Die Party ~ Elizabeth Day

Party
Die Party ~ Elizabeth Day

Ich bin nichts ohne dich (Seite 348)

„Die Party“ (Dumont) – das klingt schon förmlich nach einem Roman der ganz zu meinem Lesegeschmack passt. Es darf wild sein, es darf außergewöhnlich und andersartig sein. Das Cover deutet schon daraufhin, denn so ein Gurt hängt ja nicht serienmäßig aus der Autotür, es muss etwas passiert sein.

party [´pa:(r)ti], s., pl.: parties

Wir bekommen erklärt, was Party bedeutet, bevor wir uns auf einer wiederfinden. Vorerst sitzen wir in einem weiß-grauen Vernehmungsraum. Martin wird von zwei Beamten zum Hergang der letzten Party befragt. Sein bester Freund Ben feierte seinen 40. Geburtstag. Ganz nobel und schillernd mit vorwiegend bekannten Gästen der Oberschicht. Martin durfte mit seiner Frau Lucy bis zum Ende der Veranstaltung dabei sein. Es ging hoch und feuchtfröhlich, anschließend recht bitter her und nun schwebt eine Brise Rache über Martins Kopf.

Bis auf seine recht unherzliche Kindheit und das er vielleicht nicht der schönste Mann auf Erden ist, hat Martin auf der Welt nichts auszustehen. Er ist klug, er meistert Schule und Berufsleben und er ist inzwischen verheiratet. Finanziell steht er nicht so gut wie sein bester Freund Ben da, aber er gehört mit zur Familie und kann dadurch nicht klagen. Martin und Ben sind beste Freunde seit der Schulzeit und Martin kann nicht ohne Ben. Er vergöttert ihn regelrecht gnadenlos, durch und durch. Ben ist für Martin wie die Luft zu atmen, er wäre gern er, er kann nicht ohne ihn. Martin ist Bens kleiner Schatten.

Glamour und Macht

Aus Kindern werden Jugendliche, aus Jugendlichen werden Erwachsene und Ben zieht sich nach dem was passiert ist zurück. Das was damals geschah, hat Spuren hinterlassen, auch wenn es nie groß ein Thema war. Ben und seine Ehefrau wollen auf der Party endlich einen Schlussstrich.

Zufriedenheit mit kurzen Glücksmomenten ist das Beste, worauf wir hoffen können. (Seite 314)

Party
Die Party ~ Elizabeth Day

Der Roman startet wie die meisten Partys. Es geht los, die Musik wird lauter, man lernt sein Umfeld kennen, tastet es mit Blicken ab und die Stimmung wird besser und besser, bis der Höhepunkt erreicht ist. Schon ab der ersten Seite erzeugt Autorin Elizabeth Day ein bestimmtes Brodeln was von Seite zu Seite stärker wird. Finden wir uns zu Beginn in einem Vernehmungsraum, tanzen wir auf den nächsten Seiten schon fast auf der Party. Wiederum ein paar Seiten später lernen wir Martin als Kind kennen und kurz darauf lesen wir im Notizbuch von Lucy, Martins Ehefrau. Diese geschickten Sprünge sind Days Kniffe, um uns Leser im Buch zu halten und verleihen dem Roman kriminalistische Züge.

Psychologisch geschickt!

Doch sag mal, wie gut kennst du eigentlich deinen besten Freund? Hast du darüber schon nachgedacht? In jeder Beziehung sollte ein ausgeglichenes Nehmen und Geben existieren.

Der Roman ist in mehrere Teile gegliedert und die Kapitel sind ganz unterschiedlich lang. Mal recht ausschweifend und tiefgründig und dann kürzer und voller knackiger Handlungen. Die Charaktere sind eindringlich beschrieben, es fehlt nicht an Emotionen und der Kampf zwischen der Ober- und Unterschicht wird während der 400 Seiten immer deutlicher. Spannung kann so unblutig, sogar schillernd sein, wenn sie auf psychologischer Ebene erfolgt. Liebe, grenzenlose Hingabe und Freundschaft sorgen für gute Unterhaltung, Ernüchterung und regen zum Nachdenken an. Wir erleben eine vielschichtige Party aus zwischenmenschlichen Beziehungen und erleben was Geld neben dem Verändern noch alles kann.

Lasst euch auf die Party ein, auf die Welt der Reichen und Schönen und gebt euch einem Machtkampf hin, der brodelt und brodelt, bis er am Ende richtig ausbricht. Psychologisch geschickt, spannend und am Ende sind die Nebenwirkungen eines Katers spürbar.

Eure
Party

Tage ohne Hunger ~ Delphine De Vigan

Tage ohne Hunger
Tage ohn Hunger ~ Delphine De Vigan

Ein knochiger Körper. Eine junge Frau die vor Schwäche kaum noch leben kann. Laure – hochgradig magersüchtig. Und jetzt, kurz vor der Begegnung mit dem Tod, in einer Klinik. Sie bleibt nicht gleich, aber sie bleibt und begibt sich in die Hände eines Arztes. Sie vertraut.

Für Laure beginnt ein völlig neues Leben. Sie muss sich mit Kalorien und Fett anfreunden – ihre größten Gegner. Sie muss eine Magensonde tragen und sie hat kranke Mitmenschen um sich. Die 19-jährige wird ab und an besucht, denn sie wird in diesem Klinikzimmer mehrere Wochen verbringen. Der erste Schritt in ein normales Leben ist getan und Laure kann es schaffen, wenn sie will und sich schnell dazu entschließt. Ihr Körper besteht fast nur noch aus Knochen – sie ist ein 1,75m großes Skelett, sie wiegt 36 kg. Kaum vorstellbar. Schlimm. Schmerzhaft, wenn man nur daran denkt.

Laure ist kalt, sie friert, sie muss sich wärmen, denn ihr Organismus fährt auf der letzten Stufe. Laure sucht Beachtung, die Magersucht ist ihr Hilfeschrei – der Auslöser ihrer Krankheit sind ihre Eltern. Aber das Hungern gibt ihr Kraft, gibt ihr Macht und es fühlt sich gut an. Ein Teufelskreis.

Magersucht

Nun lebt sie in der Klinik, dank des Arztes – ihrem Anker, dem sie vertraut, durch den sie den Versuch der Heilung wagt. Laure beobachtet ihr Umfeld. Sie lebt in einem Leben im Leben und lernt Menschen kennen, die anders krank sind und beginnt zu schreiben, von den anderen herausragenden, regelrecht schillernden, Persönlichkeiten und ihren Problemen.

Tage ohne Hunger
Tage ohn Hunger ~ Delphine De Vigan

Schon wenn ich die Romane von Autorin Delphine De Vigan sehe, habe ich ein gutes Bauchbuchgefühl. Egal über welches Thema sie schreibt, sie hat mein Vertrauen. Ich weiß, dass sie mich durch ein Leben führt, an das ich mich erinnern werde. Sie stellt mir Charaktere vor, die beeindruckend sind und sie schreibt dicht und tief, auch über Magersucht. Knappe 178 Seiten war ich an Laures Seite, 13 Kapitel durch maagere leere Seiten getrennt, passend zum Leben der Hauptprotagonistin.

Kämpft gegen die Sucht!

Delphine De Vigan hat es wieder geschafft, ein wichtiges Thema in aller Tiefe in einem Roman unterzubringen. Ihr müsst nicht magersüchtig sein, um dieses Buch zu lesen. Es ist eher ein bewegender Ausflug in ein Leben einer Süchtigen und deren Leidensgenossen. Der Roman ist keine schwere Kost, eher eine wichtige Kost, um zu sehen und regelrecht zu fühlen, wie es in diesen Menschen aussieht. Der Roman rüttelt wach und bietet einen bewegenden Ausflug in ein krankes, aber heilbares Leben. Und er gibt Kraft!

Einen Roman von Delphine De Vigan solltet ihr kennen. Ich habe meinen Vigan-Leseweg mit „No & ich“ begonnen, danach kam der Roman „Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin„. Anschließend tauchte ich in „Nach einer wahren Geschichte„, um in „Das Lächeln meiner Mutter“ alles zu erfahren. Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Roman aus ihrer Feder – ein MUSS, selbstverständlich.

Eure
Tage ohne Hunger

Marlenes Geheimnis ~ Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis ~ Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis ist ein Roman in dem man sich fallen lassen kann. Er geht ans Herz, lässt uns lächeln und berührt zugleich tief.

Eingeschworenen Brigitte Riebe Lesern muss ich nicht erzählen, dass es sich hier nicht um einen plumpen Liebesroman handelt. Das Cover lässt erahnen, das eine weibliche Protagonistin im Mittelpunkt steht, das der Roman an einem See, hier der Bodensee, spielt und die Farben vermitteln Freiheit und ein beschwingtes Gefühl.

Von Marlenes Geheimnis ahnt weder ihre Halbschwester Vicky, noch ihre Nichte Nane etwas, als sie Eva beerdigen. Während Nane noch um ihre verstorbene Großmutter trauert, ist ihre Mutter schon längst wieder über alle Berge. Wegrennen kann sie gut, so ist es schon immer. Ihr Halbschwester Marlene freut sich über den verlängerten Besuch ihrer Nichte. Die Gegend um den Bodensee ist schön, macht den Kopf frei und Nane kann sich in Ruhe dort umsehen, wo Marlene arbeitet.

Nane erkundet die Schnapsbrennerei und sie trifft alte Bekannte wieder. Ihre Hauptbeschäftigung ist es allerdings, die Briefe von Eva zu lesen. In denen erfährt sie nach und nach, wie es Eva an den Bodensee geschafft hat, was sie lebenslang verschwiegen hat und welches Geheimnis Marlene in sich trägt. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, während die Gegenwart ebenfalls einige Überraschungen und Hindernisse bereit hält.

Dieser Roman hat absoluten Wohlfühlcharakter!

Geheimnis
Marlenes Geheimnis ~ Brigitte Riebe

Zuletzt hat mich Brigitte Riebe neben fantastischen Jugendromanen mit ihrem historischen Roman „Die geheime Braut“ (in dem ich auch selbst vorhanden bin) beeindruckt. Nun schafft sie es wieder und zwar mit einem Familienroman mit historischem Hintergrund.

Wohlfühlcharakter

Bereits auf den ersten Seiten spürte ich ihre wahnsinnige Schreibkraft, die mich auf den knapp über 430 Seiten gefangen genommen hat. Das Geheimnis sind ihre Charaktere die so nahbar sind, so authentisch und einfach liebenswert. Außerdem wecken diese in uns viel Neugierde und erzeugen das Gefühl von Verbundenheit, so dass man einfach wissen muss, was passieren wird.

„Mit leeren Händen kommen wir, … mit leeren Händen gehen wir. Alles, was bleibt, ist die Liebe, die wir in den Herzen derer gesät haben, die uns nahestanden.“ (Seite 70)

Weder Nane, noch Marlene sind durchschaubar, so das wild spekuliert, aber nicht vorher gesehen werden kann. Nach wenigen Seiten sind wir mit der Gegend vertraut, sehen die zwei Frauen vor uns und fühlen uns fast wie vor Ort. Und dann beginnt auch schon der Sprung in die Vergangenheit, denn Eva hat einen Brief für Nane hinterlassen. In diesem erzählt sie über ihr Leben und wir finden uns im Jahr 1938 wieder. Wir lesen von der Vertreibung aus dem Sudentenland und über eine atemberaubende Flucht. Nane und Eva – Gegenwart und Vergangenheit – zwei Leben die sich immer weiter annähern, verknüpfen und Geheimnisse ans Tageslicht bringen, die sehr viele dunkle Lebensecken hell erleuchten.

Es wird tragisch, schön, traurig, geheimnisvoll und einfach riebisch gut. Ihr dürft euch auf wundervolle Lesestunden freuen, denn ihr werdet tief berührt und fühlt euch dennoch wohl und ganz nebenbei gibt es eine Portion Geschichte.

Eure
Geheimnis

Die Unzertrennlichen ~ Stuart Nadler

unzertrennliche
Die Unzertrennlichen ~ Stuart Nadler

In dem Moment als mir langweilig wurde, holte mich Sutart Nadler ab und bescherte mir ein unterhaltsames Lesevergnügen mit schillernden Charakteren.

Trotzdem hat mich der Roman nicht wirklich überzeugt. Doch warum nicht? In das Cover war ich von Anfang an verliebt, ich mag es einfach, wobei ich Vögel nicht gerade mag. Es passt gut zum Titel, denn an den Farben der drei Wellensittiche ist leicht zu erkennen, dass eine Verwandschaft besteht.  Und ebendiese Verwandtschaft findet sich im Inhalt wieder, denn Nadler schreibt über drei Frauen – Tochter Lydia, Mutter Oona und Großmutter Henrietta. Klar, hier hätten auch die „richtigen“ Unzertrennlichen gewählt werden können, aber diese unterscheiden sich nicht.

Okay – bisher habe ich euch nur von der Optik und meinen Gedanken dazu erzählt, nun aber zum Inhalt. Dieser ist recht schnell erzählt, denn jede der Frauen hat ein Problem. Das Problem dreht sich jeweils um einen Mann. So hat Lydia akute Probleme mit einem Nacktfoto, welches ihr Ex-Freund verbreitet und sie fliegt von der Schule. Ihre Mutter Oona hat oft versucht, ihrem Mann das Kiffen auszutreiben. Sie ist allerdings immer gescheitert und hat sich nun in den Paartherapeuten verguckt, der alles über ihre Ehe weiß. Die Großmutter Henrietta hat ihren geliebten Mann verloren und kämpft jetzt alleine um ihr Haus und muss über sich ergehen lassen, dass ihr damaliges Kultbuch wieder aufgelegt wird. Während Lydia und Henrietta hoffen, dass alles ein böser Traum ist, stürzt sich Oona in ein kleines Liebesabenteuer.

Menschen machen Fehler. Menschen vereinsamen. Menschen handeln unklug, Menschen finden andere Menschen manchmal körperlich attraktiv, auch wenn sie sie auf persönlicher Ebene nicht besonders attraktiv finden. Menschen sind mitunter zu äußerst grausamen Taten fähig. Was nicht heißt, dass Menschen nicht zu guten Taten oder Vertrauen oder Wiedergutmachung fähig wären. (Seite 206)

Die Unzertrennlichen ~ Stuart Nadler

Das klingt doch aber nach einem herrlichen Familienroman, bei dem man sicher an der ein oder anderen Stelle laut lachen kann und es auch einige spannende Stellen gibt, bei denen mitgefiebert werden kann. Gute und leichte Unterhaltung für ruhige Abende. Ja – schon, aber…

3 Frauen – unzertrennlich

Mich hat Stuart Nadler einfach nicht richtig überzeugt. Ich habe das Buch recht schnell gelesen. Auch während der 360 Seiten habe ich nicht akut über einen Abbruch nachgedacht, gelacht und mich ab und an darin wiedergefunden. Dennoch habe ich mehr erwartet. Ich wünschte mir doch so, dass ich mich den Worten auf der Rückseite des Buches von Jami Attenberg „Genau SO muss ein Roman sein!“ anschließen kann.

Kurzerhand setzte ich mich mit einer Leserin und zwar mit Ines von letteratura in Verbindung, um vor allem eine weitere Meinung zu hören und dadurch eine andere Sichtweise zu bekommen. Sie formuliert in ihrem Artikel aber ganz treffend: „Aber irgendwo bleibt der Roman dann einfach stehen.“

Die Charaktere sind einzigartig und skurril, aber sie laufen letztendlich im Kreis und ich hätte gern mehr erfahren. Die Entwicklungen stagnierten und vielleicht komme ich nicht ganz mit Romanen klar, bei denen es am Ende zu viele offene Stellen gibt. Stuart Nadler hat mir die drei Frauen wohl zu schnell wieder weggenommen, obwohl auf jeden Fall zwei von ihnen noch einiges zu erzählen gehabt hätten. Schade.

Eure
unzertrennliche

Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran ~ E. E. Schmitt

Monsieur
Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran ~ Eric-Emmanuel Schmitt

Merkt euch gleich mal die Namen Moses, nein Momo, und Monsieur Ibrahim. Zwei Menschen, die unser Herz treffen. Ich habe von Eric-Emmanuel bisher zwei Bücher gelesen – „Oskar und die Dame in Rosa“ und „Mein Leben mit Mozart“ und an diese zwei Schätze erinnerte ich mich, als ich in der Bücherzelle „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ stehen sah. Logisch, dass ich es mitnahm und auch umgehend lesen musste. Eine knappe Stunde habe ich gebraucht, denn die 100 Seiten sind großzügig bedruckt. Ein Weglegen war nicht möglich, dazu ist der Band zu schmal und die Charaktere einfach zu großartig.

Ich müsste euch eigentlich hier lauter Zitate präsentieren, denn das schmale Büchlein, ist inhaltlich so verdammt groß und wortreich. Doch ich versuche euch erstmal mit meinen Worten zu überzeugen.

Schon der erste Kontakt mit dem kleinen (ohje, wenn er das hört), also heranwachsenden Moses ist leicht verstörend, wie auch lustig. Er knackt das Sparschwein, um zu einer Dirne zu gehen. Er möchte ein Mann sein und glaubt wohl kaum, dass ihn eine Mitschülerin dazu machen würde. (dick wie ein Sack Zucker (Seite11)) Das Geld hat er geklaut, denn sein Vater ist der Meinung – Geld ist zum Horten da, nicht zum Ausgeben. (Seite9)

Moses wird Momo

Zu Geld kommt Moses auch, indem er den schon immer alten Monsieur Ibrahim beklaut, in dem er so einige Konservenbüchsen im Kolonialwarenladen klaut. Er wird ertappt, von Ibrahim Momo getauft und dieser gibt ihm Tipps, wie er noch schneller Geld aus der Tasche vom Vater ziehen kann. Ibrahim durchschaut Momo und erkennt seine Lügen, der Tag an dem eine Freundschaft beginnt, die sich zu einer Vater-Sohn-Beziehung entwickelt, denn Momo hat letztendlich keine Eltern mehr. Seine Mutter ist nach seiner Geburt gegangen, mit dem angeblich perfektem Sohn und sein Vater wird blasser und blasser, bis er geht. Momo ist alleine und Ibrahim wird seine engste Bezugsperson. Sein Leben beginnt neu, es wird anders und beide Suchen das Lebensglück.

Monsieur
Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran ~ Eric-Emmanuel Schmitt

Dank des Eingreifens von Monsieur Ibrahim bekam die Welt der Erwachsenen Risse, sie war nicht mehr die gleiche glatte Mauer, gegen die ich stieß, durch einen Spalt hatte sich mir eine Hand entgegengestreckt. (Seite 23)

Es ist so herrlich, Momo in seiner Sturm und Drangzeit zu begleiten. Ein wunderbarer Charakter mit viel Humor, ein paar naiven Nuancen, durch und durch aber clever, lernbegierig und lebensfroh. Und er geht mal gern zu einer Dirne, ach, Ibrahim auch.

Eric-Emmanuel Schmitt hat mich wieder begeistert. Er ist Meister darin, mit wenigen Worten Leserherzen zu rühren und auch in diesem Buch habe ich gefühlt auf fast jeder Seite ein Post-it kleben. Es wird die Liebe thematisiert, das Elternhaus, Erinnerungen, das aktuelle Umfeld, aber auch die Religion und den Tod. Allerdings nicht trocken, belehrend oder fad, sondern leicht und regelrecht spielerisch und dennoch nicht oberflächlich.

„Und Jude sein hat mit Gott nichts zu tun?“ „Für mich nicht mehr. Jude sein bedeutet einfach, Erinnerungen zu haben. Schlechte Erinnerungen.“ (Seite 46)

Ach, mein Herz blüht auf, wenn ich an Moses und den guten Monsieur Ibrahim denke. Ein Buch, was sich so gut zum Verschenken eignet, denn es ist für jeden Leser, der eine knappe Stunde großartige Literatur und liebenswerte Charaktere mag.

Eure


Monsieur

Mach´s in Dresden

Mach´s
Mach´s in Dresden ~ Catherine Bott

Jetzt könnt ihr buchig aktiv werden, dank Marco Polo. Für Köln, Frankfurt, Wien, München, Stuttgart, Hamburg und Dresden gibt es unfertige Cityguides. Bitte was? Ihr kennt doch die genialen „KeinBuch“ und „Mach dieses Buch fertig“ Bücher, richtig? Das Prinzip ist ähnlich, aber eben für Städte. Ich habe mich doch gleich mal mit Autorin Catherine Bott in Verbindung gesetzt und mich durch den Dresden-Cityguid geblättert.

Viel Freude mit ihren Antworten auf meine Fragen 😉

iest du auch ganz normale Bücher oder bist du generell für Bücher zu begeistern, bei denen Aktivität gefragt ist?

                                                                                                                                         Ich muss gestehen, dass ich mir interaktive Bücher bisher nur in den Buchhandlungen angeschaut habe. Das Buch „Mach dieses Buch fertig“ fand ich zum Beispiel eine lustige Idee für ein interaktives Buch. Plötzlich soll man ganz unkonventionell mit einem Buch umgehen – Seiten zerreißen, mit dem Buch duschen oder es durchlöchern.

Dass ich auch so ein Buch gestalten durfte, hat super viel Spaß und interaktive Bücher nur noch interessanter für mich gemacht.

n welcher Aufgabe findest du dich am meisten wieder?

                                                                                                                                    Beim Schloss Übigau komme ich öfter vorbei und stelle mir vor, was ich aus dem Gebäude machen würde. Die Aufgabe ist auch ein Versuch dem letzten unsanierten Dresdner Schloss Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Bei den Top Touri Fails spreche ich zum Beispiel aus eigener Erfahrung: Die Bäckerin am Pirnaischen Platz hatte andere Vorstellungen davon, was ein Berliner ist.

 

Eigentlich finde ich mich in fast jeder Aufgabe wieder. Ich liebe es, wenn man auf ganz unkonventionelle Art und Weise rumspinnt und kreativ werden kann. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich ein eher zurückhaltender Mensch bin. Du wirst mich wahrscheinlich nicht durch Dresden laufen sehen und hören, wie ich Lobreden auf berühmte Persönlichkeiten halte.

itel sind oft entscheidend – was sagst du zu „Mach´s in Dresden“?

                                                                                                                                    Der Titel ist Programm. Denn der spielt bereits mit dem aktiven Inhalt des Buches. Das ist ja gerade das Neue bei dieser Buchreihe, dass sie auf ungewöhnliche Art zum Handeln und Entdecken aktiviert – hoffentlich auch die Couchpotatoes 😉

rzähl doch mal – hast du selbst schon dein ganzes Buch entdeckt?

                                                                                                                                    Bei der Ideensammlung hieß es natürlich öfter auch die Orte zu entdecken, die in dem Buch zu finden sind. Durch Dresden zu laufen und die Augen offen zu halten hat ziemlich gut geholfen, neue Ideen zu bekommen. An der Drachenschlucht war ich allerdings noch nicht rodeln. Vielleicht diesen Winter mit Schnee und Buch im Gepäck.

aus, quer durch Dresden – hast du schon viele Menschen mit deinem Buch getroffen?

                                                                                                                          Außerhalb des Freundes- und Familienkreises noch nicht. Vielleicht sollte ich an den Orten im Buch mal Schmiere stehen.

benteuer können einem bei der kleinsten Aufgabe widerfahren. Hast du schon Erlebnisberichte bekommen?

                                                                                                                                   Aus dem Freundeskreis bekomme ich ab und zu Bilder, wie gerade eine Aufgabe gelöst wird – wenn die Flaschenpost nach Hamburg abgeschickt wird oder Schloss Übigau wieder einen neuen Anstrich hat. Das ist natürlich immer schön zu sehen, wie das Buch benutzt wird.

rotz der vielen Ideen – hast du noch mehr davon und wie bist du überhaupt in die Lage gekommen, diese Ideen in einem „Dresdenaktivbuch“ festzuhalten?

                                                                                                                                   Jetzt wo das Buch fertig ist, fallen mir immer wieder weitere Aufgaben ein – vielleicht für eine zweite Auflage.

Meine ehemalige Professorin Martina Jess von der Fachhochschule Dresden (FHD) hatte uns Studenten eine Stellenausschreibung weitergeleitet. Ich habe mich daraufhin beim Verlag beworben und nachdem ich ein paar Probeseiten abgegeben hatte, habe ich eine Zusage bekommen, das Buch machen zu können. Gut mich für – und für den Verlag 😉

o kamen dir die besten Ideen für dein Buch und wie lange hat es gedauert, bis du alle beisammen hattest?

                                                                                                                                    Für das Buch hatte ich ca. zwei Monate Zeit. Das heißt Ideenfindung und Umsetzung mussten relativ zügig erarbeitet werden. Die besten Ideen kamen häufig bei Gesprächen mit Familie und Freunden oder beim Laufen durch die Stadt.

hne Protagonisten kommt dein Buch aus, denn der Leser selbst wird zur Hauptfigur. Welche Zielgruppe möchtest du erreichen?

                                                                                                                                     Mit dem Buch möchte ich besonders die Jüngeren und neu zugezogene Dresdner dazu animieren, Ihre Stadt neu zu entdecken.

Aber natürlich sind auch alle abenteuerlichen Dresdner und Touristen gern dazu eingeladen, die Stadt auf eine ganz besondere Art kennenzulernen. Im Vergleich zu normalen Cityguides ist „Mach’s in Dresden“ nicht mit Stadtplänen oder harten Fakten bestückt. Stattdessen hat jede Aufgabe etwas mit Dresden zu tun, die den Leser durch die Stadt führt. Der Leser erhält Einblick in die Eigenarten der Stadt und deren Bewohner. Und das Gute dabei: Jeder, der mit dem Buch Dresden entdeckt, hat etwas zu erzählen.

Mach´s
Mach´s in Dresden ~ Catherine Bott

Was sagt ihr? Habt ihr Lust, euren persönlichen Cityguid zu erstellen? Es macht wirklich Laune, mit dem Buch durch die Stadt zu ziehen. Egal ob die Stadt eure Heimatstadt ist (ihr werdet sicher doch die ein oder andere neue Ecke entdecken) oder eine bisher noch unbekannte Stadt – Abenteuer und herrliche Blicke von Mitmenschen garantiert.

Ihr werdet sehen, dass ihr schnell mit anderen Touristen oder Einheimischen ins Gespräch kommt – das Buch erregt bei „Anwendung“ Aufmerksamkeit. So und nun muss ich los, denn es gibt noch einige freie Seiten, die gefüllt werden wollen. Eine Seite muss heute noch in der Elbe baden gehen – ohje…

Danke an Catherine und vielleicht gibt es demnächst schon weitere Städte in denen wir buchig spielen können. 😉

Eure


Mach´s

Die junge Braut ~ Alessandro Baricco

Braut
Die junge Braut ~ Alessandro Baricco

Muss man an Baricco herangeführt werden und sollte man seinen neuen Roman „Die junge Braut“ (Hoffmann und Campe) kennen?

Ich wurde an Baricco herangeführt und zwar über „Seide„, danach war ich „Ohne Blut“ und anschließend nahm ich die „Smith & Wesson“. Und obwohl ich schon knappe 40 Seiten im neuen Werk gelesen hatte, gelang es mir nicht, alleine darin zu bleiben. Keine Ahnung warum, es gibt keinen Grund, denn das Buch ist einfach stark. Merkwürdig aber wahr, auch hier wurde ich erneut an Baricco herangeführt. Danke Arndt – es ist dir erneut gelungen und nun kenne ich vier Romane aus der Feder deines Lieblingsautors.

Am besten lest ihr den Roman am Frühstückstisch. Dann seid ihr so ziemlich nah an der Familie dran, bei der ihr die nächsten 200 Seiten, gemeinsam mit der Braut, unterkommt. Das Frühstück wird nämlich zelebriert, aber nicht nur ein paar Stunden, sondern bis 15 Uhr. Ein tägliches Fest, also setzt euch und lernt in Ruhe die Charaktere des Hauses mit all ihren Geheimnissen kennen.

Vielleicht solltet ihr allerdings wissen, dass vier Regeln eingehalten werden müssen. Diese sind auch für die Braut recht wichtig. Unglück ist im Hause nicht erwünscht, die Nacht wird gefürchtet, da bisher immer alle Bewohner des Hauses nachts gestorben sind (also macht euch vorsichtshalber richtig schön, wenn ihr ins Bett geht) und bitte sucht keine Bücher im Haus, denn es gibt keine. Bringt also auch bitte keine mit oder versteckt sie gut und bitte achtet darauf, den herzkranken Vater nicht aufzuregen. Das war es auch schon.

Ihr werdet keinesfalls blasse Charaktere finden, wenn ihr das denkt. Das Cover muss so aussehen, denn die Großmutter belehrte die Braut einst mit den Worten: „Bewahre die Frau die du bist, in deinen Augen und im Mund, alles andere wirf weg, …wenn du unbedingt musst, verzichte auch auf die Augen, gewöhne dich daran, zu Boden zu blicken. Aber rette den Mund, …“ (Seite 43)

Braut
Die junge Braut ~ Alessandro Baricco

Alessandro Baricco schreibt wahnsinnig stark. Bariccokenner Arndt (Astrolibrium) lobt den Roman in unserem Whatsappschriftverkehr als ein extrem guter Baricco mit starken Bildern und Metaphern. Oh ja, ihr könnt euch auf so einige Bilder freuen und solltet auch seine Worte zum Roman kennen.

„Die Mutter schien zu ihr dieselbe Beziehung zu haben wie zu einem Schal, den sie sich über die Schultern geworfen hatte.“ (Seite 80)

Und vor allem auf die wundervollen Charaktere. Jeder hat eine besondere Art, eine eigene Geschichte und natürlich auch eine interessante Vergangenheit. Mehr möchte ich euch gar nicht verraten, denn jedes Vorgreifen würde die Überraschung zerstören, auch wenn es mir schwer fällt.

Doch ich möchte euch ein wenig vorwarnen. Baricco kann sehr erotisch schreiben und es warten so einige erotische und vor allem in ihrer Art recht extrem ungewöhnliche Situationen auf euch. Ganz langsam schleichen diese an euch heran und ehe ihr es begreift, steckt ihr schon mittendrin.

2000 Eindrücke auf 200 Seiten

Als ob die vielen Ereignisse, Eindrücke und Geschichten nicht genug sind, ist die Erzählart wahnsinnig gut. Bisher habe ich diese in noch keinem Buch vorgefunden. Die Erzählstimme wechselt unangekündigt, auch mal mitten im Satz. Was für ein grandioses literarisches Vergnügen. Wahnsinnig gut. Eine Aufteilung in Kapitel findet ihr nicht vor und das ist auch wirklich gut so. Ihr werdet schon merken, was ich meine.

Lasst euch auf Baricco ein, vertraut ihm, lernt die Familie und die junge Braut kennen und seid darauf vorbereitet, dass das Buch noch lange nachwirken wird, denn graue Stellen färben sich am Ende bunt.

Eure
Braut

[Erotik] LOLA ~ Julie Estéve

Lola
LOLA ~ Julie Estéve

So wie andere Leute sich mit der Rasierklinge ritzen, spreizt Lola die Beine. Denn sie findet beim Sex, das verstehe, wer will, ein Stück weit ihre Unschuld wieder. (Seite 28)

Das ist Lola, eine nicht zu bändigende Frau. Sie zieht sich gern aufreizend an und dann schlägt sie zu. Es darf gern spontan sein, zum Beispiel auf der Kirmes in der Geisterbahn. Ein schneller Blowjob, das klicken der Nagelschere und weg ist sie. Auf ins nächste Abenteuer. Nur nicht an die tote Mutter oder den alkoholkranken Vater denken und erst Recht nicht an die große Liebe, die der Vergangenheit angehört und in ihr steckt wie ein Messer im Herz. Der Blick geht in Richtung Zukunft, in Richtung nächste schnelle Nummer, nächster Orgasmus.

Sie muss sich schleunigst den nächsten Typen krallen. Ins nächste Vergessen stürzen, das Grab ihrer Erinnerung schänden. Sie darf nur nicht aufhören damit, sie bracht noch mehr Nägel. Bald ist ihr Glas voll. (Seite 82/83)

Von jedem Mann hat sie nun eine Erinnerung. Hauptsache es hat ihr Spaß gemacht, dem Mann sowieso, schließlich spritzt er und vielleicht hat sie sogar dazu beigetragen, dass er sich nach ihr sehnt, das sein Leben jetzt durch diese Begegnung einen anderen Takt annimmt. Ihr ist es egal, ob sie sich dem Schuster oder einem Geschäftsführer an den Hals wirft, Kopf aus, Sex an.

Lola provoziert, liebt die eifersüchtigen Blicke von anderen Frauen und wildert sich durch Paris.

Lola
LOLA ~ Julie Estéve

Sie will einfach ständig begehrt werden, immer wieder die unerstättliche Gier des ersten Mals spüren. (Seite 120)

Lola hat keine Freunde, lediglich Bekannte. Wir betrachten ihr Leben von außen und schauen ihr beim Wildern zu. Wir blicken intensiv in sie rein und fühlen ihre innerlichen Schmerzen, die sie der Außenwelt verbirgt und sich selbst auch gern verschweigt. Es ist schier unmöglich den Debütroman der Französin Julie Estéve aus der Hand zu legen. Der Erotikroman umfasst keine 160 Seiten und nicht zu wissen, was Lola als nächstes macht, gleicht einem spannenden Krimi. Es knistert zwischen den Seiten und wir erleben Lola täglich neu, vor allem nachdem sie Dove, ihrem Nachbar mit der köstlichen Schokolade, begegnet ist. Dove hat einen Lebensplan – Lola ist aber Lola – oder?

10% Lola stecken in jeder Frau

Die Autorin wickelt uns Leser ganz edel ein, wickelt uns wieder aus und lässt uns Luft für Spekulationen, für eigene Gedanken. Ihr Buch ist grob, zärtlich und aufwühlend zugleich. Das französische Cover gleicht nicht dem deutschen, sondern zeigt die Autorin selbst, was wiederum das Leser-Kopfkino anschaltet und autobiografische Züge darin vermuten lässt.

Wer es auch ein wenig verrucht mag und gern mit weiblichen Charakteren, welche nicht gleich gut zu durchschauen sind und provozieren, durch Paris zieht, sollte sich mit Lola treffen. Außerdem bin ich ganz fest davon überzeugt, dass in jeder Frau mindestens 10% Lola steckt.

Eure
Lola

Sonderbare Dorfbewohner und ein Okapi

Okapi
Was man von hier aus sehen kann ~ Mariana Leky

Was soll an sonderbaren Bewohnern und einem Okapi, was einer Großmutter im Traum erscheint, denn besonders lesenswer sein?

Das Thema Hype um Bücher blende ich gleich mal komplett aus, oder? Also ihr wisst ja, dass das Buch gefühlt jeder gelesen hat und ich es nicht lesen wollte. Der Grund: zwei Leky Bücher habe ich gelesen, meine Erinnerungen sind aber nicht mehr so stark, also keine Worte die nachhaltig sind. Jedenfalls kam es dann doch wie es wohl kommen musste – Danke liebe Sharon, für die Zusendung des Buches. Du magst es nicht so sehr, ich mag es sehr und ich begründe gerne, warum.

Schon allein das folgende Zitat ist wegweisend und gibt genau das wieder, was das Buch für mich so besonders macht. Es ist wie ein Okapi.

Das Okapi ist ein abwegiges Tier, viel abwegiger als der Tod, und es sieht vollkommen zusammenhanglos aus mit seinen Zebraunterschenkeln, seinen Tapirhufen, seinem giraffenhaft geformten rostroten Leib, seinen Rehaugen und Mausohren. Ein Okapit ist absolut unglaubwürdig, in der Wirklichkeit nicht weniger als in den unheilvollen Träumen einer Westerwäldlerin. (Seite 14)

Ein Traum von Selma bringt oftmals das ganze Dorf durcheinander. Als ihre Enkelin Luise, Ich-Erzählerin des Romans, 10 Jahre jung ist, passiert es wieder. Selma ist ein Okapi im Traum erschienen. Jemand wird sterben. Im Dort herrscht Umtriebigkeit, denn es kann jeden treffen. Einige Bewohner öffnen sich und geben Geständnisse ab, andere hoffen, dass es sie treffen wird, einige versuchen nachzuhelfen und andere genießen die vielleicht letzten Stunden. Und dann stirbt ein Mensch.

Als Leser hat man das Gefühl, in einer ganz anderen kleinen Welt, abgeschotten von anderen großen Welten, angekommen zu sein. Ein gemütliches Dorf in dem jeder Bewohner eine eigene Macke hat, die ihn liebenswert wert. Aber was soll denn an einem Dorfbuch so besonders sein? Das habe ich mich eben auch immer gefragt, bevor mich Mariana Lekys Worte abholten. Es sind die Charaktere, die meinetwegen ab und an übertrieben wirken, es sind die oft komischen Situationen und es ist auch die Liebe, die ganz unverkitscht spürbar ist.

Okapi
Was man von hier aus sehen kann ~ Mariana Leky

Ich meine, wann habt ihr zuletzt von einer Elsbeth gelesen, die total abergläubisch ist oder einem Optiker der über Jahre versucht seine Liebe zu gestehen und einen Koffer voller Liebesbriefe (zumindest die Anfänge) hat oder vielleicht von einer Selma die von Okapis träumt? Es gibt noch einen Doktor in Lederjacke, ein betrunkener Jäger, einen Hund namens Alaksa und es gibt Marlies, die traurige Einzelgängerin. Und wenn ihr denkt, dass das alle sind – nein. Ein Mönch aus Japan trifft auf Luise, die eigentlich Martin heiraten wollte.

Ich beschloss, Martin später zu heiraten, weil ich fand, der Richtige sei der, der einem das Hinsehen erspart, wenn die Welt ihren Lauf nimmt. (Seite 52)

Das mag jetzt verwirrend und komisch klingen, ersteres trifft bei „Was man von hier aus sehen kann“ (Dumont) nicht zu.

Oh, ich mag es sehr. Oh, auf jeden Fall, denn Mariana Leky schreibt einfach grandios. Die Sätze sind so ergiebig und auch prägend, obwohl darin allerhand Komik steckt. Es ist ein Buch, was recht neutral ist und sich dadurch wunderbar zum Verschenken eignet. Ich mag es euch sehr empfehlen, da mir die Protagonisten einfach ans Herz gewachsen sind. Jeder im Dort hat seinen eigenen Knall und beim Okapit-Traum werden alle ein wenig geerdet und es gibt einen kleinen Neuanfang.

Leky erzählt so wunderbar, durch Luise. Die Art und Weise hält uns Leser neugierig, denn wir erfahren was passiert ist, aber nicht gleich, wieso es passiert ist. Nach und nach werden einige Situationen von hinten aufgerollt und brennen sich dadurch tiefer ein. Ein Buch was vor literarisch hervorragenden Sätzen trieft und wirklich Spaß macht. Ich vermisse jetzt schon die verschrobenen Charaktere. Hach…

Habt ihr eigentlichAltes Land“ von Dörte Hansen gelesen? Lekys Roman hat den gleichen Wohlfühlfaktor!

Eure
Okapi

Der Junge auf dem Berg ~ John Boyne

Junge
Der Junge auf dem Berg ~ John Boyne

Schon das Wort „Junge“ von Boynes Neuling lässt erahnen, dass wir Gegen das Vergessen lesen und das es gut wird und emotional. Denn ein Boyne ist ein Boyne ist ein Boyne – richtig? Wir kennen ihn (hoffentlich) alle, den Jungen im gestreiften Pyjama. Eine bewegende Geschichte die nicht nur eine Geschichte ist und kein Leserauge trocken gelassen hat. Ich war ergriffen und habe geweint.

Nun machte ich mich also bereit für den Jungen auf den Berg und das dieser Berg kein ganz normaler ist, ist logisch. Es handelt sich hier um den Obersalzberg. Richtig, um Hitlers Feriendomizil, ein Haus, der Berghof. Allerdings lernen wir den Jungen Pierrot Webers nicht als deutschen Jungen, sondern als Franzosen kennen. Er lebt recht behütet mit seinen Vater (vom ersten Weltkrieg psychisch gezeichnet) und seiner Mutter. Kurze Zeit später verliert er beide Eltern und kommt in ein Waisenhaus. Pierrot wäre lieber zu seinem besten Freund gezogen. Er und Anshel Bronstein sind beste Freunde, haben geheime Zeichen und dort hätte er bei seinem Hund sein können. Doch Anshel ist Jude und der zweite Weltkrieg ist im Anmarsch.

Seine Tante Beatrix holt ihn aber bald zu sich. Die Tante, zu der er bisher keinen Kontakt hatte, kein Kontakt zu Stande kam, nicht kommen konnte. Beatrix ist Angestellte auf dem Berghof und genau dort wohnt jetzt auch der französische Pierrot Webers, der schnell zum Deutschen Peter Weber wird. Peter ist jung und naiv und Hitler ist beeindruckend, mächtig und eine Art Vaterfigur für ihn. Peter möchte eine Uniform und keine Briefe mehr von seinem besten Freund Anshel. Er möchte eine hübsche Frau und während Peter auf dem Berghof immer deutscher und deutsche wird, bereut seine Tante, ihn dahin geholt zu haben…

Er solle nie so tun, als hätte er nicht gewusst, was vor sich ging; so eine Lüge wäre das schlimmste Verbrechen überhaupt. (Seite 313)

Junge
Der Junge auf dem Berg ~ John Boyne

Das klingt doch alles sehr nach unserem John Boyne, wie wir ihn kennen. Ich habe mich sehr auf diesen Roman gefreut, auch wenn ich ahnte, dass ich schwer schlucken werden würde. Bevor ich ins Jahr 1936 zurück reiste, schaute ich mir die Bilder an, welche nach dem eindringlichen Vorwort von John Boyne und dem Interview mit ihm zu finden sind. Ein schöner und wichtiger Zusatz zum Roman.

Die ersten Seiten verschlang ich regelrecht, dann gab es einen zähen Teil und ich schüttelte immer wieder den Kopf, aber dann ging es rasant weiter und John Boyne fesselte mich. Hauptprotagonist Pierrot schaffte es dennoch nicht, mein Herz zu erobern. Er blieb blass, vor allem ohne jegliche Gefühle und einfach naiv. Stellenweise kam er unglaubwürdig rüber. Doch ich unterstelle dem Autor hier Absicht, denn trotz der unschönen Kindheit, hat er sich zu einem manipuliertem Menschen entwickelt, mit dem man kein Mitleid haben darf. Es sei denn, man denkt wie er, man denkt wie Hitler. Doch auch bis zum Ende wurde ich trotz einschneidender und schockierender Situationen nicht so emotional, wie ich es erwartet hätte.

Gemeinsam mit Nanni von Fantasie und Träumerei habe ich mich zwischen die Seiten begeben. Wir haben uns intensiv über den Roman ausgetauscht und sind beide zu der Meinung gekommen, dass Boyne geschichtlich gut aufklärt, uns aber nicht so emotional abgeholt hat, wie sonst. Lieber John Boyne, auch wenn du das nicht lesen magst, es ist leider so und wir grübeln noch ein wenig, warum…

A B E R – „Der Junge auf dem Berg“ (FISCHER) ist ein weiterer wichtiger Roman, der uns wach rüttelt, die Augen offen lassen hält und für Gegen das Vergessen steht.

Eure
Junge