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Niagarafälle und Handfeuerwaffen

Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco
Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco

Handfeuerwaffen besitze ich keine, an den Niagarafällen war ich allerdings schon. Also, warum nicht wieder hin? Oft verweilte ich noch nicht an Alessandro Bariccos Seite, wenn ich aber an seiner Seite verweilte, dann intensiv. „TORNATE – O MORIRÒ…“ – Arndt hat mich an Seide herangeführt und ich folgte auch seinen Rufen und zog die Smith & Wesson.

Baricco hat schon einmal gezeigt, dass er sich vor allem in schmalen Büchern sprachlich und inhaltlich verausgaben kann. Also setzte ich voraus, dass er mich mit über 100 Seiten ebenfalls fesseln und begeistern wird. Schnell wird klar, dass hinter dem Titelnamen keine Firma steckt, sondern zwei Menschen. Einer trägt den Nachnamen Smith, der andere trägt den Nachnamen Wesson. Beide können einander kaum glauben und einigen sich darauf, sich bei dem Vornamen zu nennen. Diese sind allerdings Tom und Jerry.

Bei uns Lesern ist also nach 20 Seiten das Grinsen schon im Gesicht verankert und die leise Vorahnung, wie es wohl weiter geht, scheint lauter zu werden. Zu den zwei recht sonderbaren Figuren, gesellt sich eine weibliche, namens Rachel, dazu. Dabei wollte Wesson doch eigentlich nur in Ruhe im Bett liegen und seine inneren Organe mit Bohnenpüree wieder in Ordnung bringen. Erst hindert ihn der oberkluge Meteorologe Smith daran, nun kommt auch noch die dreiundzwanzig Jahre alte, von zu Hause weggelaufene und erfolgslose Neu-Journalistin daher.

Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco
Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco

Vorhang auf

Das schmale Buch beginnt nicht nur wie ein bühnenreifes Theaterstück, sondern sieht auch optisch so aus. Das Schriftbild präsentiert ein Bühnenstück, wie auf nachfolgendem Bild zu erkennen ist. Man nehme sich zwei weitere Leser und schon kann man selbst die Szenen nachstellen. Anfangs war ich skeptisch, ob ich mich mit dieser Form anfreunden kann. Es hat aber nicht lange gebraucht und schon hatte ich drei Stimmen im Kopf und das lesende Schauspiel konnte beginnen.

Alessandro Baricco ist und bleibt ein schreibender Meister und er probiert sich gern neu aus, was ihm erneut gelungen ist. Einen Baricco hinterfragt man an dieser Stelle wohl kaum, man liest ihn, man genießt ihn.

Seine gescheiterten Charaktere tanzen nun an den Niagarafällen entlang, um eine Stelle zu suchen, die das Unmögliche wahr machen soll. Eine Stelle die in die Geschichte eingehen und ihre Namen in die Welt hinaus tragen soll. Drei graue Menschen sollen bunt werden…

Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco
Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco

„21. Juni 1902, morgen. Im kristallklaren Licht eines strahlenden Sonnentages wird Rachel Green, dreiundzwanzig Jahre alt, der erste Mensch auf der Welt sein, der die Niagarafälle in einem leeren und leidlich neuen Bierfass hinabstürzen wird. Fortan wird niemand ihren Namen je wieder vergessen können.“ (Seite 93)

Wird dieses Unterfangen von Erfolg gekrönt sein? Kann Rachel endlich mit der Geschichte ihres Lebens Karriere schreiben? Ändern sich die drei Leben oder muss das Scheitern akzeptiert werden?

All diese Fragen beantwortet Baricco auf seine Art. Und am Ende stellen wir Leser fest, dass sich kleine Bühnenstücke genauso sehr in unserem Herz verankern können, wie die großen Romane mit tausenden von Seiten. Es braucht eben nur die richtigen Worte, außergewöhnliche Charaktere die auf den ersten Blick nicht greifbar erscheinen und kleine Wasserspritzer voller Liebe, Freundschaft, Zusammenhalt und auch Mut, das Unmögliche zu wagen.

Passt auf euch auf, wenn ihr an den Niagarafällen seid. Es geht tief runter und doch ist der Blick einmalig, regelrecht gigantisch und kraftvoll.

Eure
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Zum Glück braucht mich niemand

Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg
Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg

Braucht mich niemand?

Zum Glück bemerkt mich niemand…dachte ich von Liv Marit Weberg habe ich im Februar 2015 gelesen. Ein nicht ganz einfach zu verstehender Roman – ich habe mich mit Nanni darüber ausgetauscht und zwar ganz einfach über Whatsapp. Nach unserem Gespräch ging es uns dann mit dem Gelesenen besser.

Nun trudelte in den letzten Tagen das neue Buch von der Autorin ein. Ich war ziemlich überrascht, da ich überhaupt nicht damit rechnete. Im ersten Buch war kein Hinweis zu finden, dass es eine Art Fortsetzung geben wird, denn die hat es auch nicht gebraucht. Dennoch können beide Bücher einzeln gelesen werden, es besteht kein direkter Zusammenhang. Neugierig habe ich mich in das fast gleichnamige Buch begeben. Wurde Protagonistin Anne Lise zuerst nicht bemerkt, wird sie nun nicht gebraucht. Jedenfalls nimmt sie das an.

Innerhalb von einem Tag habe ich mich durch das Buch, welches aus vielen kurzen Kapiteln besteht und mit knackigen Worte zum jeweiligen Inhalt überschrieben ist, gelesen. Und nun fühle ich nach und denke und bin mir wieder nicht sicher, ob ich es empfehlen kann.

Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg
Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg

Erträgt uns niemand?

„Zu schüchtern für eine Beziehung – aber so verliebt, dass es kaum auszuhalten ist.“ – diese recht spritzigen Worten begegnen uns auf dem Rücktext des Buches. Worte die mich erreichen und neugierig machen und kurzerhand ins Buch ziehen. Anne Lise – wir kennen uns sozusagen und eigentlich müsste ich wissen, wem ich da gegenüber trete. Anne Lise – ein recht eigenartiges und vor allem schüchternes Mädchen.

Nun ist alles gut – sie hat einen Freund namens Stian, auch Brille genannt. Sie lebt mit ihm zusammen und sie arbeitet mit ihm gemeinsam in einer Tierhandlung. Die erste große Liebe, alles fühlt sich wunderbar an. Doch wunderbar ist nicht genug und genau in dem Moment, als Anne Lise das vollkommene Glück hat, nimmt sie es nicht wahr. Sie läuft weg.

Zurück zu den Eltern, die keine Eltern im Sinne von einem Paar mehr sind. Ihre Mutter hat einen neuen Freund, es gibt neue Geschwister und überhaupt ist alles neu und nicht mehr so wie alles einmal war. Anne Lise muss wieder weiter, sie zieht es jetzt nach Oslo in eine WG mit Marianne. Die meint recht schnell zu ihr, dass Drogen eine gute Lösung sind, denn „…Du musst wissen, Glück lässt sich chemisch herstellen.“ (Seite 102)

Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg
Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg

Oslo da bin ich

Eine neue Arbeit muss her und die ist relativ schnell gefunden. Es ist wieder eine Tierhandlung und ihr Chef heißt Roy. Er bleibt nicht ihr einziger neuer Kontakt, denn bald kann sie Yasmin als ihre Freundin nennen. Doch ist das ihr neues Leben, das Leben, was Anne Lise wollte?

„Das Leben ist zu kurz, um nicht ganz genau das zu machen, worauf man Lust hat.“ (Seite 131)

Anne Lise ist kein alltäglicher Charakter. Man mag sie oder man mag sie nicht. Ich selbst bin mir nicht sicher, denn Liv Marit Weberg schreibt so spritzig frisch und stellenweise so schön trocken, dass man weiterlesen, sie mögen und vor allem verstehen will. Ihr Ziel ist einfach und klar: sie möchte ertragen werden.

Doch während sie immer weiter in eine depressive Phase schlittert, macht sie es sich nicht nur selbst, sondern auch ihren Mitmenschen schwer. Ihr Leben ähnelt einer Berg und Tal fahrt. Sie rennt weg und ist alleine, dann kommt sie mit neuem Selbstbewusstsein zurück und versucht im Mittelpunkt zu stehen. Sie taumelt wie ein Blatt im Wind hin und her und versucht auf ihre Art auszubrechen, anzukommen und negative Gedanken durch positive zu ersetzen.

Wir werden alle gebraucht und wer eine recht eigenartige und doch liebenswerte Protagonistin braucht, der sollte Anne Lise kennenlernen.

Eure

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Buchhandlungspreis 2016

Buchhandlungspreis 2016
Buchhandlungspreis 2016

Kolumne 28: #Buchhandlungspreis 2016

Jetzt wollte ich schon fast schreiben: wenn es draußen stürmt und schneit, dann zieht es uns in die Buchhandlungen. So schlimm ist es vom Wetter her nicht, aber dennoch ist dieser verregnete Herbsttag doch gerade dafür gemacht, um früh nach dem Aufwachen, im Bett zu lesen und anschließend in eine Buchhandlung zum Bücher kaufen zu fahren. Wie passend, dass sogar der 08. Oktober einen buchigen Namen trägt. Heute ist nämlich #WorldBookshopDay. Klingt modisch und darum gleich in Hashtagstyle.

Auf dem ersten Artikelbild könnt ihr die strahlende Buchhändlerin Annaluise Erler sehen. Yeah – genau wie im letzten Jahr, wurde die Buchhandlung Findus in Tharandt mit dem Buchhandlungspreis ausgezeichnet. In der Kategorie hervorragende Buchhandlung ist meine literatwoische Lieblingsbuchhandlung zu finden. Sagenhaft – ich freue mich von ganzem Herzen und wer schon einmal die heiligen Bücherhallen betreten hat, wird mir wohl zustimmen. Wer also in Dresden weilt, sollte einen Abstecher nach Tharandt einplanen. Es lohnt sich so sehr.

Über zwei Stunden konnte ich heute buchige Luft atmen. Die Preisträgerin Annaluise hat sich in einer liebevollen Dankesrede bei ihrer treuen Lesekundschaft bedankt. Gemeinsam haben wir mit Sekt und Schnittchen auf ihr und das Buchhandlungswohl getrunken und gegessen. Natürlich hat sie vom großen Tag der Preisverleihung berichtet, regelrecht geschwärmt, auch wenn ein fader Beigeschmack namens Neid, auch bei dieser Preisverleihung zu spüren war. Aber die Literatur muss mit Leidenschaft und Kreativität gelebt werden. Wer das nicht kann und ununterbrochen tut, kann keinen Preis in der Hand halten. Bei Findus ist eben anders und diese Leidenschaft und literarische Kraft muss belohnt und prämiert werden. Verdient!

Buchige Feier

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Zwischen den vielen Gästen habe ich natürlich bekannte Gesichter getroffen. Könnt ihr euch an Petra Sprenger oder viel mehr an ihre Opernmouth-Bücher erinnern? Ich habe im letzten Jahr ein umfassendes Interview-Akrostichon geführt. Sie heute zu treffen, hat mich sehr gefreut und musste bildlich festgehalten werden. Sie erzählte mir, dass immer mehr Leser auf ihre Bücher aufmerksam werden. Klasse! Ich mag die kleinen Wissensträger sehr gern verschenken und konnte selbst schon viel daraus lernen.

Außerdem habe ich heute die Verlegerin Barbara Miklaw kennenlernen können. Eine sehr sympathische Frau. Kennt ihr den Mirabilis Verlag? Ich gestehe, dass ich heute zum ersten Mal den Namen gehört habe, darum muss ich mich gleich mal schlau machen.

Und welches Buch habe ich heute allen Findus-Kunden empfohlen? Natürlich Die Nachtigall von Kristin Hannah. Doch ich durfte nicht nur empfehlen, sondern ich durfte mir auch eine große Empfehlung anhören. Diese trägt den Namen „Buchhändler“ im Titel. Na, wer errät das Buch? Ich habe ich mir gleich bestellt und hole es am Mittwoch in Tharandt ab. Meine Erwartungen sind hoch.

Ich habe den #WordBookshopDay also ausgiebig genutzt und ein Buch gekauft, auf die Buchhandlung angestoßen und nun werde ich mich den literarischen Seiten widmen. Buch, Decke, Kaffee und los gehts ins Gemütlichkeitswochenende. Und ihr so?

Eure

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Ein Mann und viel Leichtigkeit

Clara Maria Bagus schickt Leichtigkeit
Clara Maria Bagus schickt Leichtigkeit

Spontan und unerwartet, bekam ich vor ein paar Tagen ein Buch voller Leichtigkeit zugesendet. Der Postbote übergab mir ein Überraschungspaket. Ich musste es öffnen, um zu erfahren, wer mir über Amazon ein Buch zukommen lässt. Die Autorin höchst persönlich, wie ich schnell feststellte. Bevor ich allerdings öffnete, fragte ich in den sozialen Netzwerken, ob es anderen Buchliebhabern ähnlich ging und wie sie sich verhalten, wenn ungefragt Bücher eintreffen. Viele antworteten gleich, dass sie die Bücher hinten an stellen und meist nicht reagieren, da im Blog erwähnt wird, dass ungefragte Zusendungen ignoriert werden.

Als ich das Buch in den Händen hielt, habe ich mich schon gefreut, denn das Cover kam mir nicht unbekannt vor und ich muss gestehen, dass ich mit dem Roman schon selbst geliebäugelt habe. Die Worte der Autorin konnte ich nicht so stehen lassen und ich habe ihr eine E-Mail gesendet. Und dann wuchs die Neugierde auf den Inhalt und ich musste es einfach lesen.

Bereits die Aufmachung des Buches ist ein Genuss fürs Auge, wenn man den langen Titel und den dazugehörigen Untertitel gelesen hat. Durch ein Loch in Form eines Vogels, schimmert der perlmuttfarbene Buchdeckel. Es ist immer schön, wenn Aufmachung und Inhalt zusammen passen und eine Einheit bilden.

Ohne mich über den Inhalt zu belesen, folgte ich den ersten 108 von 207 Seiten…

Eine Reise zur Leichtigkeit
Eine Reise zur Leichtigkeit

Eine Reise zur Leichtigkeit

Wie der Titel bereits verrät, geht es um einen Mann der auszog, um den Frühling zu suchen. Autorin Clara Maira Bagus bringt uns in eine verschneite Winterlandschaft und stellt uns neben einen Mann, der aus dem Fenster schaut. Dann streifen unsere Augen einen Vogel und schon wird es magisch. Der Baum auf dem der Vogel sitzt, legt den Wintermantel beiseite und zieht die knospende Frühlingsjacke an. Als der Vogel den Baum verlässt, kehrt der Winter zurück. Die magische Wandlung lässt den Mann eine besondere Reise antreten. Er möchte den Vogel finden und macht sich kurzerhand auf die Suche.

„Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen“ (Ullstein Buchverlage – Allegria-Verlag) ist wie auf dem Titel angebracht: eine Reise zur Leichtigkeit. Ich habe das Sachbuch zwar abgebrochen, aber auch nach über hundert Seiten kann ich das beurteilen. Zwar macht das Buch nicht gleich leicht, sondern erschwert erst, da es in uns Gedanken aufruft, die wir bequemerweise verdrängen, aber im Endeffekt macht es uns leicht. Wer sich mit dem Mann auf die Reise begibt, reist eigentlich mit sich selbst. Die Autorin hat ihrem Protagonisten einen unsichtbaren Spiegel in die Hand gedrückt, in dem wir uns sehen.

Lebensfragen

Sind wir schon angekommen oder reisen wir noch? Was erwarten wir vom Leben? Sind wir auf dem richtigen Weg? Haben wir Träume? Sind wir neidisch?

Fragen über Fragen ganz allgemein, aber auch an uns und an unser Leben werden aufgeworfen. Immer und immer wieder habe ich mir verschiedene Stellen markiert, diese sogar weitergesendet, um darüber nicht alleine zu philosophieren und zu denken und um bestimmte Worte nicht zu vergessen. Begegnungen, kleine Geschichten und Fabeln zeichnen dieses Buch, dieses Märchen für uns Erwachsene, aus. Das stetige Nachdenken bringt den Lesefluss oft zum Stoppen und als Leser muss innegehalten werden.

Clara Maria Bagus holt unsere Gedanken über das Leben, Träume und Wünsche in den Vordergrund, während wir eigentlich dem Mann bei seiner Suche nach dem Vogel helfen. Eine spirituelle Reise voller Poesie, die Leichtigkeit bringt. Literatur die nicht rasant am Stück gelesen werden kann, sondern wohl dosiert lesend überdacht werden muss.

„Wir bekommen das Leben nur in Bruchstücken zu sehen, nie als Ganzes, und wissen daher nicht, was aus etwas folgen wird. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass die Wege des Lebens unendlich sind. Wenn sich uns ein Weg verschließt, öffnet sich ein anderer.“ ( Seite 85)

Eure
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Nachtigall, ick hör dir trapsen

Die Nachtigall ~ Kristin Hannah
Die Nachtigall ~ Kristin Hannah

Ihr kennt die Redewendung mit der Nachtigall? Ich hatte keine Vorahnung, als ich mich in den Roman von Kristin Hannah begeben habe. Aber ihr habt eine Vorahnung, was ich gleich tun werde, richtig? Ich bin meiner inneren Lesestimme und dem Gesang der Nachtigall gefolgt und kann euch nur empfehlen, es ebenfalls so zu machen. Ihr werdet es nicht bereuen. Wer an der Nachtigall vorbei liest, dem ist nichts mehr zu empfehlen. Ja, so ist es!

Und ja, es geht um Krieg in diesem Roman. Aber ihr müsst keine Angst haben, dass ihr eine Geschichte erzählt bekommt, die euch langweilen oder ohne Emotionen zurück lassen wird. Garantiert nicht!

Lustig ist, dass ich diese ersten Sätze hier schrieb, als ich noch um die 170 Seiten vor mir hatte. Genau gestern Abend um die Zeit, ahnte ich noch nicht wirklich, was mir passieren wird. Obwohl der September schon fast um ist, habe ich nur in der Nachtigall lesend getaucht. Die mehr als 600 Seiten haben mich keinesfalls gelangweilt und ich habe sofort mit den Protagonisten sympathisiert und vor allem mitgefiebert, es lag schlicht und ergreifend an meiner persönlich nicht vorhandenen Lesezeit. Wenn ich aber die Nachtigall geöffnet habe, habe ich sie kaum zum Schweigen bringen können.

Die Nachtigall singt

Alles begann so harmlos, so ruhig und dennoch mit dieser Unterspannung, die wir als Leser immer wieder gern fühlen. Das mich gleich die ersten Worte von Kristin Hannah so umhüllen, habe ich nicht erwartet. Klar, der Roman wurde schon vor der Veröffentlichung in Deutschland hoch angestimmt und der Buchwerbung konnte man im sozialen Netzwerk kaum aus dem Weg gehen. Doch das hat nichts zu bedeuten, wie wir Leser auch immer wieder erfahren. Man ist sogar ab und an versucht, an hochgelobten Bestsellern vorbei zu lesen. Zumindest geht es mir so. Die Nachtigall allerdings hat laut gezwitschert.

Die Nachtigall ~ Kristin Hannah
Die Nachtigall ~ Kristin Hannah

Wir befinden uns in Amerika, genau Oregon und schreiben das Jahr 1995. Wir treffen auf eine Mutter und ihren Sohn. Sie ist alt, krank und ein letzter Umzug steht an. Sie hat nur einen Wunsch – die alte Schachtel mit Erinnerungen, die sie über dreißig Jahre nicht geöffnet hat, muss mit. Auf diesen knappen sechs Seiten wird uns Lesern nur ansatzweise klar, was uns erwartet. Das ganze Ausmaß können wir nur erahnen, denn Worte wie „In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind.“ (Seite 7) sind nur der kleine Anfang einer großen fast unbeschreiblichen Tiefe, die zwischen dem ganzen Schmerz, dem ganze Leid, trotzdem möglich ist.

Wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören? Geht dieser Spruch nicht so? Die Sonne lacht, die Blumen blühen, Vianne liebt Antoine, Antoine liebt Vianne und ihre achtjährige Tochter Sophie ist glücklich. Ein Lebenshöhepunkt der kleinen Familie findet ein Ende, denn dieser Lebenshöhepunkt findet im Jahr 1939 statt, in Frankreich. Der Krieg ist unabwendbar. Die Deutschen rücken ein.

Die Deutschen kommen nach Frankreich

Will ich euch noch mehr erzählen? Soll ich euch noch mehr erzählen? Mir fallen die Worte schwer, denn ich habe einen Tränenschleier vor den Augen. Gestern Abend habe ich über 20 Minuten am Stück geweint. Alles begann so harmlos, ja, das betone ich noch einmal, zumindest habe ich immer noch das Gefühl, dass es sich so angefühlt hat. Aber dann kam der Hammer, der Hammer namens Emotionen. Er hat zugeschlagen, immer und immer wieder, mitten auf mein Herz. In mir hat sich ein Film abgespult, die Gewalt des Krieges hat sich mit seinem Schmerz entladen. Gleichzeitig wurden mir die Augen geöffnet, denn wir haben es gut, wir haben keinen Krieg, zumindest nicht vor der Haustür.

Die Nachtigall ~ Kristin Hannah
Die Nachtigall ~ Kristin Hannah

1939/1995

Isabell ist Viannes Schwester. Ihr Leben ist noch nie so am Blühen gewesen, wie das von Vianne. Ein richtiges Zuhause hatte sie nie, sie ist nie angekommen und konnte nie ankommen. Sie ist ein Rebell durch und durch und ist schon in jungen Jahren der Meinung, dass sie eine Kriegsheldin werden könnte. Isabelle wird zu Juliette Gervaise und sie hat ein Ziel vor Augen. Der Krieg kommt, die Nachtigall beginnt zu singen und ein kurzer intensiver Hauch Liebe fliegt durch die Luft, als sie flüchten muss.

„Liebe Leser, manchmal kommt eine Geschichte einem nahe und überwältigt einen geradezu,…“ (Seite 603) – Kristin Hannahs Worten tauchen zwischen meinen Tränen auf. Mich hat ihr Roman überwältigt und durch und durch gerührt. Mag man noch so viel über den Krieg gelesen haben, mag man noch so angeödet sein, vom immer wiederkehrenden Thema Krieg und mag man noch so sehr das historische Genre meiden, sollte man hier einfach nicht weglesen. So nah, so intensiv, so historisch tief, so realistisch – so verdammt nah dran und zwar an unzähligen Schicksalen. Die Nachtigall singt nicht nur hoch, sondern auch tief, sie ist voller Hoffnung, aber auch Schmerz, Leid und unbeschreiblicher Trauer. Ihr Schnabel ist spitz, ihre Federn sind mit dem Schicksal in Berührung gekommen, aber trotz allem Negativen, gibt es die Liebe.

Eigentlich möchte ich nichts weiter sagen, nur dieses eine Wort: LESEN. Ihr trefft auf zwei Schwestern, die völlig unterschiedlich sind, auf Juden, auf Besatzer, ihr erlebt den Krieg so nah es literarisch möglich ist und erlebt zu keiner Zeit unrealistische Oberfläche. Die Leben dieser Charaktere werdet ihr nie vergessen, denn diese Leben hat es tatsächlich, leider, gegeben.

Nachtigall

Und mag es noch so lächerlich klingen, aber der Roman hat mir wieder das Gefühl gegeben, damals gelebt zu haben, dabei gewesen zu sein. Das musste ich Arndt schreiben und gleichzeitig habe ich ihn gebeten, nicht zu lachen. Er antwortete mir: Empathie nennt man das. Und wir haben damals gelebt, da die Erinnerungen unserer Vorfahren in uns ruhen. Davon bin ich zutiefst überzeugt.“

Nachtigall, ick hörte dir trapsen. Das ich dich so sehr höre, habe ich einfach nicht erwartet. Kristin Hannah – ich verneige mich tief vor dieser Erzählkunst über ein Thema, was so sensibel ist und genauso beschrieben werden muss, damit es einschlägt, wie eine der verdammten Bomben…

„Es ist nicht das Vergessen, das wir nötig haben, Vianne…Es ist die Erinnerung.“ (Seite 545)

Eure
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Der Zirkus der Stille ~ Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille ~ Peter Goldammer
Der Zirkus der Stille ~ Peter Goldammer

Habt ihr schon gesehen, dass der Zirkus in der Stadt ist? Auch buchig hat er Einzug in Dresden gehalten.  Allerdings handelt es sich um keinen normalen Zirkus, sondern um Der Zirkus der Stille (Atlantik) von Peter Goldammer. Vorhang auf? Manege frei? Seid ihr bereit?

Achtung, bitte nicht so drängeln, denn ganz so, wie ihr euch den Zirkus vorstellt, wird es nicht. Verabschiedet euch ganz schnell von den trubeligen Zirkusgedanken, denn wir ihr am Titel schon erkennen könnt, wird es eher still, als laut. Doch geht das überhaupt? Wird es Peter Goldammer schaffen, still zu faszinieren?

Im Mittelpunkt der Manege steht Thaïs Leblanc. Doch genau aus dieser Manege will sie ausbrechen. Ihr Ziel ist es, Abstand von der Großmutter Victoria zu bekommen, ihr Ziel ist die Normalität. Sie erhofft sich diese zu finden und zwar in der Großstadt Paris. Thaïs möchte ihre Liebe leben, Geld verdienen und genießen. Schon lange hat sie keine Eltern mehr und kommt gut in ihrem Leben klar. Die Nachricht, dass ihre Oma nun gestorben ist und sie verantwortlich für die Bestattung und den Nachlass ist, bringt den Takt ihres Lebens durcheinander. Lange hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihrem einzigen noch lebenden Familienmitglied und nun ist auch kein Kontakt mehr möglich, außer an den Ort zu fahren, an dem sie die letzten Lebenszeiten verbrachte.

„Ich war so versessen darauf gewesen, ein normales Leben zu führen, dass ich mich nie gefragt hatte, ob ein normales Leben auch ein gutes Leben war.“ (Seite 58)

Und plötzlich gibt es den „Cirque perdu“…

Der Zirkus der Stille ~ Peter Goldammer
Der Zirkus der Stille ~ Peter Goldammer

Cirque perdu

Ein Zirkuszelt, merkwürdige Gestalten und eine außergewöhnliche Beerdigung – mit diesen Dingen wird Thaïs konfrontiert. Will sie nicht eigentlich überhaupt nichts über ihre Vergangenheit, über ihre Familie, vor allem über ihre Oma wissen? Geheimnisse wachsen plötzlich aus dem Boden wie die Pilze aus fruchtbarem Waldboden. Thaïs beginnt sich auf die Suche ihres Lebens zu machen, auf eine Suche die völlig anders ist, als man sie sich vorstellen kann.

„Verlust ist die andere Seite der Liebe“ (Seite 215)

Laufen wir vor unseren Gefühlen weg? Haben wir genug Mut uns auf eine unbekannte Zukunft einzulassen? Finden wir uns selbst oder irren wir immer mehr in einer schmerzvollen Lebensmanege umher? Gibt es Herrn Schicksal? Ziehen uns Lebensereignisse den Boden unter den Füßen weg und lassen uns feste Wege verlassen?

Peter Goldammer erzeugt in uns Fragen, die uns mit fortschreitenden Seitenzahlen immer mehr beschäftigen. Bewusst und unterbewusst. Währenddessen begleiten wir seine Protagonistin mit der wir uns schnell identifizieren und anfreunden können. Und wir halten eine Trauerschnur mit Knoten in der Hand, die gleichzeitig eine neue Zeitrechnung ausmachen…

Der Zirkus der Stille ~ Peter Goldammer
Der Zirkus der Stille ~ Peter Goldammer

Stille

„Leben ist, wenn etwas dazwischen kommt.“ (Seite 246)

Viele solche Zitate könnte ich in diesen Artikel einbauen, denn Goldammer schöpft mit tiefen Worten, um uns Leser zu erreichen. Ganze Absätze könnte ich hier zitieren. Sätze die mich bewegt haben, die so voller Liebe und gleichzeitig voller Schmerz stecken und trotzdem nach vorne blicken lassen und Kraft geben. Sätze die uns milder machen, die uns bremsen und zeigen, was wirklich zählt. Wir sind wir und haben unser Lebenszepter selbst in der Hand. Es bringt nichts die Vergangenheit in die Zukunft zu holen und sich an Ersatz wie Geld, Hass und Drogen festzuhalten. Leben…vergeben…

Obwohl ich das Buch nun schon vor längerer Zeit gelesen habe, steht mir der Mund immer noch offen. Der Grund? Das Ende. Ich werde es wohl nie in Worte fassen können. Vielleicht findest du Worte dafür, dann lasse sie mich gern wissen. Bis dahin behalte ich meinen Mund offen und schwelge im Gefühl der Faszination von diesem Kunstgriff auf Seite 254…

„Wir sind alle so viel mehr“ (Seite 181)

Eure
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Hool ~ negative Fasziniation

Hool
Hool – extrem

Hool

Es gibt Buchtitel, die provozieren einfach. Zumindest mich. Buchtitel wie Tu dir weh, Blutsbrüder oder eben dieser hier – „Hool“. Das Design in schwarz-weiß und die Schriftart verstärken die Provokation nur noch. Gut so, denn Bücher dürfen das und ich habe nicht lange standhalten können. Ich habe mich innerhalb kurzer Zeit durch den Roman gehoolt. Nicht weil er auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 steht, sondern weil mich das Thema einfach interessiert. Ich bin der extremere Lesetyp und ich mag außergewöhnliche Bücher und ich bin Fußballfan und ich kenne so einige Geschichten aus meinem Umfeld zum Thema. Und genau aus diesen Gründen habe ich es gelesen. Vielleicht sogar ein wenig mitgehoolt…

Gleich auf der ersten Seite lese ich den Namen meiner Heimatstadt. Das bleibt wohl bei diesen Büchern nicht aus und gehört wohl auch dazu. Der wilde Osten. Doch Autor Philipp Winkler bleibt im Westen Deutschlands und beschreibt gleich zu Beginn den ersten Zusammenstoß zweier Fangruppen in einem abgelegenen Stück Wald. Hannover gegen Köln – Köln gegen Hannover. Die Gruppe um Axel ist eindeutig stärker. Axel ist der Anführer der Hannoveraner Hooligans und gleichzeitig der Onkel von Hauptprotagonist und Anführeranwärter Heiko Kolbe. Zähne werden herausgeschlagen, es wird getreten und geschlagen, es blutet, Ohnmachten sind nahe und am Ende liegen die Verlierer und die Gewinner stehen und eilen möglichst unbemerkt zurück in ihren Heimatort. Ein ganz normales Match. Ein Match, ein Wettkampf, ein Zeigen, ein Beweisen, ein Adrenalinrausch der bald wiederholt werden will, sobald die Blessuren verheilt sind.

Hannover – Braunschweig

Das Gym von seinem Onkel ist Heikos Heimat. Mehr hat er nicht, nachdem er ohne Abschluss im Leben angekommen ist. Seine Familie ist keine mehr und war auch keine. Die Mutter ist weg, der Vater ist nach einem Unfall Alkoholiker und hat seine Freundin Mie aus dem Fernen Osten an seiner Seite und die Schwester Manuela versucht irgendwie eine Art Familie zu schaffen und ihren Vater zu retten. Erfolglos.

Hool
Hool – harte Literatur

In der Mukiebude gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Medikamenten, es gibt Drogen und es gibt Muskelkraft. Das nächste Match wird geplant und Heiko will sich, vor allem aber Axel beweisen, dass er ein guter Nachfolger ist. Er lebt in seiner Rolle als Hooligan und kann es sich einfach nicht verkneifen, den Braunschweigern aufzulauern. Überraschungen können sich aber auch als negativ herausstellen. Seit dem letzten Sieg scheint sich eine Pechsträhne mit zusätzlichen Veränderungen anzubahnen. Die Braunschweiger haben sich nicht unterkriegen lassen, sondern konnten regelrecht vernichten und auch das nächste Match geht gründlich daneben. Rache ist angesagt, denn was Kai angetan wurde, kann Heiko nicht akzeptieren.

Gewalt

Heiko Kolbe führt uns als Ich-Erzähler nach und nach sein Leben vor Augen und lässt uns schwer schlucken. Er steckt in seinem Hooligan-Sumpf und treibt von Match zu Match, da keine anderen Lebensperspektiven vorhanden sind. Seine Zuhause ist eine abgelebte Wohnung im Haus von einem Bekannten. Auf dem Grundstück gibt es nicht nur Kampfhunde, sondern seit kurzer Zeit auch einen Tiger. Er könnte ausbrechen, schließlich hat er sonst ein zivilisiertes Leben, ist clean und auch nicht dumm. Auch ist er kein Mitläufer, der bedauert werden muss, weil er einen schwachen Kampfgeist hat. Aber der Wendepunkt naht, denn scheinbar kommt jeder im Leben um das Wort „Erwachsenwerden“ nicht drum herum.

Natürlich sind wir alle erwachsen, doch irgendwann gibt es das Erkennen, wo der wahre Sinn im Leben ist. Heikos Umfeld verändert sich und Hools werden zu Familienvätern oder intensivieren andere Hobbys und erfüllen sich damit Lebensträume. Heiko sieht sich selbst aber als Rächer, denn was Kai angetan wurde, kann er nicht akzeptieren. Aber Kai hat sich ebenfalls verändert und trägt das was ihm angetan wurde mit Würde. Zumindest versucht er es und akzeptiert seine nahende Blindheit als Quittung für die vergangenen Jahre als extremer Hool.

Hart

Hool
Hool – Gewalt

Philipp Winkler nimmt uns in seinem Roman mit in eine andere Welt. In die Welt des Kampfsports außerhalb des Fußballstadion. In eine illegale Welt die sich schmutzig anfühlt. Durch Heiko lässt er uns alle Facetten spüren und wirbelt beim Lesen immer wieder dumpfe Gefühle mit säuerlich bitterem Geschmack auf. Und doch geht es nicht nur ums Gekloppe, um mich so auszudrücken, wie Winkler vorwiegend schreibt. Der Roman ist tiefer angelegt, als vielleicht anfangs zu vermuten ist. Dass das Werk nicht in einer hochliterarischen Sprache verfasst werden kann, ist an dieser Stelle wohl selbsterklärend.

Hool hinterlässt viele Spuren und Gefühle. Hool hinterlässt aber nicht nur Schmerz, Dreck, Ekel und massive Gewalt, sondern auch ein Stück Hoffnung.

Hool lässt tief denken, bewegt, erschüttert und beinhaltet dennoch negative Faszination.

Hool ist eine Art Verkehrsunfall – grausam und schlimm, aber wegschauen kann man trotzdem nicht.

Hool ist ein Stück harte Literatur die sich zu lesen lohnt!

Eure

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Wir Glücklichen ~ Amy Bloom

Wir Glücklichen ~ Amy Bloom
Wir Glücklichen ~ Amy Bloom

Wer das Cover sieht, denkt an Sommer, zwei Freundinnen und an lockerleichtem Inhalt, der sich wegliest, wie ein Tag am Strand. Oder irre ich mich? Sollte ich sagen: Vorsicht Coverfalle?

Das Buch trägt den Titel „Wir Glücklichen und ist aus der Schreibfeder von Amy Bloom. Immer wenn ich in der Buchhandlung um das Buch herumgeschlichen bin, habe ich mir gedacht, dass es für den Strand gut geeignet ist. Oder noch besser – fürs Lesen auf der grünen Wiese, gemeinsam mit einer Freundin. Sommer – Sonne – relativ leichter und schnell konsumierbarer Stoff. So jedenfalls meine Gedanken.

Zum Glück habe ich den Bloom-Roman nicht draußen begonnen, sondern an einem recht verregneten Sommertag, gemütlich auf dem Sofa. Das Buch benötigt eine ruhige Umgebung, in der man sich tief ins Thema fallen lassen kann. Ja, auch wenn es nach Hollywood geht

Wir Glücklichen ~ Amy Bloom
Wir Glücklichen ~ Amy Bloom

Hollywood und Tarotkarten

Aber auch in Hollywood gibt es nicht nur Stars und Sternchen und es nicht alles aus Gold, was glänzt. Das spürt Iris am eigenen Leib und ehe sie sich versieht, steht sie nicht auf der großen Bühne und feiert Karriere, sondern macht mit der anderen Seite des Vorhangs Bekanntschaft. Eva kann die Träume der Schwester nicht nachvollziehen, aber sie steht an ihrer Seite.

Nur weil man vom gleichen Stamm ist, heißt es nicht, dass man alles mögen muss, was der andere mag. Die zwei Schwestern kennen sich noch nicht lange, aber schon nach wenigen Minuten ist ersichtlich, dass sie sich ähneln wie Tag und Nacht. Iris ist die Sonne, Eva ist der Schatten und ihre Eltern – über die brauchen wir hier nicht wirklich reden. Die Mutter hat Eva vor der Tür des Vaters und Halbschwester Iris abgesetzt. Der Vater allerdings hat mit seinem eigenen Leben zu tun und Iris und Eva bleibt nur die eine Möglichkeit namens Zusammenhalt.

Während Eva die Rolle des Schattens hinnimmt, versucht sich Iris in der Sonne zu aalen. Ihre Halbschwester unterstützt, wo sie nur kann. Sie organisiert, sie hilft aus, sie achtet auf das Umfeld und schmeißt förmlich den Haushalt. Sie sucht weder sich selbst, noch lebt sie Hobbys aus.

Iris allerdings liebt und lebt ihre Neigungen aus, auch die lesbische, auch mit Ehemann. Der Ehemann legt seine Leidenschaften in Briefe, allerdings nicht an Iris.

Wir Glücklichen ~ Amy Bloom
Wir Glücklichen ~ Amy Bloom

Waage

Amy Bloom vereint in ihrem Werk überwiegende die pure und relativ normale Realität, so will ich es nennen. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Es gibt die Vergangenheit und die Zukunft und jede Menge Protagonisten, die mit ihren schrägen Adern und außergewöhnlichen Charakteren ständig für neue Aufgaben im Leben von Eva und Iris sorgen. Das fängt schon bei der Mutter an und hört nicht beim Vater aus. Es gibt Krieg und Frieden und es gibt Briefe und vor allem Emotionen durch und durch. Aber auch die Langatmigkeit und die Spannung sind vertreten.

Wäre das Buch kein Buch, dann wäre es wohl eine Waage. Jeder Leser findet sich darin, denn im Roman tobt das Leben mit allen schönen und traurigen Seiten. Mit den miesen trüben und auch den glänzend sonnigen.

Auch wenn ich nicht auf dem Lausitzring gelesen habe, war es die richtige Entscheidung es mit dahin zu nehmen. Wie der Ring, so der Inhalt – mal ganz gerade, dann kommen Kurven und sehr enge Stellen. Es wird laut und leise und es gibt Seiten auf denen ein Boxenstopp nötig ist. Das Leben ist kein Kreis, sondern eine ständige Herausforderung und Amy Bloom lässt uns dies anhand der Lebensgeschichten aus den 30-er und 40-er Jahren spüren.

Und die Besonderheit am Roman dürft ihr nicht übersehen: eine Playlist passend zu den Kapitelüberschriften.

Eure
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Fünf Viertelstunden bis zum Meer

Fünf Viertelstunden bis zum Meer ~ Ernest van der Kwast
Fünf Viertelstunden bis zum Meer ~ Ernest van der Kwast

Meer

Du willst ans Meer und wenige Tage vorher kommt bei dir ein Buch an, was genau passt. Natürlich ist es nicht machbar, in fünf Viertelstunden am Meer zu sein, aber es ist mehr als machbar in dieser besagten Zeit zwischen Ernest van der Kwasts Worten zu tauchen.

Ein Buch darf nur 96 Seiten haben, wenn es einfach groß ist. Ihr wisst sicher was ich meine, wenn ich das so schreibe. Wenn der Inhalt uns umhaut, in uns nachhallt, unser Denken und unser Fühlen beeinflusst, muss ein Buch nicht 400 Seiten haben. Autor Ernest van der Kwast schaffte es mit nur 96 Seiten das Meer des Lebens zu mir zu bringen.

Habt ihr eigentlich einen guten Postboten? Mit Postboten sollte man es sich nicht verscherzen, denn schnell könnte ein wichtiger Brief abhanden kommen. So wäre es nämlich fast passiert, denn während der Bote den Umschlag durch den Schlitz schob, hörte er seine Frau am Telefon rufen, dass die Kinder kommen. Zwillinge.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer ~ Ernest van der Kwast
Fünf Viertelstunden bis zum Meer ~ Ernest van der Kwast

Brief

Der Brief landete auf dem Boden und konnte gefunden werden. Von Ezio Ortolani. Lebenslang Apfelpflücker und verliebt. Mehr als sechzig Jahre.

Ein Brief verändert alles. Ein Brief in dem eine Frau schreibt, dass sie diesen Brief vielleicht sogar hundert Mal geschrieben hat. „Ich habe so oft versucht, Dir nicht zu schreiben. Die Sehnsucht hat gewonnen, die hartnäckigen Gedanken an uns.“ (Seite 8)

Eigentlich wartet Ezio auf den Tod. Eigentlich. Nun hat das Warten ein Ende. Der Brief liegt vor ihm. Tausend Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Er denkt an damals. An die erste Begegnung, an ihre Treffen, an ihre Spaziergänge, die Zeit am Meer und an ihren Nabel.

Giovanna„Ich liebe dich.“

Fünf Viertelstunden bis zum Meer ~ Ernest van der Kwast
Fünf Viertelstunden bis zum Meer ~ Ernest van der Kwast

Liebe

Es ist nie zu späte für die Liebe. Nie. Mehr möchte ich inhaltlich kaum zu dem kleinen Büchlein verraten. Ich denke jeder kann sich vorstellen, wie man sich mit über 80 Jahren fühlen wird, wenn man einen Brief von der Lebensliebe geschickt bekommt.

Oder? Gänsehaut vorprogrammiert. Schon der kleinste Gedanken an so einen Brief erzeugt Gefühlsfluten. Die erste Liebe, der erste Kuss, die erste Ablehnung…

„Man darf den Zusammenhang zwischen Lachen und Liebe nicht unterschätzen, aber ein leichtherziges Lachen ist etwas anderes als ein Lachen, das Liebe beantworten will.“ (Seite 45)

Van der Kwast schreibt Liebe, er schreibt Sehnsucht, er schreibt Gefühl!

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ – ein Buch was nicht sinnlos auf dieser Welt ist, vor allem dann nicht, wenn es geteilt wird und nicht nur eine Träne zum Rollen bringt.

Das reicht euch nicht? Dann gibt es hier noch mehr Gefühl und eine Leserträne.

Eure

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Das Lächeln meiner Mutter

Das Lächeln meiner Mutter ~ Delphine de Vigan
Das Lächeln meiner Mutter ~ Delphine de Vigan

Das Lächeln der Mutter vor der wahren Geschichte

Literatur verbindet und damit meine ich die ständigen Kettenreaktionen die in der Literatur ständig vorhanden sind. Nicht nur wir Leser sind untereinander oftmals verbunden, wenn wir im gleichen Roman lesen. Auch die Romane sind verbunden. Manche indirekt und nur für Leser erkennbar, die tief zwischen den Seiten stecken und über Romanränder hinaus denken, manche so direkt, dass sich der Griff zu einem anderen Buch nicht vermeiden lässt.

Die Kettenreaktion sieht am Beispiel so aus: Als ich vor wenigen Tagen „Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan las und mich darüber austauschte, kam kurzerhand das Buch „Das Lächeln meiner Mutter“ zu mir. Denn um genau den genannten Roman geht es, den Vigan in ihrem neuen Buch thematisiert, auf das sie postalisch allerhand Kritik bekommt.

Ich hatte den Roman bis zu diesem Tag noch nicht gelesen und eigentlich hatte ich es auch nicht vor. Wäre der Austausch mit Arndt nicht gewesen, wäre das Lächeln nicht zu mir gekommen und ich hätte ein großartiges Buch verpasst. Lesen verbindet und die Verbindungen gehen weiter, denn Arndt hat sich nicht wie ich, in den Bestseller aus Frankreich gestürzt, dafür aber eine andere Stimme gefunden, wie er in seinem Artikel zeigt.

Genau diese Kettenreaktion kommt euch, liebe Leser, nun zu Gute. Wenn ihr also noch nicht zu Nach einer wahren Geschichte gegriffen habt, lest unbedingt erst „Das Lächeln meiner Mutter“. Natürlich ist es andersrum auch nicht schlimm, aber der literarische Mehrwert ist um einiges höher. Delphine de Vigan hat zwei Bücher geschrieben, die enger nicht zusammengehören könnten. Beide Bücher sind autobiographisch und erreichen dadurch eine Tiefgründigkeit die uns Leser nah an die Autorin und auch an ihre Familie heran bringen.

Das Lächeln meiner Mutter ~ Delphine de Vigan
Das Lächeln meiner Mutter ~ Delphine de Vigan

Vigans Mutter ist tot

Nur zwei Tage habe ich im knapp 400 Seiten Roman verbracht. Zwei Tage war ich gefesselt in einer französischen Großfamilie, in der es keinen Stillstand gibt. Delphine de Vigan nähert sich schreibend ihrer Mutter bis zurück in deren Kindheit. Lucile ist das dritte von gesamt acht Kindern. Neun, um genau zu sein, denn als der kleine Antonin starb, nahmen sich die Eltern Georges und Liane einen weiteren Sohn namens Jean-Marc an.

Lucile hat sich als Kind oft gefragt, „…ob die Fruchtbarkeit ihrer Mutter eine Grenze hatte, ob sich ihr Bauch immer weiter so füllen und leeren und rosige, glatthäutige Babys produzieren konnte, die Liane mit ihrem Lachen und ihren Küssen überschüttete.“ (Seite 19)

Delphine de Vigans Mutter ist tot. Sie hat sich das Leben genommen. Ihr kam der Gedanken über sie zu schreiben, um nichts zu vergessen. Doch das Schreiben über einen Menschen der so unberechenbar vielseitig war, ist nicht einfach. Lucile passt in kein Raster. Lucile war ruhig und laut, sie hatte trockenen Humor, bewegte sich eigen, verliebte sich oft, lebte drüber und sie lebte drunter. Sie rauchte, sie lachte, sie zitterte, sie veränderte sich ständig, sie stieg auf und sie stürzte ab.

Um über einen Menschen schreiben zu können, muss man so viele Erinnerungen und Erzählungen zusammen tragen, um ein authentisches Lebenspuzzle zu erhalten. Delphine hat sich mit den Geschwistern ihrer Mutter getroffen, um mehr über Lucile zu erfahren. Sie hat alles aufgesaugt, von den schönen hellen bis zu den unschönen dunklen Seiten. „Und jetzt warten sie, sie fragten sich wahrscheinlich, was ich aus alldem machen würde, welche Form es annehmen, welchen Schlag es bedeuten würde.“ (Seite 39)

Delphine de Vigan
Delphine de Vigan

Lebendig sterben

Bereits auf den ersten Seiten spürte ich, dass mich hier Großes erwartet. Kein fiktionaler Roman, sondern ein wahnsinnig umfassendes Bild einer Familie, einer Mutter und einer Tochter, die nach Geborgenheit gesucht hat und ihre eigene Mutter nie richtig fassen konnte. Ihre eigene Mutter war immer auf der Suche und völlig anders als andere Mütter, die Glück und Liebe spürten. Doch vielleicht anders als andere Mütter, starb ihre Mutter – lebendig!

Die Art und Weise wie die Autorin schreibt, macht den Roman spannend. Sie nimmt uns Leser erst mit in die Welt ihrer Mutter, in die Kindheit von Lucile. Anschließend verbindet sie ihr Leben mit dem ihrer Mutter und nimmt durch die Verbindung gleichzeitig wieder Abstand auf. Sie taucht erneut in das Leben von Lucile ein und stellt sich dabei selbst in den Rand, um genau dann vom Rand aus in Richtung Lebensmittelpunkt zu laufen, um wieder anzuknüpfen.

Während sie über das Leben der Mutter schreibt, nimmt sie sich die Freiheit um immer und immer wieder selbst während ihrer Schreibphase aufzutauchen und ihre aktuellen Gedanken und Empfindungen nieder zu schreiben.

Sie verwendet Sätze die sich einbrennen, Sätze wie „…das Leid der beiden ist durch einen unsichtbaren tödlichen Faden verbunden.“ (Seite 139) und sie sagt selbst: „Ich beschreibe Lucile aus der Sicht des zu schnell groß gewordenen Kindes, ich schreibe über das Mysterium, das sie mir immer war, sie, die immer so präsent und zugleich so fern war und die mich nach meinem zehnten Geburtstag nie mehr in die Arme genommen hat.“ (Seite 167)

„Das Lächeln meiner Mutter“ ist ein beeindruckender Roman, welcher tief in das Leben von Delphine De Vigan blicken lässt. Als Leserin habe ich mich stellenweise unwohl gefühlt, so viel erfahren zu dürfen. Gleichzeitig will die innere Stimme mehr über diese Zeit und die Personen erfahren. Über alle Figuren die im Roman auftauchen, mit all ihren Fehltritten, aber auch guten Taten. Glück & Unglück voller Dramatik, voller Schmerz, aber vor allem voller Leben. Bedrückend, beeindruckend, hoffnungsvoll, interessant, schonungslos – ein ausuferndes Gefühlsfass, was ich zuletzt in dieser Stärke im Roman von Nino Haratischwili Das achte Leben (Für Brilka) genießen durfte.

Großartige und durch und durch lebendige Literatur!

Eure

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