Geheimnis in Weiß

Jef
Geheimnis in Weiß

Geheimnis in weiß?

Das Weihnachtsfest naht und ihr sucht dringend noch einen Kriminalroman der dazu noch weihnachtlich ist? Ich glaube, da kann ich helfen.

„Geheimnis in Weiß“ (Klett-Cotta) von J. Jefferson Farjeon ist nicht nur ein weihnachtlicher Krimi, sondern er sieht auch noch edel aus, denn die 282 Seiten sind in einen bedruckten Leinenband gehüllt und das Lesebändchen ist auch vorhanden.

»Vier Morde an einem halben Tag! So verdient man sich seine Weihnachtsgans.«

An Heiligabend bleibt ein Zug im Schneetreiben in der Nähe des Dorfes Hemmersby stecken. Mehrere Passagiere suchen Zuflucht in einem verlassenen Landhaus. Die Tür ist offen, der Kamin brennt und der Tisch ist zum Tee gedeckt, doch niemand scheint da zu sein. Aufeinander angewiesen, versuchen die Reisenden das Geheimnis des leeren Hauses zu lüften – als ein Mord passiert.

Trotz heftigen Schneefalls hat eine skurrile Ansammlung von Reisenden London am Weihnachtstag pünktlich verlassen. Auf offener Strecke bleibt der Zug jedoch im Schnee stecken. Die Passagiere beschließen daraufhin nach und nach, ihr Abteil zu verlassen und sich zum nächsten Dorf durchzuschlagen. Auf dem Weg stoßen sie auf ein scheinbar verlassenes Cottage – obwohl die Tür offen steht und es hell erleuchtet ist. Doch dies ist nicht das einzige Geheimnis, das das Haus birgt und nur zu einem hohen Preis offenbart. Wenn der Schneesturm schließlich nachlässt, werden vier Personen das Weihnachtsfest nicht überlebt haben.

»Geheimnis in Weiß« ist ein von der British Library wiederentdeckter Krimiklassiker, der hier erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt.

[© Text/Inhaltsangabe Klett-Cotta]

Geheimnis in Weiß
Geheimnis in Weiß

Weihnachtlicher Kriminalroman

Der Kriminalroman von J. Jefferson Farjeon klingt richtig spannend – was sagt ihr? Also ich habe ja eine leichte Gänsehaut und wenn es dann noch draußen schneit – dann kann die Leseatmosphäre nicht besser sein.

Wie ihr seht, habe ich die Inhaltsangabe vom Verlag übernommen. Das ist für euch hier völlig neu und auch nur eine kleine Ausnahme, denn ich habe das Buch nicht selbst gelesen. Der Grund ist, dass ich keine Kriminalromane mag, für das nahende Weihnachtsfest aber genreübergreifend Bücher empfehlen möchte. Und doch habe ich die ersten Seiten angelesen und war selbst erstaunt, denn ich konnte kaum aufhören.

J. Jefferson Farjeon lässt uns nicht lange alleine, sondern stellt uns gleich mehreren Protagonisten vor. Deren Gespräche sind von Beginn an recht geheimnisvoll und bringen das berühmt berüchtigte Spannungsknistern mit, was uns LeserINNEN zwischen den Seiten hält.

Ihr könnt den weihnachtlichen Kriminalroman gewinnen. Welcher Vorname steht für das erste „J“ in J. Jefferson Farjeons Name? Schickt mir die Lösung an literatwo@aol.de und verratet mir zusätzlich im Kommentar, welchen Kriminalroman ihr zuletzt gelesen habt.

Update: 07.12.2016 – Herzlichen Glückwunsch, liebe Brigitte. Du hast „Geheimnis in Weiß“ gewonnen.

Eure
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Altes Land – Gummistiefelwelt

Altes Land ~ Dörte Hansen
Altes Land ~ Dörte Hansen

Ich habe es nun endlich gelesen. Das war auch schon lange überfällig, denn von diesem Roman schwärmten mir schon gefühlt hunderte Leute vor. Lies es, du wirst es lieben. Altes Land? Was für ein wundervoller Roman.

Warum ich nicht eher zu diesem Buch griff – keine Ahnung. Lesewege sind nicht immer zu erklären. Und nun reihe ich mich bei den Leuten ein, die mich immer entsetzt angesehen haben, wenn ich sagte, dass ich Dörte Hansens Buch nicht kenne. Ihr müsst es lesen und zwar bald. Zieht euch Gummistiefel an, denn es geht raus aus der Stadt und rein ins Dorf, rein in die Gummistiefelwelt.

Hildegard und Vera – Mutter und Tochter – Flüchtlinge aus Ostpreußen, 1945.

Anne und Leon – Mutter und Sohn – Flüchtlinge aus Hamburg, heute.

Alle vier suchen ein neues Leben und stranden in dem alten Haus auf dem alten Land. Ida Eckhoff, Besitzerin von Hof und Haus, hält das Leben mit Hildegard nicht mehr aus. Sie nimmt sich kurzerhand das Leben und lässt ihren Sohn mit den zwei Frauen zurück. Hildegard geht es ohne Ida besser, aber nicht gut genug. Sie flüchtet weiter in die Stadt und lässt ihre Tochter zurück. Vera bleibt an Karls Seite und erbt letztendlich den großen Hof und das alte Haus. Vera wird zur Einzelgängerin. Sie hat das Haus nie geliebt. Vera fürchtet sich darin, lässt es verwildern und sitzt ihre Zeit darin ab. Sie widmet sich den Pferden, der Jagd und Heinrich Lührs, ihrem Nachbarn, denn ganz ohne sozialen Kontakt lässt es sich auch nicht leben. Das Leben ist kalt, düstere Träume von der damaligen Flucht plagen sie und Liebe und Wärme sind die zwei großen Unbekannten.

Altes Land ~ Dörte Hansen
Altes Land ~ Dörte Hansen

Auf dem Land sollte man nicht immer nur hinschauen, sondern wegschauen.

„Kiek man nicht hen.“ (Seite 208)

Neue Stadt – Altes Land

Anne dachte, dass sie fest im Leben steht. Ihre berufliche Laufbahn kann zwar nicht als solche bezeichnet werden, denn sie hat zwar Tischlerin gelernt, arbeitet aber als nicht wirklich talentierte Musiklehrerin. Sie hat einen Sohn mit Autor Christoph und wohnt in Hamburg zwischen Ökomüttern.

„Sie waren zwei Leute mit einem Kind, lose verhäkelt, drei Luftmaschen.“ (Seite 70)

Christoph zieht scheinbar seit einiger Zeit seine Lektorin vor, welche relativ schnell Leon zum Halbbruder macht. Marlene war Anne nie eine richtige Mutter, das Verhältnis zu Bruder Thomas ist kein richtiges Verhältnis. Tante Vera scheint der einzige Ankerpunkt zu sein. Hamburg-Ottensen im Rücken – das alte Land vor der Brust.

Viel mehr möchte ich vom Inhalt nicht erzählen. Der Roman lebt von den Charakteren, die so verschieden sind, dass sie sich ähneln. Die Robustheit vom Dorf, trifft auf die Zärtlichkeit der Stadt. Verletzlichkeit, Verzweiflung und Verdrängung fühlen sich fast überall gleich an. Dörte Hansens Protagonisten leben sich aus und schleichen sich ins Leserherz, egal wie eigenartig sie sind. Sie wollen kein Mitleid, sie wollen keinen Platz für seitenlange Gefühlsduselei, sie wollen erlesen und erlebt werden und ab und an Plattdeutsch sprechen. Gerade Vera ist eine Person, über die man stundenlang reden könnte, sie lässt sich in kein Muster drängen, so unvorhersehbar außergewöhnlich ist sie. Der Roman lebt von der bildlichen Sprache, dem Sarkasmus und der Ironie. Der trockene Humor ist bei diesem Inhalt Pflicht und Dörte Hansen kann ganz wunderbar mit ihm umgehen.

Altes Land ~ Dörte Hansen
Altes Land ~ Dörte Hansen

Gummistiefelwelt

Beim Lesen stehen wir in Gummistiefeln neben dem alten Haus, riechen die Landluft und wollen nicht mehr in die Stadt zurück. Ankommen – so heißt das Zauberwort, von dem Anne und Vera nur träumen können. Ein gemeinsames Projekt könnte das Ziel einer langen innerlichen Reise sein. Einer Reise bei der immer wieder hoffnungslos versucht wurde, die richtigen Wurzeln zu finden, das jeweilige Mutterherz zu erobern. Die Quittung war die Fremde, die Ruhelosigkeit und die Enttäuschung.

Auch außerhalb der großen Stadt ist die Welt nicht heile. Aber sie blüht mit jedem Jahr neu auf, auch wenn das Dorf nicht jeden Gast mit offenen Armen begrüßt. Doch dafür gibt es Bauern, wie Dirk zum Felde. Er findet den richtigen Umgang mit Stadtmenschen, die sich gern als leidenschaftliche Landwirtschaftsmenschen ausgeben und das Land in die Stadt tragen wollen.

„Altes Land“ ist ein ruhiges Buch, welches am Kaminfeuer gelesen werden möchte. Es darf ruhig regnen, der Wind ums Dach fegen und die bunten Herbstblätter dürfen gern vorm Fenster tanzen. Bei einer Tasse Tee lässt sich dieses durch und durch lyrisch literarische Werk außerordentlich gut genießen. Nach der letzten Seite wirkt das Gelesene intensiv nach und lässt uns nicht sofort in das schnelle Stadtleben zurück kehren. Einige Leser bringt Dörte Hansen vielleicht sogar dazu, ihre High-Heel-Gedanken in Gummistiefel-Realitäten zu wandeln.

Eure
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Letztendlich geht es nur um dich

Letztendlich geht es nur um dich ~ David Levithan
Letztendlich geht es nur um dich ~ David Levithan

„Letztendlich geht es nur um dich“ – was für ein schöner Titel. Aber Moment mal, der kommt mir doch bekannt vor. Klar, David Levithan holt uns wieder zu sich. Nachdem er mit Letztendlich sind wir dem Universum egal mehr als überzeugt hat, zeigt er uns jetzt, wie es die ganze Zeit in Protagonistin Rhiannon ausgesehen haben muss. An dieser Stelle bitte ich alle LeserINNEN, die besagten Titel noch nicht gelesen haben, ihn zu lesen. Das Jugendbuch ist grandios und ein MUSS. Alle LeserINNEN die mit dem „Universum„, so nenne ich es mal, vertraut sind, dürfen gern weiterlesen.

Ähm – brauchen wir das eigentlich? Ein Gegenstück zum ersten Buch? Ich mein, wir kennen alle die Geschichte, sind begeistert und absolut gut unterhalten worden. Wozu dann noch diesen „zweiten Teil“, der fast identisch ist? Wir kennen doch Rhiannon – oder?

So dachte ich, als ich das neue Werk in den Händen hielt. Das Universum hat sich so in mir festgebrannt, dass ich den Inhalt auch nach zwei Jahren noch wiedergeben kann. Wozu dann zurück kehren? Die Fragen haben sich alle schnell beantwortet, denn kehren wir nicht immer gern an die Orte zurück, die uns beeindruckten, die uns einfach gefallen und an denen wir uns wohl fühlen? JA!

Letztendlich geht es nur um dich ~ David Levithan
Letztendlich geht es nur um dich ~ David Levithan

Rhiannons Perspektive

David Levithan hat es einfach drauf, falls ich das noch nicht sagte. Der zeitliche Abstand von zwei Jahren könnte nicht besser sein, auch wenn ich den Inhalt noch im Kopf hatte. Es ist so schön, endlich mehr von Rhiannon zu erfahren. Auf den Inhalt möchte ich hier in diesem Artikel nicht tief eingehen, eher auf die Lesestimmung, die Levithan mitbringt.

Rhiannon kannten wir bisher nur aus Sicht von A. Nun kommt sie selbst zu Wort und wir können ihre Beziehung zu Freund Justin aus der Nähe betrachten. Zudem waren wir damals nur in A und sind von Körper zu Körper gesprungen. Jetzt erleben wir wie es ist, wenn wir A begegnen. Der weiblichen A, dem männlichen A, dem A der überhaupt nicht passt und dem A der uns total entspricht. Was für ein Gefühlschaos. Ebenso intensiv und vielleicht stellenweise sogar schwerer und komplizierter, als aus der A-Perspektive.

Rhiannon und A schreiben sich Emails. Der einzige zuverlässige Weg, um Kontakt zu halten. Während des Lesens habe ich ab und an in beiden Büchern verglichen, ob die Mails gleich sind. Schließlich müssen diese ja 1:1 passen. Es gab minimale Abweichungen oder ich habe schief geguckt, da oft im „Gegenbuch“ die jeweilige Mail von Gedanken durchbrochen war. Es hat mir echt Spaß gemacht, zwischen den Büchern hin und her zu springen. Erst habe ich mit Rhiannon gefühlt, dann mit A oder umgekehrt. Grandios.

Letztendlich geht es nur um dich ~ David Levithan
Letztendlich geht es nur um dich ~ David Levithan

Gefühlswirbelsturm

Ich muss einfach schwärmen, obwohl ich anfangs wirklich skeptisch war. Es ist so schön, an einen buchigen Ort zu kommen, den man kennt. Alles ist vertraut und wir intensiviert und erneut in Erinnerung geholt. Keinesfalls gibt es langweilige Stellen, da Rhiannon uns diesmal nah ist und allerhand zu erzählen hat.

Die Gefühle spielen mindestens genauso verrückt, wie im ersten Buch, als A Hauptprotagonist war. Alle Fans vom Universum müssen es lesen und alle LeserINNEN die jetzt doch bis hier hin gelesen haben, sollten dringend zum Universum greifen. Aus meiner Sicht, sollte „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ zuerst gelesen werden, da es nunmal das erste Buch ist und einfach der beste Einstieg ist.

LESEN!!!

Eure
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Porno – keine Literatur

Göttin und Held ~ Gustaaf Peek
Göttin und Held ~ Gustaaf Peek

Ja, der Titel von dieser Rezension soll provozieren. Wenn nicht euch, dann eben mich selbst, denn ich frage mich immer noch, ob es hier mehr um Porno, als um Literatur geht oder ob dieser Roman einfach pornografische Literatur oder literarische Pornografie ist.

Der Roman von Gustaaf Peek (DVA) schlägt in den Niederlanden hohe Begeisterungswellen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese auch hier nach Deutschland schwappen können. Bei mir hat der Roman Wellen erzeugt, aber keine mit Begeisterung. Schon der Einstieg war holprig und ich kam erst nach knappen 40 Seiten richtig in Fahrt. Immer mehr konnte ich mich mit dem Aufbau des Romans anfreunden. Die Schreibe Peeks hat mir keine Probleme bereitet, auch nicht, dass er die wörtliche Rede nicht kennzeichnet. Wohl aber, dass der Roman am Ende beginnt und am Anfang aufhört. Es ist nicht so, dass ich damit nicht zu Recht komme, der Einfachheit halber hätte ich auch einfach mit Seite 332 – Kapitel 0 – beginnen können. Nein – das war es eigentlich auch nicht. Mir fehlte es an Inhalt in den regelrecht kurzgeschichtenartigen Kapiteln.

Der Sex lockte mich allerdings immer tiefer und tiefer ins Geschehen. Tessa und Marius. Marius und Tessa. Sex von oben nach unten. Von rechts nach links. Von schräg über quer. Mal schnell und mal langsam. Zart und wild, heftig derb und liebevoll zärtlich. Es wird keine Lebenslage ausgelassen, nicht nur das Bett wird im Hotelzimmer getestet und auch außerhalb ist alles möglich. Beide wollen mehr, wollen alles, wollen sich durch und durch und immer wieder neu und in allen möglichen Facetten.

Pornografische Literatur? Literarisches Porno?

Okay – der Sex ist gut, der Sex ist aufregend schön und ja, wer mag keinen Sex. So – und sonst? Irgendwann kommt doch der Punkt, an dem ich mich nach Inhalt gesehnt habe. Wie Tessa und Marius aussehen, egal in welcher Stellung, habe ich voll und ganz verinnerlicht. Ob Eichel, ob Vulva, ob Anus, ob Nippel oder Lippen – ich bin umfassend über sämtliche Körperteile informiert und kann mir nach letztendlich ähnlichen Beschreibungen vorstellen, wie diese spritzen, feucht werden und schmecken können. Tessa und Marius treffen sich oft, die Szenen wiederholen sich, aber wer sind denn eigentlich Tessa und Marius?

Göttin und Held ~ Gustaaf Peek
Göttin und Held ~ Gustaaf Peek

In „Göttin und Held“ stelle ich fest, dass Sex tatsächlich langweilig werden kann. Dies ist aber nur möglich, weil wir als Leser nicht selbst beteiligt sind, sondern ständig und intensiv zu lesen müssen und mehr wollen. In dem Fall nicht mehr Sex, sondern mehr von Tessa und Marius. Gustaaf Peek geht in den 5 Teilen mit insgesamt 50 Kapiteln eher sparsam mit den Gedanken und Gefühlen der Protagonisten um, zumindest außerhalb des Geschlechtsverkehrs.

Tessa und Marius kennen sich ihr ganzes Leben lang. Tessa macht mit Marius ihre ersten Erfahrungen, sie verbringen ihre Jugend miteinander und auch im Erwachsenenleben sehen sie sich oft. Manchmal heimlich und manchmal öffentlich, mal mehr und mal weniger. Doch wieso hat Tessa einen Sohn mit Paul und wieso hat dieser sich das Leben genommen? Wieso bedarf es einer Prostituierten und wie war das mit Billy?

Tiefgang?

Die Lebensgeschichten mit Tiefgang bleiben einfach verborgen, da die Details den sexuellen Handlungen gehören. Fragen bleiben offen. Es fehlen schlicht und ergreifende die Hintergründe, die Wandlungen im Gefühlsleben, allgemein sämtliche Beziehungsverbindungen. Die Charaktere bleiben grau und der rote Faden wird ständig zerschnitten.

Natürlich spüren wir als Leser den langsamen Verlust der Lebensliebe und merken, welche verpassten Wege im Alter nachhängen. Peek verdeutlicht das ständige Hin und Her zwischen zwei Menschen, die sich lieben und begehren oder doch eher nur um den Trieb zu stillen, benutzen…?!

Mir hat schlicht und ergreifend die inhaltsreiche Literatur gefehlt. Schade. Schade. Schade, denn Peek kann schreiben. Er spielt mit der Länge der Sätze, verschachtelt und verkompliziert genauso stark, wie er vereinfacht. Er schürt die Neugierde und das spannungsgeladene Verlagen, lässt uns dann aber wie auf einer Wippe mit der Frage „Warum?“ verhungern.

Eure
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84, Charing Cross Road ~ Helene Hanff

84, Charing Cross Road ~ Helene Hanff
84, Charing Cross Road ~ Helene Hanff

84, Charing Cross Road“ von Helene Hanff – ihr habt es doch sicher schon in einer Buchhandlung gesehen oder in den Weiten des Internets angetroffen? Oder? Egal wie, es wird jetzt endlich Zeit, dass ihr den Roman, dieses wundervolle Büchlein, bestehend aus vielen Briefen, kennenlernt. Gemeinsam mit Lesebienchen habe ich es gelesen und wir haben uns natürlich darüber unterhalten. Ganz locker und recht kurz und knapp, so wie es sich für ein schmales Buch gehört.

Vor gefühlt einer halben Stunde bin ich in Helen Hanffs Briefe eingetaucht. Als ich auftauchte, hatte ich alle Briefe regelrecht inhaliert, eine Lesepause war unmöglich. Ging es dir ähnlich oder hast du dir die Briefe eingeteilt?

Mir ging es ähnlich. Das Buch liest sich aufgrund des flüssigen Schreibstils sehr schnell und ich habe es relativ rasch hintereinander weg gelesen. Und außerdem wollte ich, wie es ja bei guten Briefromanen meistens ist, schnell wissen, wie die jeweilige Antwort lautet.

Einfach mal einen Brief mit einer Liste voller buchiger Probleme an eine Buchhandlung in einem anderen Land schreiben. Wäre das heute noch möglich?

Wenn man an eine kleine Buchhandlung schreibt, die persönlich und mit Herzblut geführt wird, kann ich mir das gut vorstellen. Bei großen Ketten stell ich mir das schwierig vor.

Wenn du an das Antiquariat geschrieben hättest – welche Bücher hättest du auf die Liste der „Probleme“ gesetzt?

Da fallen mir auf Anhieb entweder zu viele oder gar keines ein. Heutzutage stehen wir ja zum Glück oder auch Pech? nicht mehr vor dem Problem, irgendetwas nicht bekommen zu können, denn dank bekannter Riesenunternehmen kann man heute bestellen und bekommt es morgen oder vielleicht noch am selben Tag geliefert. Die entschleunigte Art und Weise des Romans führt einem aber noch einmal sehr deutlich die Gehetztheit und permanente Verfügbarkeit unserer Gesellschaft vor Augen.

84, Charing Cross Road ~ Helene Hanff
84, Charing Cross Road ~ Helene Hanff

Brieffreundschaft

Die Briefe sind voller Humor, voller Ironie und Witz und stellenweise richtig schön trocken geschrieben. Findest du auch? Magst du Helens Schreibe?

Absolut. Helen Hanff schreibt frisch von der Seele weg und nimmt kein Blatt vor den Mund. Da muss dann auch mal der Antiquar eine kleine Schimpftirade über sich ergehen lassen.

Könntest du dich über einen Brief, über mehrere Briefe lang verlieben? Mir hat es stellenweise beim Lesen im Bauch gekribbelt…

Ehrlich gesagt nein, weil ein Mensch für mich in der Realität verankert sein muss.

Das Buch gibt es in zwei verschiedenen Ausgaben. Welche gefällt dir persönlich besser?

Die Ausgaben sind beide schön. Ich habe die eher altmodische aus dem Hause btb, du die aus meiner Sicht neumodische aus dem Hause Atlantik. Deine ist heller und sieht nach Buchhandlung aus, meine eher dunkel und antiquarisch angestaubt. Man kann herrlich über die Cover diskutieren und sich ausdenken, um was es geht. In beiden Büchern finden wir wahnsinnig tiefe, lustige und lebensechte Briefe.

Helen Hanff lebt in New York und korrespondiert mit einem Antiquariat in London. Welche Stadt bevorzugt dein Leserherz?

Schwer zu sagen. Ich glaube mein Leserherz ist nicht stadtabhängig. Ich habe in beiden Städten schon gelesen und ich war in beiden Städten in Buchhandlungen. Gleichstand würde ich sagen.

84, Charing Cross Road

Merkt euch den Namen vom Buch, nur merkt euch den Namen nicht als Adresse, es sei denn, ihr wollt in London zu McDonalds gehen. Ihr solltet es einfach lesen, denn Bücher mit Briefen lockern das Leseleben neu auf und machen so viel Lust, selbst zu schreiben und Briefe zu bekommen. Ein rasantes und durch und durch buchiges Lesevergnügen wartet auf euch. 160 Seiten gespickt mit wachsender Freundschaft und völlig facettenreichen Briefen.

Eure
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Amoz Oz erobert das Kino und ihr könnt gewinnen

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis
Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Amoz Oz – ein Name den wohl jeder Literaturliebhaber kennt. Kann man das so sagen? Ich habe immer nur von ihm gehört, nie von ihm gelesen, aber jetzt von ihm gesehen.

Seit Donnerstag – 03.11.2016 – ist der Film „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ in den Kinos. In Dresden wird er in der Schauburg, einem sehr gemütlichen Kino, ausgestrahlt. Nun habe ich den Film zwei Tage auf mich wirken lassen und erzähle euch heute darüber.

Der 10-jährige Amos kann seine Kindheit nicht wirklich genießen und ausleben. Er lebt mit seinen jüdischen Eltern, Fania und Arieh, in Palästina. Der Krieg und die Flucht haben Spuren hinterlassen und nicht nur Hoffnung und hohe Erwartungen gebracht. Vor allem seine Mutter Fania verkraftet ihr Leben nicht. Oft versucht sie Aufheiterung in das Familienleben zu bringen. Sie erfindet gern Geschichten unterschiedlicher Art. Amos hört ihr gern zu und wird dadurch von ihr sehr geprägt. Er soll später Schriftsteller werden.

Sein Vater Arieh ist Schriftsteller und ein sehr gebildeter Mann. Er und Fania haben zwar den gleichen Bildungsstand, aber Liebe gibt es zwischen dem Ehepaar nicht mehr. Obwohl Israel nun unabhängig ist, geht es Fania immer schlechter. Ihre Hoffnungen sind erloschen, sie vereinsamt in sich selbst und leidet unter schweren Depressionen. Weder Amos noch Arieh können ihr helfen. Doch eines ist klar: Amos muss sein Leben leben und einen Neuanfang wagen, auch wenn ihm seine Mutter und ihre vielen Geschichten fehlen werden.

Film oder Buch

Die Basis des Films „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ ist der gleichnamige Roman von Autor Amos Oz. Im Jahr 2008 ist im Suhrkamp Verlag eine Sonderausgabe zum 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 2008 erschienen. Da ich das Buch nicht gelesen habe, ist mir kein direkter Film-Buch-Vergleich möglich.

Ich muss gestehen, dass ich eine Weile brauchte, um den tiefen Inhalt des Films zu verarbeiten und zu überdenken. Ohne jegliche Vorinformationen habe ich das Geschehen auf der Leinwand auf mich wirken lassen. Der Film ist leise, traurig, bedrückend und von vielen aufeinanderfolgenden Szenenwechseln geprägt. Durch das Wissen, dass der Film eine autobiografische Basis hat, ist Gänsehaut vorprogrammiert.

Hätte ich das Buch gelesen, wäre der Inhalt wohl intensiver auf mich eingeströmt, so denke ich nun im Nachhinein.

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis - Film und Buch
Eine Geschichte von Liebe und Finsternis – Film und Buch

Charaktere und Fazit

Natalie Portman spielt nicht nur die Hauptrolle der Fania, sondern hat auch hinter den Kulissen einen großen Anteil am Film, denn sie gehört zum Produzententeam. Persönlich liegt ihr der Film sehr am Herzen. Eine bessere weibliche Besetzung könnte der Film wohl kaum bekommen, denn Natalie Portman besticht durch ihre Schönheit und spielt die Rolle der depressiven Fania die immer mehr den Boden unter den Füßen verliert, sehr gut. Authentischer Gleichklang.

Die Rolle des Amos wird von drei Schauspielern gespielt, da wir diesen nicht nur als 10-jährigen Jungen, sondern auch als 16-jährigen jungen Mann und als über siebzig jährigen alten Mann in der Gegenwart erleben. Amos – der Junge der den Verlust der Mutter hinnehmen musste und sich sein Leben lang fragte, warum sie sich selbst verlieren konnte. Diese Frage machte ihn zum Schriftsteller.

Schauspieler Gilad Kahana verkörpert den intellektuellen Arieh. Er versucht Amos zu einem Genie zu machen und sieht in ihm ein Wunderkind. Dabei raubt er ihm ein Stück Kindheit und erhofft sich selbst großen Erfolg.

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ ist eine tiefgründige und facettenreiche Familiengeschichte. Im Mittelpunkt steht das Erwachsenwerden in einem Elternhaus, in dem die Liebe fehlt und in einem Land, in dem gerade ein Neubeginn stattfindet.

Ein Film der wohl kein Bestseller unter den Filmen wird, aber durchaus sehenswert ist und lange nachwirkt, da einzelne Szenen für Gesprächsbedarf sorgen.

Schauburg Dresden
Schauburg Dresden

Ihr wollt Kinokarten gewinnen?

Kein Problem, denn KOCH MEDIA präsentiert nicht nur den Film, sondern stellt den Lesern von Literatwo zwei Kinokarten zur Verfügung. Verratet mir doch, ob ihr das Buch gelesen habt und ob ihr ins Kino gehen wollt. Schickt parallel eine Email an literatwo@aol.de und erfahrt am 10.11.2016 ob ihr gewonnen habt.

Update: Vielen Dank für eure Kommentare und Empfehlungen. Über die Kinokarten darf sich Ute freuen! Viel Freude im Kino.

Eure

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Girl on the Train ~ Buch top – Film flop?

Girl on the Train ~ Paula Hawkins
Girl on the Train ~ Paula Hawkins

Girl on the Train – diese Worte genügen, um mich gedanklich in einen Zug zu katapultieren.“

Mit eben diesen Worten beginnt mein Artikel zu Paula Hawkins Buch. Vor ein paar Stunden war ich im Kino, denn seit heute ist die Buchverfilmung bei uns in den deutschen Kinos zu sehen. Ich war etwas aufgeregt, denn das Buch hat mir stellenweise Gänsehaut beschert. Da ich nicht der Kinotyp bin und erst Recht keine Filme mit „Psychoelementen“ außerhalb des heimischen Wohnzimmers sehen kann, war ich etwas skeptisch. Ja, so will ich es nennen. Der Trailer hat mich total gepackt, gedanklich ins Buch zurück versetzt und ich war einfach mega gespannt und musst ihn einfach sofort sehen.

Kennt ihr den Trailer schon?

Was sagt ihr zum Trailer? Spannend oder?

Mich hat er total gepackt und ich war lange nicht so schnell im Kino. Da ich zwei männliche und zwei weibliche Begleiter an meiner Seite hatte, durfte ich wieder nichts verraten. Für mich ist es zudem jedes Mal spannend, wie mein nicht lesendes Umfeld reagiert. Heute hatten wir allerdings sehr ähnliche Meinungen.

Buch top – Film flop? Ja, zumindest ist die Tendenz richtig. Durch das Buch bin ich gejagt. Ich habe es förmlich verschlungen und kaum aus der Hand legen können, wie ihr es in meinem Artikel lesen könnt. Im Kino habe ich mich allerdings stellenweise gelangweilt. Popcorn hätte ich nicht gebraucht und meine Zweifel dass Stellen kommen könnten, bei denen mich die Gänsehaut überrollt, waren völlig falsch.

Vom Trailer verführt

Richtig schlecht möchte ich den Film aber auch nicht machen, denn das hat er nicht verdient. Der Film ist gut, keine Frage. Aber er ist nicht so schnell und spannungsgeladen, wie es der Trailer verspricht. Ich bin sogar geneigt dazu zu sagen, dass der Film nicht mal annähernd so gut ist.

Meine Bilder aus dem Buch hat der Film sehr gut wieder gegeben. Ich kenne mich mit Schauspielern nicht aus, aber alle Rollen sind perfekt besetzt. Rachel, Tom und Anna sind sehr nah an meinen eigenen Bildern, die Autorin Hawkins bei mir während des Lesens erzeugte, dran. Megan habe ich mir etwas anders vorgestellt, aber dennoch ist die Rolle stimmig.

Fazit: Wer viel Spannung erwartet, wird gnadenlos enttäuscht. Der Film ist viel ruhiger als das Buch. Kinogänger die das Buch nicht kennen, werden den Film als „ganz okay“ einstufen. Und ich Leser? Ich bin irgendwie enttäuscht, denn der Trailer hat meine Erwartungen einfach zu hoch getrieben…

Eure

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George – Mädchen oder Junge?

George ~ Alex Gino
George ~ Alex Gino

Mädchen oder Junge?

Bisher habe ich noch keinen Transgender-Roman gelesen. Ich bin immer und immer wieder drumherum geschlichen, doch nie habe ich zugegriffen. Wegen des Themas? Weil ich zu den Leuten gehöre, die diese Menschen verachten? Um Himmels willen – nein, niemals!

Ich selbst bin ein sehr offener und toleranter Mensch und jeder Mensch kann leben und lieben, wie und wen er möchte, wenn er sich selbst und keinen seiner Mitmenschen damit gefährdet. Meine Omi würde jetzt die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, denn sie gehört leider noch zu der Generation, die mit Scheuklappen vor den Augen durchs Leben geht. Sie hält sich die Ohren zu, wenn wir über unseren schwulen Nachbarn reden oder über eine lesbische Kollegin. Sie findet es ekelhaft, wenn sich gleichgeschlechtliche Menschen küssen. Gegen die Menschen selbst hat sie nichts, aber sie möchte es einfach nicht sehen, nicht wissen und es wäre ein Drama für sie, wenn es Homosexualität bei uns in der Familie gäbe. Das ist traurig, aber daran kann ich nichts ändern, wobei ich es oft versucht habe. Mir bleibt nur übrig, zu akzeptieren. Aber ich versuche dennoch weiterhin, ihr Weltbild zu ändern.

Alex Ginos Protagonist George ist allerdings nicht schwul, sondern er möchte gern ein Mädchen sein. Er sieht sich selbst als Mädchen an, als Mädchen im falschen Körper.

George ~ Alex Gino
George ~ Alex Gino

Falscher Körper

George ist 10 Jahre jung und merkt von Tag zu Tag mehr, dass sie kein Junge ist. Sie in Zusammenhang mit Junge? Ja, denn genau in der Form ist auch Ginos Roman geschrieben. Eine Form die ich persönlich sehr mag und an die man sich schnell als Leser gewöhnt. George habe ich dadurch von Anfang an als Mädchen vor mir gesehen.

George liebt es Mädchenzeitungen zu lesen. Sie stellt sich immer vor, dass die Mädchen darin ihre Freundinnen sind. Allerdings muss sie diese verstecken, denn es wäre nicht wirklich gut, wenn die Mutter diese findet. Was würde sie über ihren Sohn denken? Was will ein Junge mit Schminktipps? George liebt es außerdem, jede Menge Zeit mit ihrer besten Freundin Kelly zu verbringen. Bei Kelly hat Georg das Gefühl, so sein zu können, wie sie gern sein mag. George nennt sich selbst Melissa.

„George wusste also, dass es möglich war. Ein Junge konnte zu einem Mädchen werden.“ (Seite 55)

George ihr größter Wunsch ist es, die Rolle der Charlotte im Theaterstück an der Schule zu spielen. Mit Kelly übt sie die Rollen, um beim Vorsprechen richtig gut zu sein. George fasst allen Mut zusammen und schlüpft als einziger Junge in die Rolle von Charlotte. Kelly drückt George die Daumen, doch Charlotte soll von einem Mädchen gespielt werden. Kelly soll Charlotte sein. Eine Welt bricht für George zusammen…

George ~ Alex Gino
George ~ Alex Gino

Wandlungen

Was dann passiert, möchte ich euch an dieser Stelle nicht verraten. Mir schnürt es das Herz zusammen, wenn ich an die nächsten Ereignisse denke. Ereignisse die wahnsinnig schön, bewegend, lustig und traurig zugleich sind.

Autor Alex Gino kennt seit über 20 Jahren die transgender Bewegung und konnte durch seine Erfahrungen dieses Kinderbuch schreiben. Genau das merkt man, denn Gino legt wahnsinnig viel Feingefühl und Gespür in seine Figuren. Sie fühlen sich lebensecht an und man ertappt sich selbst dabei, seine eigenen Gedanken zwischen den Seiten zu finden.

Mit Freude habe ich gelesen, was George passiert, welchen Mut sie in sich hat und wie sich ihr Umfeld verhalten und gedreht hat. Wie soll man sich verhalten, wenn das eigene Kind das Gefühl hat, im falschen Körper zu stecken? Georges Mutter ist im Zwiespalt. Will man als Mutter nicht immer nur das beste? Oder will man durchsetzen, was man für sich als das beste empfindet? Gino öffnet Augen und gibt indirekte Antworten.

Was liebe ich dieses Buch. Oh, was liebe ich es. So ein Goldstück der Literatur! Die Charaktere sind so stark gezeichnet, so plausibel, so offen und Gino schreibt so authentisch, so kindgerecht.

Du bist heterosexuell? Oder bist du homosexuell? Du hast das Gefühl im falschen Körper zu sein? Oder das Gefühl im richtigen Körper zu sein? Du bist ein Kind? Nein, du bist kein Kind mehr? Du hast Kinder? Du hast keine Kinder? Ach, du bist Pädagoge? Du bist kein Pädagoge? Du bist zwischen 8 und 99 Jahren alt? Sobald du eine Antwort mit JA geben kannst, gehörst du zu den Menschen, die dieses Buch lesen sollten. Es erweitert den eigenen Horizon, beinhaltet viel Gefühl und eine Geschichte, die jeder kennen sollte.

Lies GEORGE und SEI, WER DU BIST!

Eure
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Niagarafälle und Handfeuerwaffen

Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco
Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco

Handfeuerwaffen besitze ich keine, an den Niagarafällen war ich allerdings schon. Also, warum nicht wieder hin? Oft verweilte ich noch nicht an Alessandro Bariccos Seite, wenn ich aber an seiner Seite verweilte, dann intensiv. „TORNATE – O MORIRÒ…“ – Arndt hat mich an Seide herangeführt und ich folgte auch seinen Rufen und zog die Smith & Wesson.

Baricco hat schon einmal gezeigt, dass er sich vor allem in schmalen Büchern sprachlich und inhaltlich verausgaben kann. Also setzte ich voraus, dass er mich mit über 100 Seiten ebenfalls fesseln und begeistern wird. Schnell wird klar, dass hinter dem Titelnamen keine Firma steckt, sondern zwei Menschen. Einer trägt den Nachnamen Smith, der andere trägt den Nachnamen Wesson. Beide können einander kaum glauben und einigen sich darauf, sich bei dem Vornamen zu nennen. Diese sind allerdings Tom und Jerry.

Bei uns Lesern ist also nach 20 Seiten das Grinsen schon im Gesicht verankert und die leise Vorahnung, wie es wohl weiter geht, scheint lauter zu werden. Zu den zwei recht sonderbaren Figuren, gesellt sich eine weibliche, namens Rachel, dazu. Dabei wollte Wesson doch eigentlich nur in Ruhe im Bett liegen und seine inneren Organe mit Bohnenpüree wieder in Ordnung bringen. Erst hindert ihn der oberkluge Meteorologe Smith daran, nun kommt auch noch die dreiundzwanzig Jahre alte, von zu Hause weggelaufene und erfolgslose Neu-Journalistin daher.

Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco
Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco

Vorhang auf

Das schmale Buch beginnt nicht nur wie ein bühnenreifes Theaterstück, sondern sieht auch optisch so aus. Das Schriftbild präsentiert ein Bühnenstück, wie auf nachfolgendem Bild zu erkennen ist. Man nehme sich zwei weitere Leser und schon kann man selbst die Szenen nachstellen. Anfangs war ich skeptisch, ob ich mich mit dieser Form anfreunden kann. Es hat aber nicht lange gebraucht und schon hatte ich drei Stimmen im Kopf und das lesende Schauspiel konnte beginnen.

Alessandro Baricco ist und bleibt ein schreibender Meister und er probiert sich gern neu aus, was ihm erneut gelungen ist. Einen Baricco hinterfragt man an dieser Stelle wohl kaum, man liest ihn, man genießt ihn.

Seine gescheiterten Charaktere tanzen nun an den Niagarafällen entlang, um eine Stelle zu suchen, die das Unmögliche wahr machen soll. Eine Stelle die in die Geschichte eingehen und ihre Namen in die Welt hinaus tragen soll. Drei graue Menschen sollen bunt werden…

Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco
Smith & Wesson ~ Alessandro Baricco

„21. Juni 1902, morgen. Im kristallklaren Licht eines strahlenden Sonnentages wird Rachel Green, dreiundzwanzig Jahre alt, der erste Mensch auf der Welt sein, der die Niagarafälle in einem leeren und leidlich neuen Bierfass hinabstürzen wird. Fortan wird niemand ihren Namen je wieder vergessen können.“ (Seite 93)

Wird dieses Unterfangen von Erfolg gekrönt sein? Kann Rachel endlich mit der Geschichte ihres Lebens Karriere schreiben? Ändern sich die drei Leben oder muss das Scheitern akzeptiert werden?

All diese Fragen beantwortet Baricco auf seine Art. Und am Ende stellen wir Leser fest, dass sich kleine Bühnenstücke genauso sehr in unserem Herz verankern können, wie die großen Romane mit tausenden von Seiten. Es braucht eben nur die richtigen Worte, außergewöhnliche Charaktere die auf den ersten Blick nicht greifbar erscheinen und kleine Wasserspritzer voller Liebe, Freundschaft, Zusammenhalt und auch Mut, das Unmögliche zu wagen.

Passt auf euch auf, wenn ihr an den Niagarafällen seid. Es geht tief runter und doch ist der Blick einmalig, regelrecht gigantisch und kraftvoll.

Eure
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Zum Glück braucht mich niemand

Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg
Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg

Braucht mich niemand?

Zum Glück bemerkt mich niemand…dachte ich von Liv Marit Weberg habe ich im Februar 2015 gelesen. Ein nicht ganz einfach zu verstehender Roman – ich habe mich mit Nanni darüber ausgetauscht und zwar ganz einfach über Whatsapp. Nach unserem Gespräch ging es uns dann mit dem Gelesenen besser.

Nun trudelte in den letzten Tagen das neue Buch von der Autorin ein. Ich war ziemlich überrascht, da ich überhaupt nicht damit rechnete. Im ersten Buch war kein Hinweis zu finden, dass es eine Art Fortsetzung geben wird, denn die hat es auch nicht gebraucht. Dennoch können beide Bücher einzeln gelesen werden, es besteht kein direkter Zusammenhang. Neugierig habe ich mich in das fast gleichnamige Buch begeben. Wurde Protagonistin Anne Lise zuerst nicht bemerkt, wird sie nun nicht gebraucht. Jedenfalls nimmt sie das an.

Innerhalb von einem Tag habe ich mich durch das Buch, welches aus vielen kurzen Kapiteln besteht und mit knackigen Worte zum jeweiligen Inhalt überschrieben ist, gelesen. Und nun fühle ich nach und denke und bin mir wieder nicht sicher, ob ich es empfehlen kann.

Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg
Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg

Erträgt uns niemand?

„Zu schüchtern für eine Beziehung – aber so verliebt, dass es kaum auszuhalten ist.“ – diese recht spritzigen Worten begegnen uns auf dem Rücktext des Buches. Worte die mich erreichen und neugierig machen und kurzerhand ins Buch ziehen. Anne Lise – wir kennen uns sozusagen und eigentlich müsste ich wissen, wem ich da gegenüber trete. Anne Lise – ein recht eigenartiges und vor allem schüchternes Mädchen.

Nun ist alles gut – sie hat einen Freund namens Stian, auch Brille genannt. Sie lebt mit ihm zusammen und sie arbeitet mit ihm gemeinsam in einer Tierhandlung. Die erste große Liebe, alles fühlt sich wunderbar an. Doch wunderbar ist nicht genug und genau in dem Moment, als Anne Lise das vollkommene Glück hat, nimmt sie es nicht wahr. Sie läuft weg.

Zurück zu den Eltern, die keine Eltern im Sinne von einem Paar mehr sind. Ihre Mutter hat einen neuen Freund, es gibt neue Geschwister und überhaupt ist alles neu und nicht mehr so wie alles einmal war. Anne Lise muss wieder weiter, sie zieht es jetzt nach Oslo in eine WG mit Marianne. Die meint recht schnell zu ihr, dass Drogen eine gute Lösung sind, denn „…Du musst wissen, Glück lässt sich chemisch herstellen.“ (Seite 102)

Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg
Zum Glück braucht mich niemand ~ Liv Marit Weberg

Oslo da bin ich

Eine neue Arbeit muss her und die ist relativ schnell gefunden. Es ist wieder eine Tierhandlung und ihr Chef heißt Roy. Er bleibt nicht ihr einziger neuer Kontakt, denn bald kann sie Yasmin als ihre Freundin nennen. Doch ist das ihr neues Leben, das Leben, was Anne Lise wollte?

„Das Leben ist zu kurz, um nicht ganz genau das zu machen, worauf man Lust hat.“ (Seite 131)

Anne Lise ist kein alltäglicher Charakter. Man mag sie oder man mag sie nicht. Ich selbst bin mir nicht sicher, denn Liv Marit Weberg schreibt so spritzig frisch und stellenweise so schön trocken, dass man weiterlesen, sie mögen und vor allem verstehen will. Ihr Ziel ist einfach und klar: sie möchte ertragen werden.

Doch während sie immer weiter in eine depressive Phase schlittert, macht sie es sich nicht nur selbst, sondern auch ihren Mitmenschen schwer. Ihr Leben ähnelt einer Berg und Tal fahrt. Sie rennt weg und ist alleine, dann kommt sie mit neuem Selbstbewusstsein zurück und versucht im Mittelpunkt zu stehen. Sie taumelt wie ein Blatt im Wind hin und her und versucht auf ihre Art auszubrechen, anzukommen und negative Gedanken durch positive zu ersetzen.

Wir werden alle gebraucht und wer eine recht eigenartige und doch liebenswerte Protagonistin braucht, der sollte Anne Lise kennenlernen.

Eure

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