die Mafiosi bringen die Gitterstäbe in den USA zum Wackeln. Familie Manzoni soll aufgespürt werden und durch ihr immer auffälligeres Verhalten, wird dies nach und nach zum Kinderspiel.

Aber so einfach ist es nicht, einen Giovanni Manzoni aus dem Weg zu räumen…

MALAVITA – mafiöses Filmvergnügen

Bevor ihr mit dem Lesen beginnt, schaut, dass ihr einen sicheren Platz findet. Ja genau, ein gutes Versteck, in dem euch die Mafia keinesfalls finden kann. Dann, aber nur dann, solltet ihr mit „Malavita“ starten. Euch erwartet eine Mafia-Komödie, die unvergleichlich genial ist.

Autor Tonino Benacquista ist der Meister des schwarzen Humors und seine vier Hauptprotagonisten sind einfach jeder für sich der absolute Hammer. Der mafiöse Funken springt auf den ersten Seiten sofort über und ich bekomme schon Lachmuskelkater, wenn ich den Roman nur im Regal stehen sehe.

Wer mal richtig lachen möchte und diesen speziellen trockenen und schwarzen Humor mag, kann an Malavita (carl´s books) nicht vorbeigehen. Ein Roman der einfach anders ist. Schon das Cover zeigt, dass es abenteuerlich und gefährlich wird. Richtig irritierend wird dann die erste Aufgabe für die Augen, denn die Innenseite des Paperbacks hat es in sich. Schaut mal rein…

MALAVITA - jetzt knallts...
MALAVITA – Tonino Benacquista

Der absolute Oberknaller ist aber, dass nur um einen Monat versetzt, der Film zum Buch das Licht der Kinosäle erblickte. Klar, dass ich umgehend ins Kino musste. Wer die Namen Robert De Niro, Michelle Pfeiffer und Tommy Lee Jones hört, wird sofort abwinken und überhaupt nicht wissen wollen, um was es inhaltlich geht. Die Erfahrung habe ich gemacht, als ich über das Buch erzählte und den Film erwähnte. Denn diese Besetzung schreit förmlich danach, den Film zum MUSS zu erklären. Geht es euch ähnlich? 

Zumindest sind sogar mir, als absoluter Kino- und Filmmuffel, diese drei Schauspielgrößen bekannt. 🙂

Der Besuch im Kino war sehr anstrengend und wirkt immer noch nach. Die Lachmuskeln schmerzen von vorne bis hinten, die Lachtränen sind noch nicht getrocknet und einige Szenen spielen sich immer wieder im Kopf ab. Der Humor ist einfach grandios und so schwarz wie die Nacht und er kommt so trocken und immer wieder unerwartet daher. Herrlich.

MALAVITA - The Family
MALAVITA – The Family

Malavita – The Family absolut sehenswert und es ist einfach nur grandios, das Buch davor und danach noch einmal zu lesen. Nehmt den Roman am besten mit ins Kino. Ich habe es bitterlich bereut, ihn auf meinem Leseplatz daheim liegen gelassen zu haben. Die Umsetzung des Romans ist einfach grandios. Meine Freude auf den Film steigerte sich von Seite zu Seite und ich war mehr als gespannt, ob bestimmte Lieblingslesestellen auch genauso umgesetzt werden. Genial. Ich wurde keinesfalls enttäuscht und die meisten Sätze sind 1:1 übernommen. So sollte es sein!

Die Schauspieler könnten nicht passender sein und einige Sätze musste ich nach dem Film nochmals lesen. Autsch. Beim Schreiben dieser Zeilen muss ich schon wieder lachen.

Damit ihr mitlachen könnt, solltet ihr euch „Malavita“ gönnen. Mit dem roten Cover ist es wie gemacht zum Verschenken – Weihnachten naht und wie ihr uns kennt, haben wir auch eine Überraschung parat.

Augen offen halten!

Malavita-Lachmuskelkater- und Mafiahochgenussrezept:

Zutaten:

„Malavita“ in Buchform von Tonino Benacquista

Kinokarte für den Film „Malavita – The Family“

Zubereitung:

Man suche sich einen sicheren Leseplatz und verschlinge das Buch. Anschließend erwirbt man eine Kinokarte und schaut den Film. Kurz danach sollte man den Leseplatz auf Sicherheit überprüfen und erneut in den Roman eintauchen.

Voilá!

Der Malavita-Lachmuskelkater und der mafiöse Hochgenuss ist perfekt. 

[Australien] Julie Leuze im Gespräch

Julie Leuze – Genrevielfalt

Am 13. November stellten wir euch den historischen Roman Der Duft von Hibiskus von Julie Leuze vor. Nicht nur der Roman ist spitzenmäßig, auch die Autorin selbst ist super nett. Der Kontakt ist einfach herzlich und wir sind stolz, dass sie unseren Artikel auf ihrer Homepage nicht nur verlinkt, sondern auch mit ihren Worten versehen hat.

Julie Leuze begeistert auch mit ihrem Interview durch und durch und wir haben uns entschieden, auch bald ihr Jugendbuch „Der Geschmack von Sommerregen“, vorzustellen. Einige von euch haben es sicher schon in den Buchhandlungen entdeckt und vielleicht sogar schon gelesen. Wir freuen uns sehr darauf!

In der Zwischenzeit ist der zweite und letzte Teil „Der Ruf des Kookaburra“ erschienen und ruft bereits laut. Wir lesen ganz bald los und werden ab sofort zur Buchwegbegleitung.

Wir wollten mehr von und über Julie Leuze wissen und haben sie kurzerhand interviewt.

Julie Leuze – Autorenhomepage

Wann kam dir die Idee zum Roman? Bist du schon immer von Australien angetan und warst du selbst schon da?

Die Idee kam mir im Sommer 2010. Ich wollte die Geschichte um Emma und Carl auf einem Kontinent verankern, der gefährlich, exotisch, romantisch und vor allem sehr weit weg von Emmas Heimat ist. Weiter als in den australischen Busch kann sie kaum fliehen – und trotzdem holt ihre Vergangenheit sie ein! So muss Emma erkennen, dass sie sich dem, was geschehen ist, stellen muss, egal wohin sie geht.

Ich selbst finde Australien faszinierend, aber leider war ich bisher nur in Gedanken dort, über Bücher, historische Reise- und Expeditionsberichte und DVDs.

Warum spielt der Roman nicht in der Gegenwart, sondern so weit in der Vergangenheit, im Jahr 1858?

Na ja, weil es ein historischer Roman ist. 😉

Im Ernst, ich finde das sogenannte lange 19. Jahrhundert sehr spannend und habe mich auch während meines Geschichtsstudiums darauf konzentriert. Da liegt es für mich nahe, meine historischen Romane in dieser Zeit anzusiedeln.

Bilder vor Augen

Welches Bild hattest du beim Schreiben vor Augen? Bist du beim Schreiben selbst von Pflanzen umgeben bzw. findet man einen Hibiskus?

Tatsächlich wachsen zwei Hibiskus-Sträucher in unserem Garten, aber das ist Zufall. Vor Augen hatte ich beim Schreiben verschiedenste Bilder, mein ganzes Arbeitszimmer war damit gepflastert: aufgeschlagene Bildbände, Kopien zeitgenössischer Porträts, Postkarten, alte Stiche, DVD-Hüllen… es war sehr unordentlich und sehr inspirierend.

Von dir wurden drei Bücher in diesem Jahr bisher veröffentlicht und bald folgt sogar das vierte. Wie bewältigst du dieses wahnsinnige Pensum?

Dass dieses Jahr so viele Bücher von mir erscheinen, hat v.a. etwas mit der Planung der Verlage zu tun. Ich schreibe ziemlich gleichmäßig ein bis zwei Romane pro Jahr, aber sie kommen nicht gleichmäßig raus – so dass dieses Jahr vier Bücher erscheinen, nächstes Jahr nur eines.

Du schreibst nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Jugendliche ab 14 Jahren. Welche Veränderungen gehen beim Genrewechsel in dir vor? In welchem Genre fühlst du dich wohler oder war dies ein einmaliger Ausflug ins Jugendbuch?

Ich mag sowohl den Erwachsenen- als auch den Jugend- bzw. New Adult-Bereich, und ich bin froh, dass ich mich nicht auf ein Genre beschränken muss. Jedes Genre hat seine Vorteile, jedes spricht andere Seiten in mir selbst an.

Tatsächlich bin ich wohl ein bisschen anders, wenn ich an einem Roman für Jugendliche  bzw. junge Erwachsene schreibe: Ich höre andere Musik, lese andere Bücher, habe ein anderes Lebensgefühl, als wenn ich an einem historischen Roman arbeite. Das ist spannend, manchmal aber auch seltsam, wenn ich vormittags völlig in die Gefühlswelt einer Siebzehnjährigen eintauche und nachmittags dann Auseinandersetzungen mit meinem pubertierenden Sohn habe, wo mir schlagartig bewusst wird: Hey, du stehst jetzt wieder auf der anderen Seite! 🙂

Ein einmaliger Ausflug ins Jugendbuch war „Der Geschmack von Sommerregen“ nicht, im April 2014 erscheint bereits mein nächster Roman bei Egmont INK: „Sternschnuppenträume“.

Julie Leuze – Australien ruft

Welche Charaktereigenschaften schätzt du an Emma? Könnte sie auch deine Freundin sein?

Ich schätze ihren Mut, ihren Durchhaltewillen und ihre Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen und sich dadurch weiterzuentwickeln. Als Freundin hätte ich sie gerne – aber erst in Australien, wenn Carl an ihrer Seite ist statt Ludwig. 😉

Carl bezeichne ich als Hach-Carl, denn er ist ein toller Mann mit vielen Emotionen und echtem Tiefgang. Ein Mann zum Verlieben. Hast du ihn beim Schreiben ebenso angeschmachtet?

Angeschmachtet ist vielleicht das falsche Wort, aber toll finde ich ihn schon. Wenn ich meine Figuren nicht lieben, nicht mit ihnen warm werden würde, dann würde mir auch das Schreiben keinen Spaß machen. Je mehr ich für meine Figuren brenne – für Männer und Frauen -, desto stärker liebe und leide ich mit ihnen, desto inspirierter fliege ich durch die Seiten, desto öfter bin ich im Flow und desto glücklicher macht mich das Schreiben.

Amalie Dietrichs Forscherpersönlichkeit steckt in allen Charakteren. Ist sie die Auslöserin für die Australien-Reihe?

Die Auslöserin ist sie nicht, doch Amalie Dietrichs Leben hat mich darin bestärkt, Emma ihren ungewöhnlichen, abenteuerlichen Weg zuzumuten und ihr schließlich ein Dasein als Forscherin zu gönnen.

Wie viel von dir selbst, von Julie Leuze, steckt in deinem Roman?

In jedem Roman steckt ein bisschen was von mir: Themen, die mich beschäftigen, Charaktereigenschaften von Menschen, die mich anziehen oder abstoßen, Länder oder Zeiten, die mich faszinieren und in die ich schon immer mal eintauchen wollte. Trotzdem sind Figuren und Geschichten natürlich Fiktion.

Julie Leuze – schreibt und schreibt und schreibt

Im Roman spielt das Thema Missbrauch eine wichtige und große Rolle. Hast du es aus bewussten Gründen gewählt?

Ja. Ich wollte Emma erkennen lassen, dass sie sich nicht unterwerfen muss, um Liebe und Glück zu erfahren. Im Gegenteil: Zwischen Emma und Ludwig geht es in Wirklichkeit bloß um Macht, und Emma zerbricht beinah an dem, was sie für Liebe hält.

Emma und Carl hingegen lieben sich wirklich, was dazu führt, dass sie sich gegenseitig aufrichten, ermutigen und respektieren. Erniedrigung – seelische oder körperliche – hat in ihrer Liebe keinen Platz.

Wenn du nicht beim Schreiben zu finden bist, wo bist du dann?

Mit Mann und Kindern überall, mit Freunden im Restaurant, mit meinem Hund im Park, mit einem Buch vor dem Kamin, mit vollen Wäschekörben im Waschkeller (drei Kinder machen VERDAMMT viel Wäsche) – und dann doch wieder vor dem Mac, denn allzu lange halte ich es ohne das Schreiben gar nicht aus.

Liest du als Autorin, wenn die Zeit dazu da ist, selbst gern und wenn ja, welches Genre? Wie heißt dein Lieblingsroman?

Klar lese ich gerne! Jeden Tag. Sachbücher nach meinem aktuellen Interesse, Romane querbeet. Ein bisschen Liebe sollte in meinem Lesestoff immer vorkommen, allzu brutal hingegen mag ich es nicht. Im Moment lese ich gerne Jugend-Fantasy, auch wenn alle Welt davon genug zu haben scheint. Ich nicht! 😉

Einen Lieblingsroman habe ich nicht, denn würde ich mich jetzt für einen entscheiden, würden mir in den nächsten Tagen Dutzende einfallen, die ich mindestens genauso gerne gelesen habe.

Julie Leuze – „Der Duft von Hibiskus“

Welche Frage würdest du in einem Interview gern gestellt bekommen und wie würde die Antwort darauf lauten?

In ein paar Jahrzehnten:

Frage, fassungslos: „Frau Leuze, schreiben Sie wirklich immer noch gerne?!“

Antwort, verträumt: „Oh JA!“

Das erhoffe ich mir.

Vielen lieben Dank!

[Australien] Der Duft von Hibiskus – Julie Leuze

Der Duft von Hibiskus – beim Lesen erblüht

Ohja, ihr seht richtig, denn wir haben uns mal wieder an ein Genre gewagt, welches bei uns wirklich selten oder sagen wir besser, bisher noch gar nicht wirklich vertreten ist. Aber wir wollen endlich mal ein paar kleine Vorurteile, die es da vielleicht bisher bei uns gab, (ohja die gab es), aus dem literatwoischen Leseweg räumen.

Beim Genre „Chick-lit“ haben wir es bereits getan und auch bei diesem Roman, welchen wir ins Genre historische Frauenliteratur einordnen, tun wir es wieder.

Unsere Scheu, ja doch, so konnte man sie bisher nennen, haben wir nun verloren, denn Julie Leuze hat sie uns genommen. Die Skepsis war natürlich in einer speziellen Größenordnung vorhanden und diese wurde richtig eingestampft. Wir lesen wohl in Zukunft immer mal in die historische Richtung. Erblühend!

Der Duft von Hibiskus – australische Leseluft

1858: Literatwo befindet sich mit der jungen Apothekerstochter Emma Röslin aus dem Süden Deutschlands mitten auf dem Ozean. Nur wenige Zeit später legen wir mit Emma an und betreten absolutes Neuland.

Australien.

Fern ab der Heimat soll jetzt eine neue Zukunft für uns bereit stehen, die Vergangenheit soll sich immer weiter in den Hintergrund drängen. Doch ebendiese Vergangenheit ist für die 22-jährige ziemlich dunkel.

Ihre Erinnerungen sind schwach und sie weiß recht wenig, als sie aus der Bewusstlosigkeit erwachte. Drei Tage fehlen in ihrem Gedächtnis und seitdem ist alles anders. Ihre Mutter ist weg, ihr Klavierlehrer Ludwig kommt nicht mehr vorbei und das herzliche Verhältnis zu ihrem Vater ist von einer kalten Eisschicht überzogen. Emma fühlt sich allein, unwohl und eine sich bietende Chance scheint für sie der Ausweg.

Der Duft von Hibiskus – historische Frauenliteratur

Australien.

Botaniker Oskar Crusius möchte Emma mit zur Expedition nehmen, als Ersatz für seinen kranken Assistenten. Die Pflanzenzeichnungen von Emma und ihr botanisches Interesse überzeugen ihn vollends und Emma kann ein neues Leben beginnen.

„Der Tod gehört in meine Träume, dachte sie. Aber meine Tage und meine Arbeit gehören dem Leben. Deshalb bin ich ans andere Ende der Welt gereist – weil ich den ständigen Schatten des Todes nicht mehr ertragen habe.“

Doch Emmas Vorstellungen von einem einfachen Neubeginn lösen sich schnell auf, denn Carl Scheerer, Expeditionsleiter, zeigt ihr sofort, dass er sie nicht in seinem Team wünscht und am liebsten zurück nach Deutschland schicken würde. Emma jedoch ist voller Mut und Ehrgeiz und möchte ihr Können unter Beweis stellen, was ihr immer mehr gelingt. Tief im australischen Regenwald kommt in Emmas Gedächtnis immer mehr die Vergangenheit zum Vorschein und der Nebel lichtet sich.

Der Duft von Hibiskus – Regenwald

Emmas Kampf beginnt – ein Kampf im Jetzt und Hier, ein Kampf um die Erinnerungen und ein Kampf in Richtung Zukunft. Nicht nur Aborigine Birwain hilft ihr, sondern auch Carl, der seine Meinung von Emma zu ändern beginnt. Doch die Gefahr lauert überall…

Ich bin absolut begeistert vom Roman und dem Schreibstil von Julie Leuze. Ehrlich gesagt, hätte ich diese Abenteuerflut und Wortgewalt nicht vermutet. Der Ausflug in den Regenwald war mehr als bewegend und gespickt von Gefahr, aber auch durchzogen vom zarten Band der Liebe. Emma ist eine wahnsinnig starke Frau, angelehnt an Amalie Dietrich, Deutschlands bedeutendste Australien- und Naturforscherin. Eine bewundernswerte Person, die nicht nur im Malen von Pflanzen Talent hat. Sie ist wahrlich groß. Ebenso habe ich mich in Carl verliebt und ihn sofort in Hach-Carl getauft.

Der Duft von Hibiskus – dunkle Vergangenheitsschatten

Julie Leuze schafft es, im australischen Regenwald Bäume zu versetzen und die wilden und unerforschten Gebiete zu einem großartigen Schauplatz zu verwandeln. Sie bringt mit ihrer handvoll Protagonisten den fernen Kontinent Australien nah und zieht ein breites Themenband, welches auch heute noch aktuell ist.

Der Duft von Hibiskus (Goldmann) ist für uns ein Roman, der wohl vorwiegend die weiblichen Leserinnen begeistern wird. Die Protagonistin Emma ist mir selbst schnell ans Herz gewachsen und ich werde sie bald wieder begleiten, denn in wenigen Tagen erscheint Der Ruf des Kookaburra“.

Wir Literatwos sind also bald wieder in Australien anzutreffen!

Julie Leuze trifft Literatwo auf der Frankfurter Buchmesse

Liebhabern des historischen Genres können wir nur empfehlen, die Reise nach Australien anzutreten, denn ihr werdet einen echten Schatz finden, eine regelrechte Perle. Auch die optische Aufmachung in hochwertiger Klappenbroschur des Romans ist wundervoll. Julie Leuze solltet ihr für euch entdecken und die absolut sympathische Autorin, welche ich schon persönlich auf der Frankfurter Buchmesse kennenlernen durfte, wollen wir euch bald näher in einem Interview vorstellen.

Hinter zarten und malerischen Covern steckt oftmals eine gewaltige Geschichte die entdeckt werden muss! Entdeckerinnen ~ macht euch auf den Leseweg!

Ein großer DANK an Peggy Steike (Atelier für politische und Auftragsmalerei) die für den Artikel zwei ihrer selbstgemalten Bilder zur Verfügung stellte!

Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne – Alice Kuipers

Alica Kuipers -
Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne – Kuipers Werke

„Ich wollte dir noch was erzählen.“ – mit diesen Worten beginnt der Roman von Alice Kuipers. Amy, Bird genannt, was ihrem Sturz von einem Baum zuzuschreiben ist, ist 17 Jahre, steht mit beiden Beinen fest in ihrem jugendlichen Leben und hat sich etwas aufgebaut, von dem sie noch Niemandem erzählt hat.

Cleo, die Luxus liebende und im Luxus lebende beste Freundin darf es als erste erfahren. Bird nennt sich Miss Like2Bperfect und betreibt seit einiger Zeit eine Website, auf der sie anderen Jugendlichen Ratschläge gibt und ihre Fragen beantwortet. Rund um das Thema Liebe, Eifersucht, Partnerschaft und Sex. Obwohl sie selbst noch keinen Sex hatte und ihren Freud Griffin immer vertröstet und das erste Mal hinauszögert, versucht sie Rat zu geben. Cleo reagiert aufgeschlossen und findet die Idee ganz gut und wird selbst sofort um Rat gefragt, denn einige Dinge kann Bird einfach noch nicht beantworten.

Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne_Alice Kuipers_Bücher_spacer

Bird geht in ihrer Rolle der Onlineratgeberin voll auf und schafft es weitgehend, für alle Lebenslagen einen Lösungsansatz mitzuteilen. Zudem eröffnet sie eine Kategorie namens Specials, in denen sie Extratipps und Gedanken festhält.

SPECIAL NO. 1: DU WEISST NIE, WAS ALS NÄCHSTES KOMMT – UMARME DAS UNERWARTETE!

Sie möchte dennoch nicht, dass jemand von ihrer Ratgeberleidenschaft erfährt. Sie selbst hat zum Glück keine großen Probleme, einzig eben nur der Wunsch von Griffin, endlich mit ihr schlafen zu können. Bird fühlt sich dazu aber noch nicht bereit und sie merkt immer mehr, dass ihr ein großes Stück Liebe zu ihm fehlt. Es ist nicht einfach, aus einem besten Kumpel einen richtigen Freund zu machen und tiefe Liebe zu entwickeln.

Ihre Eltern führen eine gute Ehe, soweit sie das beurteilen kann, sie will bald auf der Eliteuniversität in Oxford studieren und sie hat Cleo, die immer für sie da ist. Ihr Leben scheint perfekt und sie geht mit ihrem Onlinenamen Hand in Hand.

Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne
Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne – Unbeschwertheit

Doch dann kommt Pete um die Schulecke gelaufen und Bird beginnt aufgeregt mit den Flügeln zu schlagen. Ein Junge, der ihr Schmetterlinge im Bauch verursacht und doch das totale Gegenteil von ihr ist und überhaupt keine Ziele hat, raubt ihr den Verstand. Es kommt, wie es scheinbar kommen musste und Bird fällt aus ihrem wohlbehüteten Lebensnest.

SPECIAL NO. 10: ES HEISST: SCHWIMMEN ODER UNTERGEHEN

Alice Kuipers – Achtung – diesen Namen solltet ihr euch notieren. Ich bin hin und weg von der Schreibe der Autorin und schwer vom Roman begeistert. Vielleicht kennen sogar einige ihren erfolgreichen Roman „Sehen wir uns morgen?“.

Mit „Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne (Fischer Verlag – KJB) hat sie ein Werk geschaffen, in dem sich wohl jeder Jugendlicher wiederfindet. Auch als erwachsener Mensch stecken so viele Erinnerungen darin, vor allem an die Zeit, in der die erste Liebe, überhaupt die ganze Pubertäts- und Findungsphase, losging.

Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne_Alice Kuipers_Zwischen den Seiten
Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne – Blick ins Buch

Bereits das grobe Durchblättern lud mich ein, in diesen Roman einzutauchen. Es gibt Romane, deren Schriftbilder so angenehm für den ersten Blick sind, dass ein Widerstehen unmöglich ist. Zumal sich dieser noch auflockert, denn im Roman sind Blog-Einträge, Listen, E-Mails und SMS vorhanden. Diese sind jeweils in anderen Schriftarten abgedruckt. Auch der Titel des Romans ist einmalig und vor allem passt er oder besser passen beide mehr als gut.

SPECIAL NO. 21: SEI GLÜCKLICH!

Bird, ich mag sie gern Amy nennen, ist mir sehr schnell ans Herz gewachsen. Sie ist eine aufgeschlossene Person, die einen geraden Weg vor Augen hat und versucht, für andere da zu sein. Dennoch ist ihre größte Schwäche, Dinge richtig zu thematisieren, vor allem Dinge bzw. Lebenssituationen, die sie selbst betreffen. Lieber redet sie über anderer Menschen Gefühle und hilft ihnen aus unschönen Situationen, als sich selbst in vollem Umfang zu betrachten. Fehler sind für sie ein Fremdwort und die heile Welt ist ihre Tagesordnung. Dass sie nicht perfekt ist, stellt sich sehr schnell heraus.

Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne - Unbeschwertheit
Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne – Miss Like2Bperfect

Das Thema Schwangerschaft ist Schwerpunkt des Romans und Alice Kuipers hat wirklich Ahnung, damit umzugehen. Sie hat sich für dieses Thema keine leichte Protagonistin herausgesucht, macht aber gerade dies interessant und jeder Leser kommt wohl kaum von Amy los.

Die Autorin zeigt auf, wie schnell Lebenspläne sich verändern können und das nur durch eine kleine Unachtsamkeit. Und doch zeigt sie ebenso auf, dass es immer eine Lösung gibt, immer. Irgendwie jedenfalls und auch Amy muss dies begreifen.

SPECIAL NO. 33: ZIEHE KEINE VOREILIGEN SCHLÜSSE

Diesen Roman muss ich einfach uneingeschränkt empfehlen. Vor allem und wahrscheinlich auch nur Mädchen, Mädchen die gerade in den Kinderschuhen zum Erwachsenwerden stecken. Mädchen ab 14, Mädchen denen ihr erstes Mal noch bevor steht.

Alice Kuipers zeigt die innere Zerrissenheit eines Mädchens auf mit all ihren Sorgen, Ängsten und ihrem Schutz, der sich Website nennt. Sie lässt Amy absolut realistisch Berg- und Talfahrten in ganzem Umfang spüren.

Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne -
Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne – Alice Kuipers

Sie schreibt so authentisch, dass keine einzige Stelle unecht wirkt. Die Blogeinträge und Emails von MissLike2Bperfect sind ebenso durchdacht, es könnten Fragen aus der Zeitschrift Bravo sein, denen Amy sich stellt. Die Handlung an sich ist mehr als schlüssig und stark konzipiert.

Am Ende des Romans bleibt das Tränchenverdrücken nicht aus und doch bleibt die Gewissheit, dass irgendwo immer ein Hoffnungskeim auf seinen Einsatz wartet. 5 Fragen mit umfassenden Antworten findet der Leser als Extrabonus im Buch.

Wow, wow, wow, ich bin einfach hin und weg. Trotz des schwierigen Themas, den vielen Gefühlsebenen, der dennoch stetigen Wortlockerheit und diesem Facettenreichtum des Schreibstils, bleibt noch Platz für eine Portion Poesie.

Alice Kuipers – DANKE für diese 344 Seiten voller Abwechslung, denn trotz des Themenschwerpunktes wird es auf keiner Seite langweilig oder vorhersehbar und die 40 Specials sind grandios.

NUMMER 40: LIEBE IST ALLE RISIKEN WERT

[Kids] Kinderbücher bei uns?

Katja Alves
Katja Alves im Gespräch

Die Frankfurter Buchmesse ist vorbei und irgendwie steckt sie immer noch in unseren Knochen. Aber wie wir alle wissen, nach der Messe ist vor der Messe und im nächsten Jahr geht es in Leipzig weiter, in diesem Jahr sogar noch in Dresden. Die Schriftgut ruft und Literatwo ist am Planen.

In Frankfurt haben wir wieder so einige Schätze entdeckt und spontan kam uns die Idee mal ein paar Bücher vorzustellen, die nicht in unser Lesemuster passen. Ein richtiges Muster haben wir zwar auch nicht, aber bisher seid ihr wohl nicht gewohnt, auch mal eine Empfehlung aus dem Kinderbuch-Bereich zu bekommen.

Wir wollen euch gleich 3 Bücher aus dem Hause Arena in einem Artikel vorstellen, sozusagen eine herbstliche 3 in 1 Empfehlung. Alle drei stammen aus der Schreibfeder von Katja Alves. Die in der Schweiz lebende Autorin hat uns im Gespräch total begeistert und es geschafft, dass wir uns ihren Büchern sofort widmen.

Der Muffin-Club - Die süßeste Bande der Welt (Band 1)
Der Muffin-Club – Die süßeste Bande der Welt (Band 1) – Illustrationen © Elli Bruder

Was für uns vielleicht ein recht kurzes Lesevergnügen an einem Abend war, ist für kleinere Leser ein langfristiges Lesevergnügen über mehrere Abende. Egal ob kurz oder lang, in Katja Alves Büchern steckt viel Stoff und jede Menge Spaß.

Die Mädels vom Muffin-Club sind allerliebst. Vier sind es an der Zahl und in jedem der insgesamt 4 Bände, hat eine der jungen Damen das Wort.

Im ersten Band – „Die süßeste Bande der Welt„- erfahrt ihr aus der Sicht von Lulu, die in 567 Tagen 10 Jahre alt wird, wie es zur Gründung der Bande kam. Das Schulfest steht an und Lulu, die unbedingt etwas richtig Tolles erfinden würde, macht sich Gedanken, was sie dazu beitragen kann. Wir wäre es denn mit Riesenmikado? Oder wie wäre es mit einem Riesenkuchen der immer wieder nachwächst?

Und dann kommt es zur Clubgründung, die wir wirklich klasse finden. Aber der Club ist streng geheim. Wir wollen von diesem Geheimnis auch wenig enthüllen. Die Namen von den Mädels können wir euch aber schon verraten. Lin, Miranda, Tamtam und Lulu gehörten zur Bande und die Abkürzung KCS (klug, clever, schlau) wird euch durch die Seiten begleiten.

Achja, natürlich gibt es auch ein Mädchen, was nicht so wirklich nett ist. Sie heißt Ines…

Die Muffin-Club
Die Muffin-Club – Katja Alves – Autogramm

Die süßteste Bande der Welt kennen wir nun, da liegt es nahe, dass wir wissen wollen, was passiert, wenn die vier Freundinnen loswirbeln.

Bei mehreren Teilen ist es total genial, wenn der zweite schon bereit liegt. Der Einstieg fiel uns wirklich leicht, denn Katja Alves widmet sich im zweiten Band der süßen Miranda. Sie liebt die Mode und würde sich am liebsten den Namen Schanel Miller geben. Bevor ihr Abenteuer beginnt, blickt sie auf die Anfangszeit des Muffin-Clubs zurück. Einfach herrlich, ein echtes Mädchen.

Ihr müsst wissen, Miranda mag überhaupt kein Ballett. Dennoch muss sie zu den Stunden gehen und die Schuld daran trägt ihre Mutter. Diese geht nämlich zu einem Therapist, so in der Art jedenfalls und von dem hat sie die Info, dass es für Kinder gut ist, wenn sie mit anderen Kindern zusammen sind.

Die Ereignisse beginnen sich sehr schnell zu überschlagen. Miranda braucht ein Ballettkostüm, ihr Kindermädchen Lea nervt sie täglich und dann kommen auch noch ihre Cousins Paulchen und Pino zu Besuch.

Achja, Ines ist auch beim Ballett…

Der Muffin-Club - Vier Freundinnen wirbeln los!
Der Muffin-Club – Vier Freundinnen wirbeln los! Illustrationen © Elli Bruder

Wir sind auf jeden Fall schon sehr gespannt, wie es mit den vier Mädels weitergehen wird. Die Autorin hat uns verraten, dass sie gerade mit der schüchternen Lin unterwegs ist. Mal sehen, was sie aus ihr herauskitzeln kann. Sie hat uns schon ein wenig verraten und die Mädelsbande hats uns wirklich angetan.

Auf die Frage, warum der Club nach Muffins benannt ist, gibt es eine herrliche Antwort. Frau Alves mag Muffins, weil sie eben immer wieder anders gebacken werden können und ihr Aussehen immer variiert. Der Name „Muffin“ ist einfach cool.

Alle jungen und frechen Bandenmädels, werden ihre wahre Freude beim Lesen haben. Die Illustrationen von Elli Bruder sind herzallerliebst und alle Bände sind sehr rosa- und lilalastig. Richtige Mädchenbücher eben!

Für den zusätzlichen Lesehingucker neben der großen Schrift sorgen die dicken rosanen Worte. Diese stechen dem Leser sofort ins Auge und vertiefen den Handlungskern.

Aber Achtung – beim Lesen kommt Lust aufs Backen und vor allem aufs Muffinessen auf 🙂

Unsere lieben Kids aus St. Alban sind übrigens ab demnächst auch im Muffin-Club – die Buchpost ist schon fast auf der Reise.

Karlottas fantastische Tierpension -
Karlottas fantastische Tierpension – Katja Alves – Illustrationen © Elli Bruder

Ein Werk für Erstleser stammt auch aus der Schreibefeder von ihr und auch dieses ist wundervoll illustriert. Karlottas fantastische Tierpension

Wollt ihr mal raten, wer die Illustratorin ist? Richtig, es ist Elli Bruder. Ein wirklich gutes Gespann, denn Frau Alves ist mit allen Bildern zu ihren Worten rundum zufrieden. Es hätte ja auch anders sein können, oder? Ein gutes Gespannt und im Vergleich zu uns, haben wir kaum Unterschiede und sind uns sehr ähnlich in der Art und Weise. Frau Alves schreibt und hinterher kreiert Frau Bruder die passenden Bilder. Wirklich grandios. Auch wir arbeiten ab und an so – einer textet, einer bildert.

Karlotta heißt die 7-jährige Protagonistin, die ihr wohl gleich ins Herz schließen werdet. Ihr esst bestimmt ebenso gern Sellerie-Kompott wie sie, oder? Ihr könnt euch sicher denken, dass Karlotta keinen Sellerie mag, ihr Kindermädchen Frau Plotz nimmt darauf allerdings keine Rücksicht. Karlotta hat ein großes Herz für Tiere, wie ihr Vater. Dieser nennt sich Prof. Dr. Jens Kieselstein und  ist Tierarzt. Dennoch kein gewöhnlicher, sondern einer mit besonderen Fähigkeiten.

Karlottas fantastische TIerpension -
Karlottas fantastische TIerpension – Leseübungsheft

Wir möchten euch jetzt aber nicht verraten, welche das sind. Aber wir verraten euch noch, dass Karlotta ein ganz großer Tierfan ist und bei ihr bzw. in der Tierpension von ihrem Vater, ganz viele Tiere wohnen. Tierische Tage stehen sozusagen auf der Tagesordnung. Doch was ist, wenn nach und nach die Tiere verschwinden? Und was hat es mit den Schüsseln auf sich?

Eine richtig schöne Geschichte für Erstleser im Alter von 6/7 Jahren oder vielleicht sogar schon eher. Die Kapitel sind kurz und so gegliedert, dass der Lesespaß im Vordergrund steht. Der Bücherbär ist auch dabei. Der ist wirklich niedlich und ziert das Lesezeichen. Also auch ein Hingucker fürs erste kleine Bücherregal.

Am Ende des Büchleins wartet dann noch ein Extra-Leseübungsheft. Rätseln und Malspaß ist garantiert.

Viel Spaß mit diesen drei Empfehlungen aus dem Kinderbuchbereich und vielleicht sind noch nicht alle Wünsche auf euren Weihnachtswunschzetteln ausgeschöpft 🙂

Bücher sind die schönsten Geschenke!

Katja Alves_Spacer

Ach wisst ihr was? Wir haben gerade Lust die drei Schätze zu verlosen. Und wisst ihr noch was? Die drei Schätze sind alle von Frau Alves signiert. Genial, oder?

Und wisst ihr, wie ihr gewinnen könnt? Ihr fragt euer Kind oder Enkelkind, welches der 3 Büchlein es gern gewinnen würde und warum. Postet die Antwort bei uns in einem Kommentar und schreibt uns zusätzlich eine Email an Literatwo@aol.de. Gern dürft ihr den Namen und das Alter des Kindes verraten.

Bis Sonntag 12 Uhr habt ihr Zeit!

Wir hoffen ihr freut euch und wünschen viel Spaß!

Gewinner
Gewinner

Update – 20.10.13:

Soeben haben wir die drei Gewinner gezogen und gewonnen haben:

„Karlottas fantastische Tierpension“ – Manuela

„Der Muffin-Club – Die süßeste Bande der Welt“ – Andrea

und

„Der Muffin-Club – Vier Freundinnen wirbeln los!“ – Lea Jentsch

Wir wünschen euch viel Lesespaß und danken fürs Mitmachen!

Kafkas Puppe – Gerd Schneider

Kafkas Puppe ~ Gerd Schneider

Dresden. Ich stehe auf meinem Balkon, es ist November und der Wind trägt sanft die Zirkusmusikklänge des Sarrasani herüber. Meine Gedanken werden von dem Wind, der nun weiter zieht, aufgenommen und schweben zu Lena, Lenotschka der Seiltänzerin, und zu ihrer Puppe Mira, sowie zu Franz Kafka.

Diese Worte schrieb ich vor über drei Jahren, als ich den Roman das erste Mal las. Heute schreiben wir den 5. Oktober und ich war soeben mit Gerd Schneiders Roman auf dem Zirkusgelände und habe ihm gezeigt, wo der Sarrasani steht. Ein tolles Gefühl, denn ich habe die Seiltänzerin, die mir am Ende des Romans begegnete vor mir gesehen.

Kafkas Puppe

Schneiders Roman hat nach dieser langen Zeit gerufen. Er wollte noch einmal gelesen werden und zwar aus gutem Grund oder eher aus guten Gründen. Wir treffen den Autor und „Kafka-Kenner“ auf der Buchmesse in Frankfurt persönlich, der kleine Roman ist ein echtes Herzstück und dieses Werk soll dringend einen Platz bei uns hier bekommen.

Franz Kafka sitzt wie jede Nacht an seinem Tisch und schreibt. Er schreibt meist an Geschichten, die ein trauriges Ende haben, findet seine neue Frau Dora. Doch dies sollte sich bald ändern…

 „Wie könnte eine Vereinigung größer sein zwischen Liebenden, als dass sie miteinander verschmelzen!“ sagte er, woraufhin Dora erwidertet: „Sie sind verbrannt, das ist es, was bleibt.“

Franz hat Prag hinter sich gelassen, um nun in Berlin mit Dora einen Neuanfang zu wagen. Doch mit der Ankunft in Berlin, weitet sich auch seine Krankheit aus. Tuberkulose.

Kafkas Puppe ~ Gerd Schneider

Kafka schreibt weiter, vor allem nachts. Das Licht brennt und seine Worte verewigen sich auf dem Papier. Bei Tageslicht spaziert er gern durch Berlin, durch den Steglitzer Park.

Lena, ein kleines Mädchen, findet er weinend auf einer Bank. Sie hat ihre Puppe verloren. Mira ist weg, Mira, ihr ein und alles, ihre Familie. Diese Begegnung geht Franz tief ins Herz, er suchte Mira, er möchte Lena ihre Puppe ersetzen. Doch er möchte ihr nicht einfach eine neue Puppe schenken und Mira ersetzen kann er mitnichten, denn Oberst Behrens Collie Karo hat diese zerstört.

Er hat eine andere Idee. Er schreibt. Kafka schreibt Briefe aus Miras Sicht und überreicht sie ihr fortan täglich. Mira ist vor einem Hund geflüchtet und meldet sich nun immer wieder von ihrer Reise. Franz ist Miras Briefeüberbringer und Lena akzeptiert und glaubt dies schnell. Lena wird für Franz ein Tageshöhepunkt, denn er schenkt ihr täglich mit den Briefen ein Stück Hoffnung, ein Stück Leben, ein Stück Mut und ein Stück Fantasie. Sobald allerdings die Steglitzer Kirchturmuhr zwei schlägt, müssen sie sich trennen, denn Lena muss zurück zu ihrer Mutter. Franz Kafka allerdings weiß nicht, dass Lena keine richtige Mutter hat, sondern in einem Waisenhaus wohnt.

Kein Tag vergeht nun ohne dieses Treffen, kein Tag ohne die Geschichte über den Reiseverlauf der zum Leben erweckten Puppe, kein Tag ohne die Begegnung mit Oberst Behrens und seinem Collie Karo, kein Tag ohne tiefe Gespräche mit Dora. Kafka ist bereits schwer krank, doch diese kleine Lena ist für ihn besonders, gibt ihm Kraft zu schreiben und die Möglichkeit einem kleinen Menschen den Lebensbeginn zu verschönern.

Kafka schreibt Briefe

Eine wunderbare, herzzerreißende und doch so einmalig einfühlsame Begegnung voller Liebe, Vertrauen und Halt, vor der Zeit des Krieges und der Konzentrationslager.

Kafka, ist das nicht dieser schwierige Schriftsteller?

Ja ist er und ich gestehe, nie ein Werk von ihm gelesen zu haben. Und doch habe ich es mit diesem Werk von Gerd Schneider nachgeholt und kann mein „Ja“ in ein „Nein“ wandeln.

Gerd Schneider schreibt nicht nur über Franz und Lena, sondern beleuchtet Kafkas Zeit in Berlin, seine letzten Lebensabende. Ebenso blickt er zurück auf die vergangenen Lebensjahre des Schriftstellers. Schneider vollführt in seinem Roman „Kafkas Puppe“ eine Wörterseiltanz und den Spagat zwischen Realität und Fiktion.

Der Autor schreibt gefühlvoll, seine Kapitel benötigen keine Überschriften und sein Werk steckt voller Wissen. Vor allem am Ende bleibt ein Lachenweinenkloß im Halse des Lesers stecken. Kafka war Jude und starb an Tuberkulose, seine Schwester Ottla allerdings, wurde ermordet, im Konzentrationslager Auschwitz.

Nach diesen 218 Seiten fühlt man sich als Kafka-Kenner. Nach diesem teils biographischen Werk ist Kafka für mich eine Persönlichkeit geworden, die nie vergessen werden darf, denn spätestens im Nachwort hat sich dieser Mann in allen Buchliebhaberherzen einen festen Platz gesichert. Kafka findet sich zudem auf Platz drei der französischen Liste Die 100 Bücher des Jahrhunderts wieder.

Kafkas Puppe (Arena Verlag) verbinde ich seit den letzten Seiten, die sich tief in mir verankert haben, mit dem Seiltanz. Ich sehe Lena vor mir, ich sehe ihre Puppe Mira vor mir und ich höre die Zirkusmusik aus dem Zelt des Sarrasani.

Für mich wird es Zeit, demnächst in ein Werk von Kafka selbst einzutauchen. Im Werk Das literarische Kaleidoskop von Regina Kehn, welches wir euch vorstellten, ist von ihm „Kleine Fabel“ zu finden. Gerd Schneider hat auch diese kurz im Nachwort erwähnt. Vielleicht „Briefe an Vater“ oder „Die Verwandlung“ – auf jeden Fall soll bald ein Kafka in meinem Regal einziehen und „Kafkas Puppe“ Gesellschaft leisten.